Montag, 28. Mai 2018

Nordsee ist Mordsee







































Regie: Hark Bohm

Mit einem Segelboot abhauen...

Hark Bohms Jugendfilm "Nordsee ist Mordsee" aus dem Jahr 1976 ist für mich nach wie vor einer der besten deutschen Filme aller Zeiten.  Der Film lief damals recht erfolgreich im Kino, aber die FSK sorgte gleichzeitig für einen Skandal, weil sie dem Film die Freigabe ab 12 Jahren versagte. Viele Kritiker sahen zu Recht, dass man hier einen bedenklichen Jugendschutz pflege, wenn man die Augen vor der Wirklichkeit verschließt und der eigentlichen Zielgruppe nicht zeigen möchte, dass es Wege gibt sich gegen Bestehendes zu wehren, wie es die beiden Protagonisten im Film tun.  Inzwischen ist der Film natürlich ab 12 Jahren freigegeben. Der Hamburger Filmemacher Hark Bohm drehte in den 70er Jahren einige Jugendfilme, meistens spielten seine Adoptiv- und Pflegekinder eine Hauptrolle. So auch hier in "Nordsee ist Mordsee" der damals 14jährige Uwe Enkelmann, der später von der Familie Bohm adoptiert wurde und  Dschinghis Bowakow (heute Psychologe), der 17 Jahre jüngere Bruder seiner Frau. Wie im Film selbst hatten die beiden Jungs am Anfang große Probleme miteinander. Die richtigen Eltern von Uwe Enkelmann waren beide psychisch krank und der Junge steckte damals voller Vorurteile. Bald entwickelte sich aber eine Freundschaft untereinander...genauso wie im Film selbst, der viellleicht deshalb so gut ist, weil er durchgehend glaubwürdig bleibt. Bohms Filme sind leider im Laufe der Zeit etwas in Vergessenheit geraten, sei es "Tschetan, der Indianerjunge", "Moritz, lieber Moritz" und der etwas später entstandene "Yasemin", der 1989 sogar das Filmband in Gold erringen konnte.  Am Anfang des Films sieht man Bilder von Hamburg aus der Vogelperspektive, der Zuschauer bekommt einen ersten atmosphärisch dichten Eindruck, der mit Udo Lindenbergs großartigen Liedern noch stärker unterstrichen wird. Dort im sozialen Umfeld auf der Elbinsel Hamburg-Wilhelmsburg wächst der 14jährige Möchtegern-Rocker Uwe Schiedrowsky (Uwe Enkelmann) auf. Der Vater (Marquard Bohm) arbeitet im Hafen, in der Freizeit trinkt er viel zu viel und lässt seinen Frust mit Schlägen an der Frau (Herma Koehn) oder an seinem Jungen aus. Wilhelmsburg ist schon damals ein Ort, an dem man lieber nicht nachs durch die Straßen läuft. Es herrscht eine große Arbeitslosigkeit und viele Menschen leben dort ohne jegliche Perspektive. Uwe schwänzt die Schule und knackt mit seiner Bande, alles Jungs und Mädels im Alter von 12 bis 14, in der Freizeit Automaten aus. Oder aber man drangsaliert den "Kanaken" Dschingis (Dschingis Bowakow), der bei seiner sehr fürsorglichen Mutter lebt. Der Junge ist ein Einzelgänger, weil keiner mit einem Ausländer was zu tun haben will, baut sich aber ein Floß und lässt dies zu Wasser. Uwe beobachtet ihn dabei und kommt später wieder mit seiner Clique. Die Kids zerstören es. Als Dschingis dies bemerkt, kommt es zum Kampf zwischen den beiden Jungs, bei dem Uwe ein Messer ins Spiel bringt, aber von dem stärkeren Dschingis besiegt wird. Dies ist auch der Beginn einer Freundschaft zweier ungleicher Aussenseiter, die sich eigentlich sehr ähnlich sind. Weil beide den Versuch wagen einen Ausbruch in die Freiheit zu starten. Weg von der öden Trostlosigkeit der Plattenbausiedlung und weg von Zuhause, wo einem das Leben wie ein Gefängnis vorkommt....


