Montag, 1. Juni 2026

Sentimental Value


Regie: Joachim Trier

Die Rückkehr des Vaters...

Bei den 83. Golden Globe Awards wurde Joachim Triers versöhnliches Familiendrama "Sentimental Value" als bester Film nominiert und Stellan Skarsgard wurde als bester Nebendarsteller ausgezeichnet. Bei der Vergabe der 98. Academy Awards lief es für den norwegischen Film noch besser, denn er erhielt insgesamt neun Nominierungen, von denen vier an die Darsteller (Renate Reinsve, Stellan Skarsgard, Elle Fanning und Inga Ibsdotter Lilleas) gingen. Ausserdem wurde er in den Kategorien "Bester Film,"Beste Regie", "bester fremdländischer Film", "bester Schnitt" und "bestes Originaldrehbuch". Allerdings siegte "Sentimental Value" nur in der Kategorie des besten Auslandsfilms, es war aber der erste Sieg für Norwegen. Desweiteren gewann der Film auch 6 Europäische Filmpreise (Bester Film, beste Regie, Reinsve, Skarsgard, Musik Hania Rani und bestes Drehbuch von Eskil Vogt und Trier. Der Film erzählt die Geschichte der Schwestern Nora (Renate Reinsve) und Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) bei ihrer Wiedervereinigung mit ihrem entfremdeten Vater Gustav (Stellan Skarsgård). Nachdem der Filmregisseur Gustav Borg und die Psychotherapeutin Sissel Borg ihre schwierige Ehe beendet haben, nutzt Gustav die Scheidung als Vorwand, Norwegen zu verlassen und sich auf seine Karriere zu konzentrieren. Sissel zieht die gemeinsamen Töchter Nora und Agnes weiterhin in ihrem Haus in Oslo auf, das seit Generationen im Besitz von Gustavs Familie ist. Agnes arbeitet als Historikerin, ist verheiratet und hat einen Sohn. Nora wird eine recht erfolgreiche Bühnenschauspielerin, leidet jedoch unter lähmendem Lampenfieber.Nach Sissels Tod kehrt Gustav nach Norwegen zurück, um das Haus zurückzufordern. Seine Töchter hegen zunehmend Groll gegen ihn wegen seiner langen Abwesenheiten und seines Alkoholproblems, wobei Agnes ihm gegenüber verständnisvoller ist. Er versucht, sich mit seinen Töchtern zu versöhnen, doch ihre Gespräche werden immer wieder durch seine subtilen Aggressionen und seinen Mangel an emotionaler Intelligenz gestört. Zu Agnes’ jungem Sohn Erik hat er ein besseres Verhältnis, zu dem er hauptsächlich über Filme Kontakt pflegt.Gustavs (Stellan Skarsgard) Karriere befindet sich im Sinkflug, da er Schwierigkeiten hat, die Finanzierung seiner Projekte zu sichern. Sein neuestes Drehbuch scheint von seiner Mutter Karin inspiriert zu sein, einem Mitglied der norwegischen Widerstandsbewegung, die während der Nazi-Besatzung gefoltert wurde und schließlich im Haus der Familie Selbstmord beging, als Gustav sieben Jahre alt war. Gustav schlägt vor, den Film im Originalhaus zu drehen und hofft, den Selbstmord in der Schlussszene nachzustellen. Er bittet Nora (Renate Reinsve), Karin zu spielen, doch Nora weigert sich, das Drehbuch überhaupt zu lesen.Nachdem Gustav die amerikanische