Posts mit dem Label Helmut Käutner werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Helmut Käutner werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 7. März 2020

Kleider machen Leute







































Regie: Helmut Käutner

Schein und Sein...

Nach der Novelle "Kleider machen Leute" des Schweizer Dichters Gottfiried Keller entstand im Jahre 1940 Helmut Käutners gleichnamiger Film. Die Geschichte, die in der Schweiz des Biedermeiers (zwischen 1815 bis 1848) spielt, wurde erstmals 1874 im zweiten Band der Novellensammlung "Die Leute von Seldwyla" veröffentlicht und gehört immer noch zu den bekanntesten Erzählungen der deutsprachigen Literatur. Käutners Film sprüht vor Detailfreude und gleich von Anfang an wid der Zuschauer in eine märchenhafte Stimmung versetzt. Es ist Winter und im Ort wird das Dreikönigsfest mit einem Umzug durch den Schnee gefeiert. Fasnacht naht und der bei einem Schneidermeister beschäftigte Geselle Wenzel (Heinz Rühmann) träumt wieder einmal von einem besseren Leben als vornehmer Herr. Im Traum sieht er sich als dieser begehrte und gut gekleidete Herr von großem Ansehen. In der Realiät bleibt ihm aber nur sein armseliges Dasein und sein Können eben diese edlen Anzüge und Fräcke für die vornehme Gesellschaft zu schneidern. Am anderen Morgen soll der Frack für den beleibten Bürgermeister fertig werden, daher arbeitet Wenzel die Nacht durch. Doch beinahe traumwandlerisch passt er den Frack auf seine eigene Kröpergröße an. Am anderen Morgen ist die Katastrophe perfekt. Nach dem Zerwürfnis mit dem verärgerten Bürgermeister wirft der Meister seinen Gesellen hinaus. Anstelle des noch anstehenden Lohns behält Wenzel den Frack und trägt ihn auf seiner nunmehr beginnenden Wanderung zu einer anderen Arbeitsstelle. Er trifft auf dieser Wanderung auf den Puppenspieler Christoffel (Erich Ponto) und sitzt dann alsbald in einer vorbeikommenden Kutsche aus Basel, die ins nahegelegene Städtchen Goldach gebracht werden soll. Der Kutscher meint, dass sein einziger Fahrgast ein inkognito reisender Graf aus dem "Russischen" ist. Obwohl Wenzel dies immer wieder verleugnet, nimmt die Geschichte seinen Lauf und auch in Goldach wird er mit seiner scheinbar neuen Identität als Graf weiter hofiert. Er lernt dort das hübsche Fräulein Nettchen (Hertha Feiler) kennen, Tochter des wohlhabenden Tuchhändlers und Amtsrats von Goldach. Sie ist auch die Verlobte des Goldacher Schneidermeisters Melcher Böhni (Rudolf Schündler), der als einziger dem "Grafen" misstrauisch gesinnt ist. Widerstrebend, zugleich aber mangels eigener Geldmittel fügt Wenzel sich in die neue Rolle, die ihm aufgrund seiner Kleidung auch erlaubt, ohne Bargeld auszukommen.
Das stattliche Gefährt erregt schon bei der Ankunft in Goldach Aufsehen. Kaum hat es vor dem Gasthof "zur Waage"angehalten, ist es schon von staunendem Volk und dienstfertigem Personal umringt. Alle sind interessiert an diesem schwermütigen Adligen, der in der Stadt angekommen ist.  Der Wirt lässt prestigemässig vom Besten auftragen, was Küche und Keller bieten. Wenzel, in größter Verlegenheit, isst und trinkt nur zimperlich, was ihm sogleich als besondere Vornehmheit ausgelegt wird. Tatsächlich erwartet auch das im Hotel abgestiegene Fräulien von Serafin (Hilde Sessak) einen solchen Grafen. Währenddessen gewinnt Wenzel im Spiel mit den entzückten Ortshonorationen eine Menge Geld und verliert sein Herz alsbald an Nettchen. Noch komplizierter wird das Spiel als der echte Adlige aus Russland im Ort eintrifft. Dieser Graf Alexej Stroganoff (Fritz Odemar) erkennt sehr schnell das Verwechslungspiel und entscheidet sich weiter zu spielen...er macht sich zum Komplizen und gibt sich als Diener des Grafen aus. Im Goldacher Karneval wird die Wahrheit aber aufgedeckt...




