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Samstag, 18. August 2018

Junges Licht







































Regie: Adolf Winkelmann

Eine Kindheit im Kohlenpott

Der neue Film von Adolf Winkelmann heißt "Junges Licht" und ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ralf Rothmann, aber auch eine weitere Sicht auf das Ruhrgebiet und seine Menschen durch den Regisseur Winkelmann, der damit seine "Ruhrgebietstrilogie", bestehend aus "Die Abfahrer" (1978), "Jede Menge Kohle" (1981) und "Nordkurve" (1993) zu einem Quartett vergrößern kann. Aus meiner Sicht ist ihm mit "Junges Licht" einer der besten deutschen Filme dieses Jahres gelungen. "Junges Licht" kann man als modernen Heimatfilm einordnen, gleichzeitig handelt es sich um einen sehr spröden, aber durchaus schönen Jugendfilm, um mal den eigentlich bescheuerten Begriff "Coming of Age" weglassen zu können.
Einige Kritiken haben zwar bemängelt, dass da in der Geschichte, die in den 60ern spielt, viele provokante Themen zu finden sind: Sex mit Minderjährigen, Pädophilie, häusliche Gewalt, Scheinheiligkeit, Spießbügertum und alles irgendwie nie so richtig angegangen wird. Auch ein Hund verschwindet, ohne das der Zuschauer aufgeklärt wird, warum und das Ende suggeriert trotz all dieser Problemfelder in der sich die Familie Collien befindet, eine Zukunft, die genauso weitergeht wie bisher. Nichts wird verbessert, weil kein Konflikt gelöst und der kleine Julian, toll gespielt von Oscar Brose, geht gemeinsam mit seinem Vater auf dem Fahrrad nach Hause.
Tja, das waren andere Zeiten. Da durfte man auch noch beschwipst mit dem Auto durch die Gegend fahren und nicht umsonst gabs viel mehr Verkehrstote wie heute. Es gab da noch keine Emanzipation und Pädophilie war doch ein ganz fernes Thema - aber doch nicht in der unmittelbaren Nachbarschaft zu finden. Somit empfinde ich, daß Adolf Winkelmann mit "Junges Licht" eine zutiefst authentische und tiefe Geschichte erzählt. Getragen wird die Geschichte durch großartige Darstellerleistung, neben dem jungen Oscar Brose begeistert vor allem Charly Hübner als Vater Collien und auch Peter Lohmeyer als Nachbar und Vermieter Gorny.
Die Colliens wohnen in einem der vielen Häuser im Bergarbeitermilieu in Dortmund, die vom Kohlestaub verdreckt sind. Die Familie lebt in Miete im ersten Stock, der Vermieter Konrad Gorny (Peter Lohmeyer) lebt im Erdgeschoss mit seiner Frau Edeltraud (Nina Petri). Deren 15jährige Tochter Marusha (Grethe Sophie Schmidt) hat ein Zimmer im ersten Stock. Das frühreife Mädchen muss nur das Fenster öffnen, schon ist sie auch auf dem Balkon der Colliens und der 12jährige Julian (Oscar Brose) interessiert sich auch schon für Mädchen. Der Vater Walter (Charly Hübner) ist ein einfacher Mann, der wenig Worte macht. Zu seinem Sohn hat er ein ganz gutes Verhältnis, die überforderte Mutter Liesel (Lina Beckmann) lässt ihren Frust aber oft an Julian aus, er wird von ihr geschlagen und gedemütigt. Man merkt, dass sie ihre kleinere Tochter Sophie (Magdalena Matz) bevorzugt. Das Eheleben ist aber probematisch, die Frau hat psychische Probleme. Mit dieser Krankheit ist auch der Mann überfordert, er schlägt seine Frau. Von Herrn Gorny bekommt der Julian einen Fotoapparat ausgeliehen, er soll Bilder von seinen Schulkameraden machen. Zweifelsohne hat Herr Gorny ein Faible für kleine Jungs. Als die Mutter nach einem Nervenzusammenbruch mit Sophie verreist, ist Julian mit Papa allein. Er rettet den Hund der Frau Morian (Caroline Peters), die wohl früher mal in einem Nachtclub gesungen haben soll und versteckt ihn im Schuppen von Herr Gorny...