"Ich träume oft davon ein Segelboot zu klau´n und einfach abzuhau´n" heißt es im Filmsong von Udo Lindenberg, der mit seinen trotzigen wie verletzlichen Lyrics genau den sensiblen Ton des Films einfängt. Was als Sozialdrama beginnt, mündet in ein Abenteuer von Freiheit. "Nordsee ist Mordsee" erzählt die Geschichte von einer Flucht aus der Realität. In dem Moment als beide sich völlig abgelehnt fühlen, beschließen sie mit dem von ihnen gebauten Schiff "Xanadu" die Elbe hinunter zu fahren. Doch schon nach wenigen Metern, im Hamburger Hafen, zwischen den vielen riesigen Schiffen, bemerken die Youngster, dass sie mit ihrem Kahn nicht weit kommen werden. Sie klauen das kleine Segelboot "Polyp" und machen sich auf dem Weg zur Nordsee. Bohms Film ist qualitativ brilliant gemacht, die einfache aber effektive Freundschaftsgeschichte ist feinfühlig gemacht und trifft hoffentlich auch heute noch das Lebensgefühl der Heranwachsenden Generation.



Bewertung: 9,5 von 10 Punkten.

Der Name der Rose







































Regie: Jean Jacques Annaud

Es war einmal im Jahr 1327...

Mit 5.896.891 Zuschauern ist "Der Name der Rose" von Jean Jacques Annaud einer der erfolgreichsten Kassenhits Made in Germany. Die Bernd Eichinger Produktion entstand in 1986 in Zusammenarbeit mit Frankreich und Italien. Nicht nur das Publikum liebte den Film - auch die zeitgenösssischen Kritiker waren positiv gestimmt und so gewann der verschachtelte Mittelalterkrimi nach dem großartigen Roman des Italieners Umberto Eco auch das Filmband in Silber. Siegreich bei der Vergabe des deutschen Filmpreises auch der weltberühmte Ausstatter Dante Feretti und Sean Connery gewann Gold für seine Darstellung als Franziskanermönch William von Baskerville, der mit dem Gespür eines Sherlock Holmes im Jahr 1327 merkwürdige Todesfälle in einer kleinen Abteil in den Apenninen aufklären möchte.
Der Erfolg setzte sich auch international durch. "Der Name der Rose" brachte seinem Regisseur Jean Jacques Annaud den Cesar als bester Auslandsfilm ein. Ausserdem gabs insgesamt vier David Di Donatello Awards in Italien.
In den USA kam der Film nicht ganz so gut weg. Namhafte Kritiker äusserten sich eher negativ und empfanden das Drehuch als viel zu chaotisch und die Figuren überzeichnet und klischeehaft, beinahe wie aus Parodien entstiegen.
In der Tat mussten einige der Darsteller schon einen starken Mut zur Hässlichkeit aufbringen, aber für mich sehen die Figuren, die wir in dieser unheimlichen Abtei kennenlernen, schon sehr authentisch aus. Jedenfalls sind die Gesichter dieser Mönche sehr markant und gezeichnet. Egal ob sie nun Jorge von Burgos (Fjodor Schaljapin)  Malachias von Hildesheim (Volker Prechtel), Remigo da Varagine (Helmut Qualtinger), Salvatore (Ron Perlman) oder Severinus von St. Emmeran (Elya Baskin) heißen.
Großartig wird in diesem sehr publikumswirksamen Historienfilm der Geist einer längst vergangenen Eopche beschworen, die als düsteres Zeitalter sehr stark von der großen Gottesfurcht geprägt war. Der franziskanische Mönch William von Baskerville (Sean Connery) hat Ambitionen einen Mord aufzuklären, den die Mitbrüder als Zeichen der Apocalpyse deuten . In Laufe der Geschichte erfahren wir von seiner Vergangenheit als Inqusitor, der der Ketzerei beschuldigt wurde. Baskerville ist ein Liebhaber von Büchern, er ist bekannt für seinen scharfen Verstand und er es steckt in ihm heimlich ein moderner anachronistischer Charakter. Begleitet wird er von seinem Adlatus, dem jungen Benediktiner Novizze Adson von Melk (Christian Slater in seiner ersten Filmrolle), dem jüngsten Sohn eines adligen Grafen, der zugleich wie im Roman auch die Rolle des Ich-Erzählers einnimmt...lange Zeit nach diesen Eregnissen in der Abtei - als greiser Mönch, an der Schwelle seines Todes, schreibt er diese entsetzlichen und denkwürdigen Erlebnisse von damals auf, deren Zeuge er wurde.
In der Abtei der Benediktiner soll William von Baskerville an einem theologischen Disput teilnehmen. Der Sprituale Führer der Franziskaner (William Hickey) weilt bereits vor Ort, weitere Glaubensbrüder sollen folgen. 
 Es ist die Zeit des Avignonesischen Papsttums, die Franziskaner sollen mit einer ebenfalls erwartenden Gesandtschaft des Papstes Johannes XXII, zu der auch der berüchtigte Inquisitor Berarndo Gui (F. Murray Abraham) gehören soll, über die brisante theologische Frage, der Armut der Kirche, diskutieren und vielleicht zu einer Einigung kommen.
Doch das Leben der Mönche in der Abtei wird von dem seltsamen Todesfall des jungen, hübschen Mönchs Adelmo von Otranto (Lars Bodin-Jorgensen) überschattet. Die Mönche glauben, dass der Teufel die Hände im Spiel hatte und erwarten die beginnende Apokalypse. Der Abt (Michael Lonsdale) bittet Willam von Baskerville um Rat. Dieser findet auch schnell heraus, dass nicht Teufelswerk die Ursache am Ableben des Mönchs, sondern ein Selbstmord. Alles scheint sich wieder zu beruhigen, als der griechische Übersetzer Venatus von Salvernec (Urs Athaus) in der Metzgerei des Klosters ermordet aufgefunden wird. Alles deutet auf Vergiftung hin und William findet heraus, dass er gut befreundet mit Adelmo war. Der Tote hatte geschwärzte Finger und eine geschwärzte Zunge. Er glaubt, dass der Suizid und der Mord auch etwas mit der Bibliothek des Klosters zu tun hat, in die sie keinen Zutritt bekommen. Auch der Gehilfe des Bibliothekars, der dicke, feminine Berengar von Arundel (Michael Habeck) beninnt sich reichlich sonderbar. Während der kriminalistischen Ermittlungen lernt Adson bei einer nächtlichen Verfolgung ein Bauernmädchen (VAlentina Vargas) kennen, die ihn liebevoll verführt. Willam selbst hat den Fall schon fast gelöst als er die Klosterbibliothek findet, die sich als nahezu unzugängliches Labyrinth herausstellt. Dann trifft auch schon die päpstliche Delegation ein. Bernardo Gui nimmt sich des Falles an..