Und mit dieser ausufernden Sequenz um die Demaskierung Wenzels mit Hilfe des Maskentanzes der Deldwyler Narren, die einen eigenartigen Toten- und Gespenstertanz aufführen, wird aus dem märchenhaften Charakter der Erzählung eine bitterböse Parabel über die "gute" Gesellschaft und ihre Strukturen mit zunächste hochgejubelten und hofierten Schwindelexistenzen. Der Protagonist wird aber auch sehr schnell wie eine heiße Kartoffel fallen gelasen und auf die Entlarvung folgt die Strafe. Auch wenn Käutner ein HappyEnd für seinen Schneider vorgesehen hat, die Geschichte hat Potential, dass es einem stellenweise eiskalt den Rücken runterläuft.
Der Inszenierungstil Käutners ist eindeutig inspiriert von dem Poetischen Realismus des französischen Films der 30er Jahre. Leider hat "Kleider machen Leute" nie ganz die Wertschätzung wie "Große Freiheit Nr. 7", "Unter den Brücken", "Der Hauptmann von Köpenick", "Des Teufels General" oder "Romanze in Moll" erringen können. Dabei ist die tragische Geschichte sehr geschickt in einer Mischung aus Komik und Romantik verpackt und wer sich auf den Film einlässt wird durchaus die versteckten boshaften Subtexte entdecken können. Darüberhinaus sind die Bildkompositionen von "Kleider machen Leute" atmosphärisch brillant und für mich sogar ein filmsicher Verwandter von Cocteaus "La Belle et la bete" aus dem Jahr 1946. Wie in diesem weltberühmten Meisterwerk des poetischen Films gelingt auch Helmut Käutner eine großartige märchenhafte Aura.
 





Bewertung: 9 von 10 Punkten.

Mittwoch, 27. März 2019

Der Hauptmann von Köpenick








































Regie: Helmut Käutner

Haben Sie gedient ?