Die Geschichte, die Winkelman erzählt, wirkt episodenhaft und die Handlung zeigt viel Alltag. Man merkt, dass Julian wissbegierig ist, aber von seinem einfach gestrickten Umfeld wenig Antworten erwarten kann. Daher dürfte sein zukünftiger Weg vorgezeichnet sein. Der Regisseur vertraut oft auf die Macht des Bildes (Kameramann: David Slama), seine Figuren sprechen wenig und wenn dann viel alltägliches. Die Härte ihres Berufs hat die Menschen gekennzeichnet. In seinen besten Moment vermittelt der Film sehr viel poetischen Realismus.
Etwas irritierend vielleicht der häufige Formats- und Farbwechsel. Aus einem 4:3 Bildformat wird im Nu ein Cinemascope Bild. Auch schwarz-weiß und Farbe gibts im Wechsel. Einen dramaturgisch relevanten Grund sehe ich nicht, am Anfang hat mich das ein bisschen irritiert - aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier und inszenatrisch ist der Film so gut, dass man diese Experimente schnell verzeiht, denn sowohl schwarz-weiß als auch farbig - der Film bleibt gut, so oder so.
Etwas gewöhnungsbedürftig auch der Soundtrack von Tommy Finke, der für mich nicht so ganz passend für die frühen 60er Jahre ist. Da habe ich vielleicht Musik aus dieser Zeit als Untermalung erwartet, was ja die meisten Filmemacher auch bei einer filmischen Zeitreise in eine andere Dekade tun. Meines Erachtens gelingt es mit zeitgenössischen Songs viel spielender in der Zeit der Handlung anzukommen. Dennoch bleibt  Winkelmanns Nostalgiefilm "Junges Licht" packend bis zum Ende.




Bewertung: 7,5 von 10 Punkten. 

Samstag, 11. August 2018

Die Abfahrer







































Regie: Adolf Winkelmann

Einfach mal abhauen...


Adolf Winkelmanns erster Spielfilm "Die Abfahrer" entstand 1978 und wurde vom WDR finanziert, die Kosten beliefen sich auf sparsame 200.000 DM. Was beweist, dass es nicht Unsummen von Geld braucht, um einen guten Film zu realisieren. "Die Abfahrer" ist eine Mischung aus Roadmovie, Sozialstudie und Komödie und wurde völlig zu Recht im Jahr 1979 mit dem Filmband in Silber ausgezeichnet.
Bereits in seinem Debütfilm erweist sich Winkelmann als ausgesprochener Kenner des Ruhrgebiets. Er kennt Land und Leute und skizziert dabei das Milieu total perfekt. Der Humor ist eher leise, aber sehr gelungen und seine Figuren leben und sind einfach echt. Die Hauptrollen wurden auch mit Laiendarstellern besetzt, was besonders zum Gelingen dieses auf eigene Art sehr poetischen Films beitrug.
Heute würde man sagen "Sie chillen" - Ende der 70er Jahre hängen sie rum und haben leider nichts zu tun. Atze (Detlev Quandt), der seit einiger Zeit arbeitslos ist. Genauso wie sein Freund Sulli (Anastasios Avgeris), der aus Griechenland stammt. Neuerdings hat es auch den jungen Lutz (Ludger Schnieder) erwischt. Nach der Lehre hat man ihn nicht mehr übernommen, doch der Junge hat noch nicht den Mut gefunden es seiner besorgten Mutter (Tana Schanzara) zu sagen. So hängt er nun die letzten 6 Wochen im Hinterhof eines Arbeiterviertels herum. Er geht am Morgen aus dem Haus, als würde er zur Arbeit gehen und kommt Abends wieder heim. Gelegentlich werden die drei Freunde von den Brüdern Lolli (Freddy Garber) und Jürgen (Gerd Weiss) wegen ihrem Nichtstun aufgezogen.
Doch die Zeiten werden sicherlich nicht besser: Ende der 70er Jahre zieht sich die Schwerindustrie aus dem Ruhrgebiet immer mehr zurück, auch die Heimatstadt Dortmund ist betroffen.
Die Nachbarschaft hat viel Zeit zum Quasseln und vom Fenster aus die Straße zu beobachten. So tauchen die drei Müßiggänger auch immer wieder in den Gesprächen ihres Umfelds auf.
Die Weltmeisterschaft ist am Laufen und die Leute sitzen gebannt in den Kneipen oder Zuhause vor der Klotze. Einer der Nachbarn plant seinen Umzug nach Lübeck und so steht der LKW einer Möbelspedition vorübergehend in der Einfahrt zum besagten Hinterhof. Und so kommen die drei Jungs auf die Idee mit dem Lastwagen eine Spritztour zu übernehmen. Es ist auch alles easy: Reserveschlüssel wird gefunden, Atze hat eine Fahrerlaubnis bei seiner Bundeswehrzeit erworben. Und schon kanns losgehen. Was zuerst lediglich als eine Rundfahrt im Viertel geplant ist, weitet sich bald aus. An einer Tankstelle nehmen sie die junge Svea (Beate Brockstedt) mit, die von ihrem Freund sitzen gelassen wurde. Zu Viert peilt man das Ziel "Siegen" an, dort sollen die Möbel hin, wie die vier annehmen. Sie wissen nicht, dass die Feststellbremse kaputt ist. Aber das ist nur eines der Probleme. Inzwischen wurde auch die Polizei von dem Diebstahl in Kentniss gesetzt...


Aber keine Sorge - "Die Abfahrer" ist trotz des realistischen pessimistisch geprägten Ansatzes ein Wohlfühlfilm und vermittelt ein bisschen was von "gemeinsam sind wir stark". Die Szene wurde von Adolf Winkelmann mit ein bisschen Freiheit und Romantik angereichert, so dass der Mensch im Mittelpunkt steht. Seine Sorgen, seine Probleme und auch seine Sehnsüchte.


Bewertung. 9 von 10 Punkten.