Hollywood Grand Guignol...
Nach dem riesigen Kinoerfolg (9 Millionen Dollar Kasse) von "Was geschah
wirklich mit Baby Jane ?" hatte Hollywood Regisseur offensichtlich
Spass noch ein weiteres grotesk-triviales Horrorstück im Stil des Grand
Guignol zu inszenieren. Und es sollte wieder mit dem herrlich
funktionierenden Grusel- Duo Bette Davis und Joan Crawford besetzt
werden. Doch die Crawford wurde krank. Es ging aber auch das Gerücht
herum, dass sie aus dem Unternehmen ausstieg, weil sie empfand, dass
Aldrich Bette Davis bevorzugte. Vivien Leigh und Katharine Hepburn
sagten ab - so kam es zur Verpflichtung der großartigen Olivia de
Havilland, die es wunderbar beherrscht völlig gütige Charaktere zu
spielen (Cousine Melanie in "Gone with the wind oder als Ruth in der
Doppelrolle in "Dark Mirror") oder auch das krasse Gegenteil (Terry in
"Dark Mirror" - die von Hass und Paranoia zerfressene Zwillingsschwester
der gütigen Ruth). In "Wiegenlied für eine Leiche" durfte sie die
Cousine der seltsamen und etwas durchgeknallten Bette Davis spielen. Und
zwar etwas angelegt wie in Henry Kosters "Meine Cousine Rachel" - dort
ist der Zuschauer auch erst mal damit beschäftigt diese Cousine richtig
einzuschätzen. Ist sie gekommen um zu helfen oder hat sie etwa finstere
Pläne ?
"Wiegenlied für eine Leiche" spielte wieder reichlich Geld ein - mit 8
Millionen Dollar Umsatz schaffte es Robert Aldrich auf Platz 20 der
Kinojahrescharts. Und tatsächlich ist der Film beinahe genauso stark wie
der Vorgänger - er fällt lediglich beim zweiten Sehen etwas ab, da man
dann die vielen Wendungen des Psychothrillers mit fiesem Horroreinschlag
bereits kennt. Und es gibt darin nicht nur ein Wiedersehen mit diesen
Legenden der Leinwand Bette Davis und Olivia de Havilland.
Auch für die Nebenrollen hat Aldrich ein paar grandiose Kinostars der
40er verpflichtet: Joseph Cotten, Mary Astor, Agnes Moorehead oder Cecil
Kellaway.
Ein langes Intro führt den Zuschauer zurück ins Jahr 1927, nach
Louisiana. Dort hat sich die Southern Belle Charlotte Hollis (Bette
Davis) in den verheirateten John Mayhew (Bruce Dern) verliebt. Die
beiden haben vor nach Mexiko zu fliehen, er hat für sie sogar ein Lied
"Hush Hush sweet Charlotte" geschrieben. Doch der Vater von Charlotte,
der steinreiche und einflussreiche Big Sam Hollis (Victor Buono) erfährt
von der untragbaren Liason und zwingt den Liebhaber sich von Charlotte
fernzuhalten. Am gleichen Tag findet im Herrenhaus von Hollis ein
riesiger Ball statt. John gibt Charlotte im Pavillon den Laufpass und
wird später brutal ermordet. Die Hand wird ihm mit einem
Schlachtermesser abgetrennt, ausserdem wird er enthauptet. Charlotte
erscheint dann im Ballsaal mit einem blutigen Kleid.
37 Jahre später: Die Kinder im Ort machen sich schon seit Jahren einen
Spass mit einer Mutprobe. Wer den Mut hat in der Dunkelheit in das Haus
zu gehen, der ist ein Held. Ausserdem haben sie schon vor Jahren den
Song von Charlottes Liebhaber als Spottlied umgedichtet. Im Ort gilt
Charlotte, die nie heiratete, als verschrobene, reizbare und leicht
verrückte Einzelgängerin, für die die Zeit stehen geblieben ist. Sie
gilt jedoch als harmlos, obwohl sie immer die Hauptverdächtige in diesem
bis heute unaufgeklärten Mordfall des Jahres 1927 war. Sie hat nur eine
echte Bezugsperson - die Haushälterin Velma (Agnes Moorehead).
Gelegentlich schaut der Arzt Dr. Drew Bayliss (Joseph Cotten) vorbei.
Oder neuerdings Luke Standish (Wesley Addy), der Sheriff des Orts, denn
Charlotte will das alte Anwesen nicht verlassen - obwohl die Räumung
schon angesetzt ist. Die schrullige Charlotte wäre wohlhabend genug, um
in einem viel schöneren Haus zu wohnen. Doch sie hängt an ihren
Erinnerungen fest und glaubt die Räumung wäre ein Komplott von Jewel
Mayhew (Mary Astor), der Witwe ihres ehemaligen Lovers. Nur gut, dass
vielleicht Hilfe in der Person ihrer Cousine Miriam Deering (Olivia de
Havilland) kommt - zumindest setzt Charlotte auf sie. Mit dem Einzug von
Miriam mehren sich aber auch mysteriöse und schreckliche Vorkomnisse im
Haus. Kann es sein, dass Charlotte nun endgültig den Verstand verliert.
Zur gleichen Zeit taucht auch der Versicherungsagent Harry Willis
(Cecil Kellaway) in der Stadt auf, der sich für den alten Mordfall
besonders interessiert....





Natürlich spielt so ein erlesenes Ensemble mit riesiger Freude. Für
Agnes Moorehead als Velma sprang sogar eine Oscar-Nominierung heraus.
Nominiert wurde der Film ausserdem für die beste Kamera (Joseph Biroc),
Art Directon (Glasgow & Bretton), Beste Kostüme (Norma Koch), bester
Schnitt (Michael Luciano), beste Filmmusik (Frank de Vol), ausserdem
wurde der Song selbst nominiert. Obwohl der Film viel weniger subtil ans
Werk geht wie der Vorgänger. Dort bezieht die Geschichte ihren Horror
aus dem Umgang der beiden Schwestern miteinander. In "Wiegenlied für
eine Leiche" agiert Bette Davis noch überzogener - aber es funktioniert
prächtig. Auch die Geschichte ist viel sadistischer und grob inszeniert.
Eine eh schon durchgeknallte reiche Jungfrau soll wirklich verrückt im
Sinne von "krank" gemacht werden. Dafür setzen die Übeltäter abgetrennte
Körperteile ein, sie spielen nachts auf dem Klavier und rufen mit dem
"Hush Hush Sweet Charlotte" ihr potentielles Opfer aus dem Bett. Eine
Geschichte um Mord, Chaos und Täuschung. Sehr wendungsreich - wenn man
an die vielen heutigen Filme mit den irren Wendungen denkt, dann ist
"Wiegenlied für eine Leiche" sogar ein sehr zukunftsweisender Schocker.
Für seine Entstehungszeit waren auch die Gruseleffekte recht krass. Aus
heutiger Sicht natürlich schon etwas veraltet...aber es ist dennoch ein
Vergnügen diesen kranken Südstaatencharakteren bei ihrem perfiden Spiel
zuzusehen. Das Ende heißt Mord - aber auch Erlösung durch einen Brief.





Bewertung: 9 von 10 Punkten.