Der deutsche Schriftsteller Carl Zuckmayr lebte von 1896 bis 1977. Er wuchs in mainz auf und studierte Literaturgeschichte. Im ersten Weltkrieg wurde Zuckmayr mehrfach ausgezeichnet. In der Weimarer Republik entwickelte er sich zum erfolgreichen Autor von Theaterstücken. Nach der Machtergreifung durch die Nazis wurden seine Texte verboten, da er sich kritisch über die NSDAP geäussert hatte. Er wanderte nach Amerika aus und kehrte erst 1946 ald Kulturbeauftragter des amerikanischen Kriegsministeriums nach Europa zurück. "Der Hauptmann von Köpenick - Ein deutsches Märchen" ist eine Tragikomödie und sie wurde von Zuckmayr von Anfang September bis November 1930 geschrieben. Sie beruht teilweise auf wahren Begebenheiten, der Autor hat die Geschichte aber etwas ausgeschmückt.
Im Oktober 1906 gelang dem aus Ostpreußen stammenden Schuhmacher (Heinz Rühmann) ein echter Coup, als er aus Hauptmann verkleidet mit einem Trupp gutgläubiger Soldaten ins Rathaus der Stadt Cöpenick bei Berlin eindrang, das Amt besetzte und den Bürgermeister Dr. Obermüller (Martin Held) sowie den Buchhalter Rosenkranz (Siegfried Lowitz) verhaften ließ und schließlich die Stadtkasse raubte. Zuckmayr nahm dieses freche Husarenstück zum Anlass für eine kritische Darstellung des Militarismus im deutschen Kaiserreich. Dabei gelang es ihm den völlig unkritischen Gehorsam des deutschen Soldaten und auch des deutschen Bürgers punktgenau zu entlarven.
Die Geschichte wurde mehrfach verfilmt. 1931 mit Max Adalbert unter der Regie von Richard Oswald. Die bekannteste Version entstand 1956 unter Helmut Käutner als farbenprächtiges Spektakel mit perfektem Zeit- und Lokalkolorit. In der Rolle des Hauptmanns brillierte der große Volksschauspieler Heinz Rühmann - für diese Leistung wurde er 1957 mit dem Preis der deutschen Filmkritik ausgezeichnet. Ausserdem gelang es dem Film eine Oscarnominierung als bester Auslandsfilm zu erhalten.
Im deutschen Kaiserreich ist Untertansgeist angesagt. Die Deutschen sind kriegs- und militärverrückt. Doch der Schuster Wilhelm Voigt ist ein Aussenseiter. Er hat durch Betrügereien 15 Jahre im Knast gesessen. Nun ist er wieder frei. Doch das Leben in der Freiheit hat riesige Tücken. Er hat als ehemaliger Strafgefangener des Gefängnisses Berlin Plötzensee kein Recht auf einen Pass und bekommt in keiner Stadt eine Aufenthaltserlaubnis. Man will diese Kriminellen auf keinen Fall in die Gesellschaft integrieren. Ohne Aufenthaltserlaubnis gibts auch keine Arbeit. Erschwerend kommt hinzu, dass Voigt auch nie gedient hat. So wird er gemeinsam mit einem anderen Zuchthäusler namens Kallenberg (Wolfgang Neuss) erneut straffällig - er bricht in eine Amtsstube ein um Pass und Stempel zum Fälschen eines Ausweises zu klauen. Das bringt ihm wieder einige Jahre Knast ein - doch bei diesem Aufenthalt beginnt er sich zu bilden, indem er liest und vom Zuchthausdirektor (Friedrich Domin) bekommen die Gefangenen Unterricht in militärischen Strategien. Nach Verbüßung der Haft kommt er kurzzeitig bei seiner Schwester Marie (Ilse Fürstenberg) und ihrem Mann Friedrich (Williy A. Kleinau) unter. Dort lebt das kranke Lieschen (Edith Hancke) zur Untermiete. Zur gleichen Zeit fertigt der Schneidermeister Wormser (Leonard Steckel) und sein Mitarbeiter Wabschke (Joseph Offenbach) für einen Hauptmann eine Uniform. Diese wird irgendwann in den Besitz des Bürgermeisters von Köpenick gelangen und auf Umwegen auf den Flohmarkt. Für 18 Mark wird der Schuster Besitzer dieser Uniform, mit der ihm dann dieser große Coup im Rathaus gelingt...




Und dies alles nur um endlich einen Pass zu bekommen - um vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft sein zu können. Diese Geschichte hat Käutner perfekt in Szene gesetzt. Es gelingt ihm ein großer Wurf, der von Anfang bis Ende die Balance zwischen Komik und Tragik behält. Teilweise bleibt dem Zuschauer jedoch das Lachen im Hals stecken. Ebenso hervorragend die Kameraarbeit von Albert Benitz, dessen Lehrmeister der Bergfilmer Arnold Fanck war. Im Kino hatte der Film einen Riesenerfolg - 10 Millionen Zuschauer sahen den Film in den ersten 5 Monaten. In den USA war es der erste deutsche Nachkriegserfolg. Wahrscheinlich war es auch die beste Rolle die Heinz Rühmann jemals spielte - sein Schuhmacher, der so unsicher durch diese schräge Weltordnung taumelt, erinnert sogar phasenweise an die Genialität von Chaplins Tramp.



Bewertung: 9,5 von 10 Punkten. 

Romanze in Moll








































Regie: Helmut Käutner

Die Ehebrecherin...