 und damit wird der Zuschauer Zeuge der grässlichen Verbrechen, die im Namen der heiligen Inquisition begangen wurden. Schnell sind Verdächtige gefunden, die mit dem Teufel im Bunde stehen müssen und genauso schnell sollen sie am Scheiterhaufen den gerechten Tod empfangen. Dabei ist nicht der Teufel die Ursache für die Morde, sondern ein verscholles Buch: Das zweite Buch der Poetik von Aristoteles. in dem der Philosoph der Antike nach der Tragödie in seinem ersten Teil die Komödie und somit auch das Lachen behandelt. Und dies scheint in den düsteren Zeiten der Gottesfurcht ein sehr gefährliches Thema zu sein. Denn die in diesem verschollen geglaubten Werk vertretene positive Einstellung zur Freude und zum Humor scheinen unvereinbar mit der Ehrfurcht vor dem Schöpfer.
Es ist klar, dass der Film niemals diese Vielschichtigkeit des grandiosen Romans erreichen kann. Der mehrschichte Roman ist zum einen Epochenwerk, aber auch philosophisches Essay. Aber als breit angelegte historische Kriminalgeschichte funktioniert der Film genauso perfekt wie der Roman. Die düsteren und stimmigen Bilder entwerfen in ihrer Substanz ein lebendiges Bilder vom Klosterleben des späten Mittelalters und den religiösen, politischen und sozialen Strömungen. Tolle Darsteller verstärken das positive Bild. Sean Connery glänzt, aber es ist auch vor allem der junge Christian Slater, der als Adson von Melk in Erinnerung bleibt. Er ist ein junger Mensch, der von diesen Strömungen seiner zeit hin- und hergerissen wird und sich noch einen Platz in seinem Leben und in der Zukunft erarbeiten muss. Keine Frage, dass diese elementaren Eregnisse um Leben und Tod fürs ganze leben prägend sein werden. "Der Name der Rose" - ein Kommerzfilm durch und durch, aber auch ein spannendes Meisterwerk des europäischen Kinos.