Schauspielerin Rachel Kemp (Elle Fanning) beim Deauville American Film Festival getroffen hat, bietet er ihr die Rolle der Karin an. Kemps Star-Appeal überzeugt Netflix, das Projekt zu finanzieren. Die Produktion verläuft jedoch nicht reibungslos, da Gustav offen seine Abneigung gegen die Zusammenarbeit mit Netflix zum Ausdruck bringt. Als er seinen langjährigen Kameramann Peter (Lars Väringer) aufsucht, um ihn um seine Mitarbeit zu bitten, ist Gustav über Peters Gebrechlichkeit und schlechten Gesundheitszustand besorgt. Rachel, die kein Norwegisch spricht, fühlt sich zunehmend unwohl dabei, dass Gustav das Drehbuch für sie ins Englische übersetzen musste. Nora ist irritiert, dass Gustav Rachel mit mehr Einfühlungsvermögen behandelt als seine eigenen Töchter.Jakob (Anders Danielsen Lie), der mit Nora ein Verhältnis hat, lässt sich von seiner Frau scheiden, weigert sich aber, sich weiterhin auf Nora einzulassen. Gustav bringt Nora zur Weißglut, indem er andeutet, ihre innere Wut hindere sie daran, die Liebe zu finden. Daraufhin verliert Nora das Interesse an ihrer Arbeit. Agnes ist außer sich, als Gustav ihren Jungen Erik (Øyvind Hesjedal Loven) ohne ihre Zustimmung für den Film besetzt und bemerkt bitter, dass Gustavs frühere Besetzung ihrer Person seine allgemeinen Versäumnisse als Vater nicht wettgemacht habe. Rachel, die erkennt, dass die Rolle nicht zu ihr passt und Gustavs erste Wahl immer noch Nora ist, verlässt die Produktion. Am Abend geht Gustav betrunken nach draußen, zeigt den Mittelfinger, bricht zusammen und wird ins Krankenhaus eingeliefert.Um ihren Vater besser zu verstehen, besucht Agnes das norwegische Nationalarchiv, um die Aussage ihrer Großmutter an die Nachkriegsregierung über ihre Folter zu lesen, über die diese sonst mit niemandem sprechen wollte. Agnes spürt, dass Karin ihr generationenübergreifendes Trauma an Gustav weitergegeben hat, und liest sein Drehbuch. Sie erkennt, dass die Handlung des Films zwar von Karin inspiriert ist, sein emotionaler Bogen aber Gustavs aufrichtiges Bedauern über die zerbrochene Beziehung zu Nora widerspiegelt. Agnes ist besonders von der Schlussszene berührt: Es wird enthüllt, dass Noras eigener Selbstmordversuch, den sie Gustav nie anvertraut hatte, mit frappierender Ähnlichkeit im Drehbuch dargestellt wird. Agnes drängt Nora, das Drehbuch zu lesen, was diese schließlich tut. Bewegt von einem Gefühl des Verständnisses zwischen sich und ihrem Vater, willigt Nora schließlich ein, im Film mitzuwirken.Gustav finanziert den Film, indem er das Familienhaus verkauft, das mit neuen, moderneren Möbeln ausgestattet ist. Einige Zeit später schreiten die Dreharbeiten voran. Gedreht wird in einem Studio, das das Borg-Familienhaus nachbildet. Nora spielt die Schlüsselszene, in der Erik ihren Sohn verkörpert. Nach der letzten Aufnahme tauscht sie einen wortlosen, verständnisvollen Blick mit ihrem Vater...