Die französischen Filme der 30er und 40er Jahre waren oftmals bemüht mehr Realitätsnähe und Sozialkritik in die Stoffe zu integrieren, der Alltag der Protagonisten ist dabei eher düster, die Menschen sind volkstümlich und lebensecht und die Liebe ist ein Ziel, aber auch eine große Illusion. Zusammengefasst wurden diese Filme als "Poetischer Realismus", der sehr viele Meisterregisseure und großartige Filme hervorbrachte: Marcel Carne Kinder des Olymp, (Hafen im Nebel, Der Tag bricht an), Rene Clair (Unter den Dächern von Paris), Julien Duvivier (Pepe le Moko - Im Dunkel von Algier) , Jean Renoir (Die große Illusion, Bestie Mensch, Die Spielregel) oder Jean Vigo (Betragen ungenügend, Atalante). Auch der deutsche Filmemacher Helmut Käutner war sehr stark von dieser Strömung beeinflusst und interessanterweise konnte er sogar während des 2. Weltkriegs einige Filme realsieren, die so gar nicht ins Weltbild der Nazis passten, denn sowohl "Große Freiheit Nr. 7" und "Unter den Brücken" betonten die Indivdualität der Figuren. Beim genauen Betrachten weichen selbst auch die unverfänglicheren Filme wie "Kleider machen Leute" und "Romanze in Moll" von den Mustern nazionalsozialistischen Denkens oder Idealen merklich ab. Der 1943 entstandene "Romanze in Moll" zeigt eine Ehebrecherin und man wird auch im Verlauf der Geschichte mit ihr mitfühlen und sie in ihrem Handeln verstehen können. Dabei greift von Anfang an ein sehr düsterer, pessimistischer Grundton gleich in der ersten Szene als Madeleines Ehemann (Paul Dahlke) vom Kartenspielen mit Freunden spät Abends nach Hause kommt und seine Frau Madeleine (Marianne Hoppe) leblos im Ehebett vorfindet. Er ist schockiert, kann diese Tat überhaupt nicht begreifen. Diese tragische Geschichte trägt sich im Paris um die Jahrhundertwende zu. Der kleine spießige Buchhalter versetzt die Habseligkeiten seiner Frau, die nun im Krankenhaus um ihr Leben ringt. Mit dem Erlös der Sachen will er versuchen ihr Leben zu retten. Als der Pfandleiher ein vermeintlich wertloses Perlenketten-Imitat als kostbares Original aus der Goldschmiede des besten Juweliers von Paris ausmacht und den Wert auf 10.000 Francs schätzt keimt der Verdacht auf, dass seine Frau Geheimnisse hat, die er nun aufdecken will. Er sucht den Juwelier auf und dieser gibt an, dass er das teure Schmuckstück an den erfolgreichen Komponisten Michael (Ferdinand Marian) verkauft habe, der es einer fremden Frau schenken wollte, die diese Kette im Schaufenster lange betrachtete. In dieser Rückblende lernt der Zuschauer die Frau kennen, die sich zuerst zögernd nur auf die Annäherungsversuche ihres charmanten Verehrers einlässt. Sie erzählt ihm auch nicht, dass sie verheiratet ist, was daran liegt, dass sie ebenfalls Gefallen daran gefunden hat mit dem Feuer zu spielen. Zu leidenschaftslos ist ihre Ehe, zu bieder der Alltag zuhause - umgeben von einer äusserst neugierigen Concierge (Elisabeth Flickenschildt) und gefangen wie ihr Kanarienvogel im Käfig. Bald wird Madeleine sich auf eine Liebschaft einlassen und ein Doppelleben führen. Sie wird so auch zur Muse des Komponisten, der durch sie die "Romanze in Moll" komponiert. Weil sie ihren pflichtbewussten, soliden Mann trotzdem achtet, verschweigt sie die Affäre. Doch das Schicksal will es, dass sie durch ihren Liebhaber den Lebemann Viktor Martin (Siegfried Breuer) kennenlernt, der dann in der Annahme ist, dass Madeleine die Frau von Michael ist. Er wird später der neue Vorgesetzte ihres richtigen Mannes und kennt nun ihre Doppelleben. Erschwerit wird die Situation deshalb, weil auch Viktor Madeleine leidenschaftlich begehrt. Diese Konstellation sorgt für die spätere Katastrophe...