Bewertung: 9 von 10 Punkten.

Near Dark







































Regie: Kathryn Bigelow

Liebe auf den ersten Biß...

Kathryn Bigelow, Exfrau von James "Titanic" Cameron, ist eine der wenigen weiblichen Actionregisseure, sie orientiert sich stark an den Arbeiten eines Walter Hill. Die Filme von Bigelow wie "Strange Days", "Blue Steel" oder "Gefährliche Brandung" zeichnen sich daher meistens durch eine sehr gute Kameraführung und eine oft gewählte subjektive kameraperspektive aus.
1987 drehte sie den etwas anderen Vampirstreifen "Near Dark", der bis heute immer wieder als Geheimtipp gehandelt wird, aber letztendlich nie die ganz grosse Publikumsresonanz erfahren hat.
Immerhin wurde John Carpenter einige Jahre später inspiriert, die Idee mit Vampiren im Westen dankbar weiterzuführen.
Dabei ist der nun schon mehr als 20 Jahre alte Film immer noch sehr frisch und erinnert doch sehr stark aufgrund seiner kargen und staubigen Locations einigen Coen-Filmen, auch ein gewisser Alternativ Jarmush-Touch ist gegeben.
Die Geschichte spielt irgendwo in einem Kaff mit viel Wüste in Oklahoma. Der junge Cowboy Caleb (Addrian Pasdar) lebt mit seinem Vater und seiner kleinen Schwester auf einer etwas ausserhalb gelegenen Farm. Ist nicht viel los in diesem Kaff. Man trifft sich Abends oder am Wochenende in einem etwas grösseren, benachbarten Kaff, weil es dort immerhin eine Kneipe gibt.
Hier lernt er die hübsche und etwas hilflos wirkende Mae (Jenny Wright) kennen und unternimmt mit ihr im Wagen eine nächtliche Spritztour, zeigt ihr Pferde auf einer Ranch. Gegen Morgengrauen erfasst Mae eine immer stärkere Panik, sie will so schnell wie möglich nach Hause.
Der verliebte Caleb ringt ihr noch einen Kuss ab, Mae rennt weg und Caleb merkt, dass sie ihn in den Hals gebissen hat.
Der Wagen springt nicht mehr an, also zu Fuss nach Hause, er wird immer schwächer und erreicht mit Mühe und Not die Farm, wird dann aber plötzlich von den Insassen eines heranrasenden Wohnmobils entführt. Es ist eine bunt zusammengewürfelte, recht brutale Familie Vampir, denen auch Mae angehört und die im Wilden Westen Blutopfer brauchen...




"Near Dark" enthält einige recht brutale Sequenzen, vor allem die szene in einer Billiardkneipe ist recht blutig.
Darüberhinaus gelang es Kathryn Bigelow aber auch eine sehr glaubwürdige Liebesgeschichte zu erzählen, der das Thema Abhängigkeit thematisiert.
Der Film wirkt herrlich staubtrocken und lakonisch, er ist nicht zuletzt auch ein Roadmovie, in der Optik des Neo-Westerns. Die verschiedenen Subgenres greifen perfekt ineinander und ergeben einen äußerst spannenden, düsteren und über weite Strecken innovativen Vampirstreifen.
U.a. sind Lance Henriksen und der damals noch unbekannte Bill Paxton als Blutsauger zu sehen.
Ein bisschen störend vielleicht das etwas unglaubwürdige Happy End und die Bluttransfusion inmitten der Story.
Aber die positiven Eigenschaften des Films überwiegen bei weitem....
Der Film wird auch in einer FSK 16 Fassung angeboten, die allerdings gekürzt ist.



Bewertung: 10 von 10 Punkten. 