Joachim Triers vorherige Filme "Thelma" und "Der schlimmste Mensch der Welt" waren bereits international erfolgreich. Auch "Sentimental Value" spielte bei einem Budget von ca. 7,8 Millionen Dollar mehr als das Dreifache ein. Die Geschichte ist spröde und orientiert sich stark am Werk von Ingmar Bergman, erinnert auch an die nachdenklicheren Filme von Woody Allen, der ja bekanntlich ebenfalls von Bergman inspiriert wurde. Zwei schöne Filmsongs aus dem Jahr 1972 sind am Schluß und im Abspann zu hören. Die Songs heißen "Dancing Girl" von Terry Callier und "Cannock Chase" von Labi Siffre. "Sentimental Value" ist viel ernster als Triers Vorgängerfilme - interessanterweise spielt das Haus eine ebenso wichtige Rolle wie die Filmfiguren. Die Darstellerleistungen sind ausserordentlich gut und geben der Geschichte einen meditativen Touch. 









Bewertung: 8 von 10 Punkten. 

Hamnet























Regie: Chloe Zhao

Shakespeares Familie...

Insgesamt kam der Historienfilm "Hamnet" von Chloe Zhao (The Rider, Nomadland) auf 8 Oscarnominierungen (Bester Film, beste Regie, bestes adaptiertes Drehbuch, beste Kamera Lukasz Zal, beste Musik Max Richter, beste Kostüme, bestes Casting, bestes Szenenbild, beste Hauptdarstellerin), von denen Jessie Buckley in der Rolle der Agnes Shakespeare am Ende auch den Sieg davontrug. Die Schauspielerin gewann ebenso den Golden Globe für diese Rolle.Eine brutale Schönheit umgibt diesen Film, einige Szenen sind so drastisch und emotional in ihrer Trauer, dass sich dies auf den Zuschauer überträgt. Der Film basiert auf der Romanvorlage von Maggie O´Farrell, die auch das Drehbuch mit der Regisseurin verfasste. Dabei hat die Autorin der realen Lebensgeschichte des englischen Dramatikers und seiner Familie auch ein paar erfundene Ereignisse beigemischt, wobei sie nicht so abwegig erscheinen - sie könnten sich vielleicht so zugetragen haben. Hauptteil des Films ist die Geschichte von William Shakespeare und seiner Frau Agnes Hathaway, die den Tod ihres elfjährigen Sohnes Hamnet verarbeiten müssen. Die Kritiken fielen positiv aus, insbesondere Buckleys schauspielerische Leistung wurde gelobt. Ein schriftlicher Prolog besagt, dass in Stratford, England, „Hamnet“ und „Hamlet“ als ein und derselbe Name galten.Agnes (Jessie Buckley) befindet sich in einem Wald nahe einer geheimnisvollen Höhle, wo sie mit ihrem Falknerhandschuh einen Falken herbeiruft und Kräuter sammelt. William Shakespeare (Paul Mescal) arbeitet als Hauslehrer, um Familienschulden zu begleichen. Nachdem er Agnes gesehen hat, verlässt er seine Schüler, und die beiden verbringen einen Moment miteinander. Williams Mutter Mary (Emily Watson) erzählt ihm von Gerüchten, Agnes sei die Tochter einer Waldhexe, die ihr Kräuterkunde beigebracht habe. Später wendet Agnes dieses Wissen an, um eine Schnittwunde an Williams Stirn zu behandeln.William besucht Agnes im Wald. Sie bittet ihn um eine Geschichte, und er erzählt ihr die Legende von Orpheus und Eurydike, was sie sehr erfreut. Agnes liest Williams Hand und prophezeit ihm auf dem Sterbebett eine erfolgreiche Zukunft und zwei Kinder. Die beiden vollziehen ihre Beziehung, Agnes wird schwanger, woraufhin ihre Familie sie verstößt und sie gezwungen ist, bei den Shakespeares einzuziehen. 