Zwar wird im Film nicht ausdrücklich gesagt, dass Madeleine verstorben ist, aber die Schlußeinstellung lässt keine Zweifel zu. Der Selbstmordversuch hat schließlich doch funktioniert. Der Film begeistert nach wie vor durch seine guten Darstellerleistungen. Noch besser sind die düsteren Bilder, die immer wieder symbolhaft untermauert sind. Käutner hat viel mit Licht und Schatten gearbeitet und Kameramann Georg Bruckbauer liefert eine klasse Leistung ab. Dabei ist auch das Setting und die Ausstattung erlesen, gerade weil viele Bilder einen Studiocharakter verraten. Diese küsntliche Komponente verstärkt aber m.E. zusätzlich noch dieses ausserordentlich geglückte und atmosphärisch dichte Melodram. Helmut Käutner ließ sich durch die Novellen von Maupassant inspirieren. Der sensible und melancholische Bilderbogen eines bürgerlichen Eheausbruchs um 1900 zählt mit Sicherheit zu den besten deutschen Filmen, die während des 3. Reiches und der damit verbundenen Zensur durch den Propagangaminister, entstanden sind.


Berwertung. 9 von 10 Punkten.

Sonntag, 21. Oktober 2018

Schwarzer Kies







































Regie: Helmut Käutner

Am Rande der Kiesgrube...

Ein lange Zeit veschollenes Meisterwerk des deutschen Films: Helmut Käutners Film Noir lastiges Wirtschaftswunder-Drama heißt "Schwarzer Kies" und wurde 1961 gedreht.
Gleich nach seiner Uraufführung, die am 13. April 1961 im EM-Theater in Stuttgart stattfand, erstattete der Zentralrat der Juden in Deutschland Strafanzeige gegen den Regisseur Käutner, Herstellungsleiter Ulbrich und UFA-Chef Theo Osterwind. Es ging um eine kurze Szene in der Kneipe des kleines Dorfes, in der sich herausstellt, dass der Bordellwirt ein ehemaliger KZ-Häftling war und auch noch von einem rassistischen Gast aufs Übelste beschimpft wird. Dies war Stein des Anstoßes und man warf den Machern eine antisemtische Gesinnung vor. Obwohl die Staatsanwalt nie ermittelte, wurde die beanstandete Passage aus dem Film entfernt. Die DVD Edition der Friedrich Murnau Stiftung beinhaltet 2 DVDs, eine davon ist Käutners Directors Cut (Premierenfassung von Stuttgart) mit einem anderen Ende als die Kinofassung. Interessanterweise finde ich das weniger dramatische Ende der Kinofassung noch besser gelungen - aber in beiden Fällen handelt es sich um einen großartigen deutschen Nachkriegsfilm, der unbedingt entdeckt werden muss.
