Dienstag, 26. September 2017

Der Rabe







































Regie: Henri-Georges Clouzot

Verleumdersiche Briefe...

Henri-Georges Clouzot hat bekanntlich mit "Die Teuflischen" oder "Lohn der Angst" überwältigende und unschlagbare Meisterwerke des französischen Kinos geschaffen, sein 1943 entstandener "Der Rabe" (Original: Le Corbeau) gehört zweifelsohne in die gleiche Qualitätsklasse, obwohl wesentlich weniger populär.
Der Film wurde seinerzeit von der deutschen Filmfirma Continental Film im besetzten Frankreich des Jahres 1943 produziert. Nazideutschland wollte iihn im neutralen Ausland als eine Art Propagandawaffe benutzen, weil sie den Film als Studie über das französische Bürgertum propagierten.
1944 wurde der Film daher im eigenen Land verboten.
Dies führte sogar noch nach dem Krieg zu heftigen Angriffen gegen Clouzot und seinem Drehbuchautor Louis Chavance.
Dabei ist der Film von einer genialen Brillianz, seine Schwärze rücken ihn in die Nähe des Film Noir, dazu gesellt sich ein kompromissloses Portroit einer Dorfgemeinschaft, die sich überall so zutragen kann wie in dem hier geschilderten, vordergründig beschaulichen Kaff St. Robin.
Dort tauchen eines Tages anonyme Briefe auf, die die Unterschrift "Der Rabe" tragen. Dieser anonyme Schreiber hat es vornehmlich auf den Arzt und begehrten Junggesellen Dr. Germain (Pierre Fresnay) abgesehen, dem man nachsagt, dass er Schwangerschaftsabbrüche vornimmt und ein Verhältnis mit Laura (Micheline Francey), der jungen Frau des betagten Dr. Michael Vorzet (Pierre Larquey), Dekan der Medizinischen Fakulät, haben soll.
Die ersten Briefe dieser Art nimmt die Dorfgemeinschaft noch relativ locker auf, man wolle den Anschuldigungen und Verleumdungen keinen Glauben schenken, doch man munkelt auch bald über den Wahrheitsgehalt der Briefe.
Erschwerend kommt hinzu, dass immer mehr Bürger solche Briefe enthalten, dort wird zwar immer wieder Bezug auf Germains Machenschaften in Sachen Abtreibungen genommen, aber auch Verfehlungen anderer angesehener Bürger kommen so ans Tageslicht.
Könnte die grimmige Krankenschwester Marie Corbin (Helena Manson) die übeltäterin sein, es gäbe da schon einige Verdachtsmomente. Aber auch die leichtlebige, flatterhafte Denise Saillens (Ginette Leclerc) hätte da ein Motiv, immerhin hat sie schon seit längerem ein Auge auf den Arzt....




Clouzot entfaltet mit seinem Film ein virtuoses, raffiniertes und psychologisches Puzzlespiel, bei dem immer wieder neue Verdachtsmomente eingeflochten werden. Mit wunderbaren Bildern gelingt ihm auch eine ganz bedrückende Atmosphäre des bürgerlichen Milieus, es herrscht allgegenwärtig eine unheimliche Bedrohung und die Angst geht um, was "Der Rabe" alles an Verborgenem noch preisgeben kann. Eine Art moralisches Spiegelbild für Bestechung, Heuchelei, Verdrängung, religiöse Prägung und Spießbürgertum.
Es gelingen Clouzot unvergessene Szenen: Die Prozession, die gehetzte Marie, die vor dem aufgebrachten Mob durch die malerischen Gassen des Ortes flieht, der Schreibschrift-Test oder auch das Bild der Mutter (Sylvie) eines Opfers des Raben, die in ihrem Trauerkleid die Tür des Einblicks in die bedrohte Dorfidylle schliesst.





Bewertung: 10 von 10 Punkten.

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