Der wilde Schlag meines Herzens







































Regie: Jacques Audiard

Mein zärtliches und brutales Leben...

Bei der Cesar Verleihung 2006 bekam der Film "Der wilde Schlag meines Herzens" von Jacques Audiard 10 Nominerungen, acht davon konnte er in Siege verwandeln. Der eigenwillige Film - eine Art Neo-Noir kombiniert mit einer aussergewöhnlichen Charakterstudie - lockte in Frankreich sogar 1 Million Zuschauer in die Kinos. Ein Erfolg für einen Film, der sich gar nicht so leicht kategorisieren lässt und eigentlich viel zu düster ist für einen Blockbuster. Erschwerend kommt hinzu, dass Audidards Inszenierungstil - wie auch in seinem später entstandenen Meisterwerk "Ein Prophet" eindeutig klaustrophobische Züge hat. Auch Hautpdarsteller Roman Duris drückt mit seiner Darstellung dem Film einen nachhaltigen Stempel auf. Seine Figur ist äusserst interessant, schwer zugänglich und schwer zu greifen. Man muss mit Überraschungen und Wendungen rechnen. Dabei ist er als musikalisch hoch begabter Thomas Seyr kein Sympathieträger und noch nicht mal gut aussehend. Aber er wirkt irgendwie attraktiv. Seine Brötchen verdient sich der Einzelgänger, der ein bisschen wie ein Verwandter des jungen Alain Delons oder des jungen Belmondo wirkt, seit 10 Jahren als unkonventioneller "Häusermakler" für seinen Vater Robert (Niels Arestrup). Weder Vater noch Sohn agieren in ihren Methoden nicht gerade zimperlich - sie setzen um Druck zu machen auch schon mal Ratten in Gebäuden aus, stellen Wasser und Strom aus oder setzen illegale Einwanderer oder Hausbesetzer auf die Straße. Es ist also immer Action im Leben des jungen Mannes angesagt und er pendelt zwischen krummen Geschäften und dem betriebigen Nachtleben von Paris hin- und her. Thomas verstorbene Mutter war eine berühmte Konzertpianistin und auch er selbst hat das Talent geerbt. Das weiß auch Monsieur Fox, der damals die Konzerte für die erfolgreiche Sonia Seyl organisierte. Diesen trifft er zufällig in einem Konzerthaus und er wird von eingeladen irgendwann bei ihm vorbeizukommen und vorzuspielen. Diese Option beflügelt und er beginnt selbst wieder auf dem Flügel in seiner Wohnung zu spielen. Es folgt die Anmeldung für ein Vorspiel beim Pariser Konservatorium, doch er muss sich verbessern. Daher nimmt er Stunden bei der Repetitorin Miao-Lin (Linh Dan Pham) und tatsächlich wird sein Spiel immer besser. Er vernachlässigt aber zunehmend seinen Job und geht sogar eine Affäre mit Aline (Aure Atika) ein, der Frau seines besten Freundes. Der Vater hingegen hat mit dem skrupellosen Russen Minskow (Anton Yakoviev), der sich gerne mit hübschen Frauen (Melanie Laurent) umgibt, große Probleme. Thomas soll für den Vater einen Betrug des Russen rächen, doch Minskow erweist sich als äusserst gefährlich...



Audiards Film ist sehr ungewöhnlich und wirkt auf die ersten Blicke sehr spröde, kann aber sehr schnell ein gelungenes Großstadtportrait entfalten, dass sich in einer tollen Schlußszene gipfelt, die die Zerissenheit des Protagonisten perfekt wiedergibt. Einerseits die Hingabe an die schönen Künste, andererseits aber auch diese enorm dunkle und gewalttätige Charakterfacette von Thomas. Neben der Cesar-Nominerung wurde er auch für den Europäischen Filmpreis nominiert - er musste sich allerdings durch Daniel Auteuil in "Cache" geschlagen geben.



Bewertung: 8 von 10 Punkten. 

Der Geschmack der Kirsche







































Regie: Abbas Kiarostami

Ein Lebensmüder sucht Komplizen...