Schon die erste Szene gibt den Takt des Films an, dem seine Figuren unterworfen sind. Ein Hund hält sich dort bei den Kiesgruben auf. Er ist zutraulich und will mit dem dort arbeitenden Männern spielen. Einer dieser Männer ist Robert Neidhardt (Helmut Wildt), vom Krieg gezeichnet. Er ist unstet, nervös und Nutznießer der Stationierung des US-Militärs. Dort im kleinen Dorf Sohnen im Hunsrück ist eine Militärflugbasis für einige Tausend US-Soldaten errichtet worden. Obwohl sie von den Einheimischen immer noch misstrauisch beäugt werden, erkennen diese doch das lukrative Geschäft mit dem US-Boys. In dem kleinen Ort gibts jede Menge Bars, viele deutsche Frauen und Mädchen, die auch als Prostituierte anschaffen und die Bauunternehmer haben Hochkonjunktur. Robert macht Geld im Schwarzhandel, sehr oft hat er den Kies, den er liefern soll, anderweitig verkauft - der Aufseher Otto Krahne (Wolfgang Büttner) hat ihm die Fuhre natürlich bestätigt. So verdienen alle an den Besatzern. Zurück zum Hund, der mit Robert spielen will. Ein anderer Mann wirft einen riesigen Stein auf den Hund, der sofort tot ist. Die Tierleiche wird ohne Emotion in die Kiesgrube geworfen, eine neue Ladung darauf gekippt - der tote Hund verschwindet. Wie wenn es ihn nie gegeben hätte. Der schwarze Kies wird im Laufe der Geschichte noch weitere Lebenwesen unter sich begraben. Aber vorher trifft Robert wieder auf seine Ex-Geliebte Inge (Ingmar Zeisberg). Die ist inzwischen mit dem amerikanischen Offizier John Gaines (Hans Cossy) verheiratet und weil Gaines Wagen eine Autopanne und Robert ihm zur Hilfe kommt, sehen sich die beiden rein zufällig nach vielen Jahren wieder. "Es war nicht gut, dass wir uns wieder getroffen haben, auch für Dich nicht" wird Inge zu Robert sagen, denn bei beiden sind noch starke Gefühle füreinander im Spiel. Möglicherweise auch zerstörerische...denn Inge hat die Sicherheit gewählt, die der Egoist Robert ihr nie bieten konnte. Der sieht sich zuerst und alles andere geht ihn nichts an. Aus allem versucht er Geld zu schlagen. So auch bei der Suche nach Inges entlaufenen Hund, dabei hat er das Tier ja erst Stunden zuvor in der Kiesgrube entsorgt. Die Bardame Ellie (Anita Höfer) ist zudem in Robert verliebt, doch der zeigt ihr nur die kalte Schulter. So versucht sie mit dem Schieber Krahne anzubandeln, der nach Kanada auswandern will. Das Leben in Sohnen findet vor allem in den Bars und Bordelle statt. Dort halten sich die jungen Soldaten und alten Nazis auf. Roberts Freund Bill Rodgers (Peter Nestler) hat sich in die deutsche Anni Peel (Edeltraut Elsner) verliebt, die beiden treffen sich zu einem Rendezvous im Wald. Sie werden dieses Liebesspiel im Wald nicht lange überleben, denn schicksalshaft wird Roberts Lastwagen, gefüllt mit schwarzem Kies, dort die Straße in viel zu hoher Geschwindigkeit langfahren und die beiden jungen Menschen unter sich begraben. Nun heißt es für den Unglücksfahrer Robert entweder Verantwortung für das Unglück zu übernehmen oder es vertuschen, denn durch die illegale entwendete Fracht müsste er auf jeden Fall mit einer weiteren Strafe rechnen...