1582 heiraten die beiden, und Agnes bringt Susanna (Bodhi Rae Breathnach) im Wald zur Welt.William rächt sich, als sein Vater John (David Wilmot)ihn schlägt, weil er sich weigert, Handarbeit zu leisten. Da Agnes Williams Frustration mit dem Schreiben bemerkt, schlägt sie ihrem Bruder Bartholomew (Joe Alwyn) vor, ihn für eine Theaterkarriere nach London zu schicken und sie und Susanna in Stratford zurückzulassen. Einige Zeit später versucht die schwangere Agnes, im Freien zu gebären, doch Williams Familie behauptet, der Fluss sei über die Ufer getreten, und hält sie im Haus fest. Dort bringt sie die Zwillinge Hamnet (Jacobi Jupe) und Judith (Olivia Lynes) zur Welt, wobei Judith scheinbar tot geboren wird. Agnes erinnert sich daran, wie sie vom Sterbebett ihrer Mutter ferngehalten wurde, und verlangt trotz ihres Aberglaubens, das Baby halten zu dürfen. Judith erwacht.Elf Jahre später kehrt der inzwischen erfolgreiche William immer wieder zurück, während die Kinder eng verbunden aufwachsen. Die Zwillinge glauben, sich ähnlich zu sehen, und versuchen häufig, die Familienmitglieder zu täuschen, indem sie die Kleidung des jeweils anderen tragen. Agnes' Falke stirbt und wird begraben. Sie fordert die Kinder auf, dem Falkengeist einen Wunsch zu äußern, der sie, wie sie sagt, in seinem Herzen tragen wird. Agnes prophezeit Hamnet, der der Theatergruppe seines Vaters beitreten möchte, Erfolg.Zurück in London irrt William während eines Ausbruchs der Beulenpest durch die Straßen und sieht sich ein Puppentheater an, das die Pest und ihren Tod darstellt. In Stratford erkrankt Judith an der Pest. Hamnet erzählt ihr die Geschichte vom Falken, um sie zu ermutigen, und legt sich neben sie. Er verkündet, er wolle ihren Platz einnehmen, um den Tod zu überlisten. Judiths Zustand verbessert sich wie durch Geisterhand, doch Hamnet erkrankt schwer und stirbt 1596. Auf dem Sterbebett sieht er sich auf einer Bühne, ruft nach seiner Mutter, und Agnes’ Falke erscheint.William eilt nach Hause und ist verzweifelt, Hamnet dort ruhen zu sehen. Seine Abwesenheit belastet seine Ehe mit Agnes, während sie den Tod Hamnets verarbeiten. William kauft das größte Haus in Stratford und reist erneut nach London. Agnes hält seine Hand und sagt, sie sehe nun nichts mehr. William probt Hamlet in London, ist aber frustriert über die ausdruckslose Darbietung seiner Schauspieler. Verzweifelt beugt er sich über die Kante eines Stegs an der Themse und rezitiert seinen Monolog "Sein oder Nichtsein“ aus dem Stück.Agnes’ Stiefmutter Joan (Justine Mitchell) zeigt ihr ein Programmheft für eine Hamlet-Aufführung in London und tadelt sie für die Heirat mit William, doch Agnes weist sie zurecht. Agnes und Bartholomew reisen nach London, um William zu besuchen. Da sie ihn nicht zu Hause antreffen, beschließen sie, die Premiere von Hamlet im Globe Theatre zu besuchen. Zunächst ist sie empört, da sie glaubt, der Name ihres Sohnes werde entweiht. Als sie jedoch William als Geist von Hamlets Vater sieht, erkennt sie, dass das Stück eine Hommage an Hamlet ist, und ist von der Szene zwischen Hamlet und seinem Vater zu Tränen gerührt.Hinter der Bühne bemerkt William Agnes, bricht beim Zuhören in Tränen aus und kehrt von der Seite zurück, um sie zu sehen. Das Stück schreitet voran mit Szenen des Schwertkampfes und erfüllt Hamnets Traum von einer solchen Rolle. Während Hamlets Todesszene greift Agnes nach der Hand des Schauspielers (Noah Jupe), so wie sie Williams Hand bei ihrer ersten Begegnung gehalten hatte, und auch die anderen Zuschauer greifen nach ihm. Sie sieht Hamnet auf der Bühne, wie zuvor in seiner Sterbevision. Seine Trauer wandelt sich zu einem Lächeln, bevor er hinter der Bühne durch ein Loch verschwindet, das an eine Waldhöhle erinnert. Zum ersten Mal seit Hamnets Tod lacht und lächelt Agnes....










Sicherlich ein Meisterwerk seines Genres durch die emotionale Wucht und die aussergewöhnlichen Darstellerleistungen. Es ist ein grandioser Herzensbrecher - er erzählt eindrücklich wie Kunst vom Leben beeinflusst wird. In der Rolle der kleinen Agnes ist Faith Delaney zu sehen. Auch im Kino war "Hamnet" sehr erfolgreich - er spielte weltweit 108 Millionen Dollar ein. 










Bewertung: 9 von 10 Punkten.