Bei der Kritik ist "Der Geschmack der Kirsche" des iranischen Filmemachers Abbas Kiarostami aus dem Jahr 1997 ziemlich umstritten. Kritikerpapst Roger Ebert fand das in Cannes mit der goldenen Palme ausgezeichnetes Road-Movie ziemlich langweilig und tatsächlich erfordert "Ta´m E Guilass" - so der Originaltitel - doch etwas Geduld und Aufmerksamkeit beim Zuschauer, denn es passiert wirklich nicht sehr viel in den 99 Minuten Laufzeit.
Dennoch gewinnt der interessierte Zuschauer einen gewissen Einblick in den Alltag der Menschen des Landes. In diesem Falle anhand eines Mannes mittleren Alters, der sich entschlossen hat Selbstmord zu begehen. Selbstmord wird im Iran noch viel mehr geächtet als hier bei uns und es gilt vor allem als Tabuthema, denn es ist schon alleine durch die Religion streng verboten. Daher müsste man den Akt des Suizids auch alleine begehen, aber scheinbar hat der Herr Badii (Homayoun Ershadi) selbst Skrupel vor diesem Schritt. Zumindest hat sein Plan den Einschein, dass er den folgenschweren Schritt gar nicht mit sich alleine abmachen kann, sondern er sucht einen Komplizen, der dann in seine Geschichte eintauchen soll. Ein Loch hat er bereits ausgehoben. Er sucht einen Helfer, der ihn nach seiner Tat dort mit Erde zuschütten soll. Herr Badii hat vor Schlaftabletten in Überdosis zu nehmen und sich dann ins Grab zu legen. Am anderen Morgen - sehr früh um 6 Uhr - soll der Helfer dort sein und sollte der Tod eingetreten sein das Grab zuschaufeln. Ort des Geschehens ist eine hügelige Gegend am Stadtrand von Teheran, dort wird auch an einigen Stellen gearbeitet - aber dennoch ist es dort sehr ruhig, dass der Plan auch ohne Störung realisiert werden könnte. Am Anfang des Films sieht man den potentiellen Selbstmörder im Auto umherfahren. Er ist auf der Suche nach einem Mann, der Geld braucht und diesen seltsamen Job ausführen könnte. Viele Männer, die er anspricht, missdeuten die seltsame Kontaktaufnahme des Fremden. Ein Arbeiter hat auch das Gefühl, dass der Fahrer für sexuelle Dienst bezahlen will.
Also am Anfang der Fahrt hat der Mann gar kein Glück - doch er wird mutiger im Ansprechen von Menschen. Und bald sitzt ein sehr junger kurdischer Soldat (Ali Moradi) in seinem Auto. Der ist genauso irritiert wie ein Seminarist aus Afghanistan (Hossein Nouri), der aber auch religiöse Gründe anführt, warum er die Verzweiflungstat nicht gut findet. Der dritte mögliche Helfer ist der aus Azerbaidschan stammende, bereits ältere Tierpräparator Herr Bagheri (Abdolrahman Bagheri), der selbst schon einmal an dem gleichen Punkt war, aber dann von wohlschmeckenden Maulbeeren an der Tat gehindert wurde...




"Der Geschmack der Kirsche" ist sehr minimalistisch gestaltet - es wird auch nie erklärt, welche Gründe den Mann dazu bewegen aus dem Leben scheiden zu wollen. Und das Ende bleibt offen. Man sieht ihn zwar nachts im Grab liegen, doch dann setzt plötzlich Regen ein, der immer stärker wird. Möglicherweise eine gute Portion von schwarzem Humor am Ende ? Doch das Schlußbild ist das noch nicht. Denn Abbas Kiarostami hat sich dafür entschieden ganz am Ende noch seine eigene Filmcrew am Drehort "Grab" zu zeigen, die Aufnahmen sind mit Camcorder gemacht und bringen den Zuschauer wieder in die Realität zurück im Sinne von "es ist doch alles nur Film" - man kann darüber streiten, ob das Ende gut gewählt ist. Ich finde es nimmt dem Stoff ein bisschen die Brisanz, die diese Geschichte hatte. Kiarostamis Bildsprache ist sehr eigenwillig - die Menschen leben in einer Gegend der weiten Landschaften und Horizonten.




Bewertung: 8 von 10 Punkten.