Der Film "Schwarzer Kies" ist ein ungeschinkter Blick in die Wirtschaftwunder Zeiten. In der Spätphase Adenauers, ein Jahr vor dem Mauerbau, die Kuba Krise..alles ist schon am Gären und die verdrängten Widersprüche dieser Wohlstandrepublik werden schon bald unübersehbar sein. Unschwer zu erkennen ist die gespannte Stimmung in dem in ein Armee-Camp verwandelten Dorf. Gleich zu Anfang, als der Hund brutal mit dem Stein erschlagen wird, kommt es zum Kampf zwischen dem Deutschen und dem Ami. "Hey, gib mal nicht so an, Ami, die Zeiten sind vorbei" - während über dem Himmel fortwährend Düsenjäger zu sehen und zu hören sind, machen die Deutschen mit den Amis schmutzige Deals und das Leben ist keinen Pfifferling mehr wert. Die Toten werden verscharrt im schwarzen Kies in einem sehr schwarzen Film von Käutner, der eine verlogene Welt und eine verlogene Gesellschaft skizziert.




Bewertung: 10 von 10 Punkten. 

Sonntag, 7. Oktober 2018

In jenen Tagen







































Regie: Helmut Käutner

Sieben menschliche Geschichten..

 Helmut Käutner war einer der einflussreichsten Regisseure des deutschen Kinos, der 1933 mit "Kitty und die Weltkonferenz" seinen Debütfilm drehte und dessen beide im Nazideutschland gedrehten Filme "Große Freiheit Nr. 7" und "Unter den Brücken" nicht nur zu den besten deutschen Filmen aller Zeiten gehören, sondern durch ihre starke Betonung des Individuellen extrem dem Weltbild der Nazis widersprachen. Mit "Kleider machen Leute" veralberte er den Uniformenwahn der Zeit.
Nach dem Krieg drehte er mit "In jenen Tagen" einen der ersten Filme des besiegten Deutschlands, dass in vier Besatzungszonen aufgeteilt war. Der Trümmerfilm entstand 1947 und erzählt in 7 Kurzgeschichten den Werdegang eines Automobils.
Die zwei Arbeiter Karl (Erich Schellow) und Willi (Gert Karl Schaefer) schlachten 1946 in den Trümmern von Hamburg ein altes Autowrack aus und sprechen darüber, ob es in diesen schweren Zeiten überhaupt noch Menschen gibt.
In diesem Zusammenhang erzählt eine Offstimme die Geschichte der 7 Vorbesitzer.
Peter Keyser (Karl John) schenkt seinem Schwarm Sybille (Winnie Marcus) dieses Auto, der sie in einem Brief bittet mit diesem Wagen nach Berlin zu kommen. Es ist der 30. Januar 1933 und als sie losfahren will, begegnet ihr Steffen (Werner Hinz), der ihr erzählt nach Tampico auszuwandern und sich wünscht, dass sie mitkäme. Doch Sybille sagt nein und erlebt in Berlin die Machtergreifung der Nazis.
Der Wagen wechselt mit dem Komponisten Wolfgang Gronelius (Hans Nielsen) seinen Besitzer. Der Komponist für moderne Musik steht inzwischen auf der Verbotsliste der Nazis, denn er macht "entartete Kunst".
An diesem Tag fährt er mit der befreundeten Familie Buschhagen (Alice Treff, Frank Schafheitlin, Gisela Tantau) aufs Land, nichtsahnend dass die Tochter der Familie das Verhältnis zwischen ihm und deren Mutter entdeckt hat.
Der Wagen geht an die Geschäftsleute Bienert (Ida Ehre, Willy Mertens) aus Berlin, die ein Geschäft für Rahmenkunst haben. Die Frau ist Jüdin und hat Angst, dass ihr Geschäft vom Mob gebrandmarkt und auch zerstört wird. Kurz danach ist Kristallnacht.
Dorothea Wielands (Erica Balque) Mann Jochen ist verschwunden. Ihre Schwester Ruth (Eva Gotthard) gesteht ihr, dass sie und Jochen ineinander verliebt sind und im Widerstand aktiv seien. Gemeinsam wollten sie nach Zürich flüchten, jetzt suchen die beiden Schwestern den geliebten Mann.
Mit dem 5. Eigentümerwechsel landet das Auto in Russland, wo der Soldat August Hinze (Herrmann Spelmanns) einen jungen Leutnant (Fritz Wagner) am Bahnhof abholt und mit ihm eine 7stündige sehr gefährliche Strecke durch Partisanenland wagt. Nur einer wird diese Fahrt überleben.
Wieder in Berlin angekommen steht das Auto herrenlos in einer Werkstatt und wird von der jungen Erna (Isa Vermehren) ausgeliehen und die Baronin von Thorn (Margarete Hagen) vor den feindlichen Bomben in Sicherheit zu bringen. In Wahrheit muss sich die Baronin aber fürchten, weil ihr Sohn am Attentat des 20. Juli beteiligt war.




Ein letztes Mal kommt der Wagen beim Umsturz zum Einsatz, die große Flüchtlingswelle führt den desertierten Soldaten Josef (Carl Raddatz) und Marie (Bettina Moissi) mit ihrem Baby in einer Scheune zusammen.
Die sieben Episoden sollen in diesen Tagen (nach dem Krieg) ein bisschen Hoffnung ausstrahlen, dass nicht alle Menschlichkeit verloren ist und sie es auch niemals - auch nicht in jenen Tagen - war.
Helmut Käutners Film kommt ohne politischen Zeigefinger aus, hat aber eine gute subtile Wirkung und vor allem gelingt es ihm, so etwas wie Zeitatmosphäre im Nachkriegsdeutschland zu vermitteln.



Bewertung: 8 von 10 Punkten