Dienstag, 26. September 2017

Ausgestoßen

Regie: Carol Reed

Im Labyrinth eines sterbenden Mannes...

Das Gefühl des Untergangs durchzieht diesen Film von Anfang bis zum bitteren Ende.
Mit einer Flugaufnahme nähert sich die Kamera der Stadt Belfast, vorbei an den Docks Richtung Stadtmitte zum Rathausturm mit der dominanten Uhr. "Ausgestoßen" wird dort enden, wo er anfing: An den Docks, auch das Schlagen der Turmuhr wird zu hören sein. Es ist die Geschichte eines Mannes, dessen Uhr unaufhaltsam ablaufen wird, es gab nie ein Entkommen.
Johnny McQueen (James Mason) ist dieser Mann.
Einer, der sich verändert hat, wie sein bester Freund Dennis (Robert Beatty) erkennt, denn der IRA Anführer war lange Zeit im Gefängnis, ehe ihm die Flucht gelang.
Diese Zeit im Knast hat Johnny weicher gemacht, er will seine Sache inzwischen eher mit politischen Mitteln erreichen, vom Terror ist er müde. Dennoch plant er mit seinen Freunden von der Organisation diesen Überfall auf eine Fabrik, denn man braucht dringend finanzielle Mittel, um Angehörige zu unterstützen, deren Männer, Väter und Söhne im Knast hocken.
Dennis bekommt Unterstützung von Johnnys Freundin Kathleen (Kathleen Ryan) um den Boss zu überreden bei diesem Coup einfach mal auszusetzen. Denn Johnny wirkt angeschlagen.
Tatsächlich zeigen die Augen des Mannes eine intensive Traurigkeit und einen starken Hauch von Unbehagen.
"Dein Herz ist nicht bei diesem Job ?" - doch er ignoriert die Bedenken.
Tatsächlich geht der Coup mächtig schief. Johnny tötet einen Kassierer in einem Kampf, er selbst wird an der linken Schulter schwer verletzt und obwohl ihn seine Freunde festhalten, gelingt es Johnny nicht ins Fluchtauto. Er bleibt auf den Straßen von Belfast liegen.
Dort sucht er verletzt Zuflucht in den Luftschutzbunkern. Doch er wird von Kindern und einem Liebespaar entdeckt. Im Laufe der Nacht trifft er auf viele Menschen, die ihm weiterhelfen. Sie alle haben Respekt vor ihm, aber alle haben auch Angst vor der Polizei und wollen neutral bleiben.
Er ist gezwungen im Untergrund zu bleiben, verloren und allein in einer gewissen Trostlosigkeit. Seine Freunde versuchen ihn zu finden, doch die Polizei hat ein dichtes Netz gespannt, aus dem man nur schwer entkommen kann.
Die Straßen von Belfast sind kalt, dunkel und unversöhnlich. der Regen weicht bald dem Schnee.
Während er sich versteckt hält, geht die Suche durch Freunde und Polizei fieberhaft weiter. In Parallelmontage entwickelt Carol Reed die Handlung, der schrittweisen Verhaftung der Mittäter, denn es gibt auch Verräter wie die geschäftstüchtige Rosie (Faye Compton). 
Zwei Schwestern nehmen den Mann, der auf der Straße liegt, für kurze Zeit bei sich auf. Inzwischen wird auch die Wohnung von Kathleen und ihrer Großmutter (Kittie Kirwan) durchsucht, der Inspektor (Dennis O´Dea) lässt ieinen Zweifel aufkommen, dass Johnny mit einem Mord diesmal keine Milde erwarten kann.
Dieser irrt weiter durch die winterliche Nacht, sein Erleben wird zunehmend halluzinatorischer.





Die Begegnungen werden skurriler und erhalten eine Brise Wahnsinn gepaart mit einem Charles Dickens Touch. Straßenkinder verhöhnen in ihren Spielen die Polizei, Johnny wird von Pat (Cyril Cusack), einem Vogelhändler, gefunden, der fast schon Züge eines Fagin (Oliver Twist) besitzt. Dieser wohnt in einem labyrinthartigen Haus, dass an "Great Expendations" erinnert und wenn die Kamera die Stufen der Wendeltreppe emporzeigt, dann meint man fast, dass in irgendeiner Wohnung dort eine Miss Havisham wohnen müsste.
Der langsam sterbende Johnny wird von dem impulsiven und verrückten Maler Lukey (Robert Newton - spielte auch in Leans "Oliver Twist" mit) gemalt, weil dieser den sterben Ausdruck in den Augen für seine Gemälde von Heiligen einfangen will...
"Ausgestoßen" wurde 1947 von Carol Reed gedreht, also zwei Jahre vor Reeds größtem Erfolg "Der dritte Mann" und die beiden Filme sind sich nicht unähnlich. Die Suche und die Odyssee steht immer im Vordergrund und man könnte, wenn man den dritten Mann als "Wienfilm" bezeichnet,  den leider wesentlich unbekannteren "Ausgestoßen" als Belfastfilm betiteln.
Der düstere und klaustrophobische Film mit Noir Einschlag gibt einen Einblick in das alte Belfast, die Stadt bietet eine stimmungsvolle Kulisse mit seinen Straßenbahnen, Kutschen-, Werft-, Mühlen-und Terrassen. Viele der Außenaufnahmen für den Film sind damals im Westen der Stadt gedreht worden.
James Mason spielt m.E. die beste Rolle seines Lebens, dem großartigen Schauspieler gelingt eine unvergessene Vorstellung eines Mannes, der sich am Abgrund und dem Tode nahe befindet.
Vor allem die zunehmend halluzinatorischen Szenen machen den Film zu einem einzigartigen Meisterwerk. Der Film vermittelt eine Intelligenz, Tiefe und vor allem eine traumhafte Schönheit - eine komplexe Vielfalt mit spirituellen und philosophischen Anteilen katapultieren diese Geschichte eines Mannes auf der Reise zu seinem Grab Film endgültig in den Olymp der besten Filme aller Zeiten.




Bewertung: 10 von 10 Punkten.

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