Regie: Adrian Lyne
Himmelsleiter ?
In Genesis 28,11 ist beschrieben, dass Jakob während seiner Flucht vor
Esau von Beerscheba nach Harran eine Traumvision hat, in der er einen
Auf- und Abstieg zwischen Himmel und Erde entdeckt. Diese Jakobsleiter
reichte mit ihrer Spitze bis in den Himmel. Nach seinem Erwachen ennt
Jakob den Platz Bet-El (Haus Gottes).
In Adrian Lynes Bodyhorror-Schocker "Jacobs Ladder - In der Gewalt des
Jenseits" wird diese Verbindung zwischen Erde und Himmel unmittelbar mit
dem Schicksal des noch jungen Vietnam Veteranen Jacob Singer (Tim
Robbins) verknüpft, der im Jahr 1975 in New York lebt und bei der Post
arbeitet. Von seiner Frau Sarah (Patricia Kalember) und seinen beiden
Söhnen Jed (Brian Lenkin) und Eli (B.J. Donaldson) lebt er getrennt und
ist mit seiner Arbeitskollegin Jezebel (Elizabeth Pena) getrennt. Er
trauert nach wie vor immer wieder um den Tod seines dritten Sohnes Gabe
(Macaulay Culkin), zu dem er eine besonders innige Beziehung hatte.
Das Trauma Vietnam ist alles andere als verarbeitet, nach wie vor leidet
er an Verspannungen, die nur der Chiropraktiker Louis (Danny Aielo)
lösen kann und immer wieder plagen ihn Alpträume, die zunehmend
schlimmer werden. Denn die Bilder im Kopf verschwimmen immer mehr mit
der Realität, so sieht er böse maskierte Gestalten, die ihn verfolgen
und immer wieder holen ihn Visionen ein, die ihm mitteilen, dass er
damals - 1968 im Dschungel - getötet wurde.
Tatsächlich kann er sich noch gut an den Tag erinnern, als sie
überraschend vom Vietcong angegriffen wurden, kurz zuvor hat die gesamte
Einheit eine extrem starke Droge konsumiert, dann brach unvermittelt
ein wahrer Feuersturm nieder...
"Jacobs Ladder" ist 1990 entstanden und für seinen Regiesseur Adrian Lyne ein sehr ungewöhnlicher, düsterer Film.
Der Film war einer der ersten von inzwischen vielen Nachfolgern, die am
Ende einen extrem überraschenden Plot präsentierten, so gesehen war
Lynes Werk durchaus inspirierend und nachhaltig für zukünftige
Drehbuchautoren. Mit extrem kalten Bildern aus einem New York der
Mittsiebziger ist auch das Szenenbild, die Kameraarbeit und die
Austattung des Films sehr gut gelungen.
Am Ende des Films erscheint dann auch noch einmal ein zusätzlich Fragen
aufwerfender Text, in dem behauptet wird, dass der Psychokampfstoff BZ
im Vietnamkrieg an Soldaten getestet wurde. Diese Information
suggeriert, dass die Halluzinationen von Jacob Singer möglicherweise auf
eine Vergiftung mit diesem Kampfstoff beruhen. Auch sonst behält der
Film in letzer Konsequenz noch ein Geheimnis, denn wenn alles
ausschliesslich Vision, Vorhof der Hölle oder Fegefeuer war - dann auch
einen Blick in eine Parallelwelt möglicherweise, eine, die die Zukunft
kennt.
Es laufen nämlich im New York 1975 die Hits dieser Zeit: Mr. Postman von
den Carpenters oder Lady Marmelade von LaBelle. Die waren 1968 bei den
Soldaten im Mekong-Delta noch Zukunftsmusik.
Adrian Lyne ist eher bekannt für oberflächliches Hochglanzkino wie
"Flashdance", "Ein unmoralisches Angebot", "9 1/2 Wochen" oder "Eine
verhängnisvolle Affäre". Man mag sich gar nicht ausdenken wie der
ohnehin schon gute "Jacobs Ladder" mit einem Regisseur wie David
Cronenberg ausgesehen hätte.
Die Szenerie ist stimmungsvoll, atmosphärisch dicht, aber immer
realistisch. Es wird mit Licht und Perspektive nicht herumgespielt,
sondern sie werden sparsam und konsequent zur Unterstützung der Handlung
eingesetzt. Herausgekommen ist eine rätselhafte Geschichte, die packt
und die gekonnt zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Jenseits und
Dasein hin- und herpendelt und beklemmend wirkt,
Bewertung: 9 von 10 Punkten.