Posts mit dem Label Bertrand Tavernier werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bertrand Tavernier werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 28. Mai 2022

Hauptmann Conan und die Wölfe des Krieges


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Regie. Bertrand Tavernier

Krieger....

Der französische Antikriegsfilm "Hauptmann Conan und die Wölfe des Krieges" wurde 1996 von Bertrand Tavernier inszeniert. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Roger Vercel und heißt im Original "Captaine Conan". Bei der 22. Verleihung des Cesars am 8. Februar 1997 war zwar "Ridicule" von Patrice Leconte und 12 Nominierungen der große Favorit, aber Taverniers Film war immerhin in 9 Kategorien (bester Film, beste Regie, bester Hauptdarsteller Philippe Torreton, bester Nachwuchsdarsteller Samuel Le Bihan, bestes Drehbuch, bestes Szenenbild, bester Ton und beste Kostüme) nominiert. In der Kategorie "Beste Regie" wurde sowohl Leconte als auch Tavernier ausgzeichnet und in der Kategorie "Bester Darsteller" trug Philippe Torreton den Sieg davon.
"Hauptmann Conan und die Wölfe des Krieges" ist in mehrfacher Hinsicht eine tragische Abrechnung mit dem Krieg - die Geschichte beleuchtet nicht nur die Schrecken auf dem Schlachtfeld. Auch als Heimkehrer sind die Soldaten nur Verlierer, denn das bürgerliche Leben hat keine Platz mehr für sie und sie versinken in der Bedeutungslosigkeit. Die Geschichte spielt bereits am Ende des 1. Weltkrieges. Im September 1918 kämpft die französische Armee an der Salonikifront gegen die Bulgaren, die mit dem Deutschen verbündet sind.
Captain Conan (Philippe Torreton) ist ein Krieger im wahrsten Sinne des Wortes. Er kämpft nicht nur auf eine aussergewöhnlich Weise, sondern die Tatsache, dass er im Krieg lebt, lässt ihn auch sehr intensiv leben. Conan befehligt eine ca. fünfzig Köpfige Kampftruppe, bestehend aus ehemaligen Häftlingen aus diversen Miltitärgefängnissen. Conan hat aus diesen Männern eine verschworene Gemeinschaft mit besonderem Kampfgeist geformt und durch diese Spezialeinheit kann der strategisch wichtige Berg Sokol viel schneller als erwartet eingenommen werden. Es folgt die Kapitulation Bulgariens. Eigentlich könnte der Krieg zu Ende sein, aber die Kameraden freuen sich zu früh über die Heimreise. Die Soldaten werden erstmals nach Rumänien beordert. Conan verachtet die reguläre Armee und die aktiven Offiziere, die er als "Soldaten" bezeichnet. Sich selbst und seine Männer nennt er "Krieger" - er schätzt lediglich De Sceve (Bernard Le Coq), einen Adligen, der seinen Privilegien den Rücken gekehrt hat, um sich der Infanterie anzuschließen. Und mit Leutnant Norbert (Samuel Le Bihan) ist er befreundet. Er schätzt dessen Moral und Rechtschaffenheit. In Rumänien läuft vieles aus dem Ruder. Einge aus Conans Truppe begehen Verbrechen an der Zivilbevölkerung. Norbert hingegen wird in Bukarest zum Kommissar ernannt und hat die heikle Aufgabe Soldaten zu verhaften, die sich schuldig machen und diese zu verurteilen. Dies stellt die Freundschaft der beiden sehr unterschiedlichen Männer auf eine harte Probe....





Tavernier erteilt dem Militarismus und damit einem falsch verstandenen Heldentum eine klare Absage. Er hat einmal mehr einen brillianten Historienfilm geschaffen, der neben "Richter und der Mörder", "Wenn das Fest beginnt" und "Passion der Beatrice" zu seinen besten Filmen gehört. Philippe Torreton überzeugt in der Hauptrolle und hat seinen Cesar mehr als verdient. Als Madelaine Erlan ist die französische Schauspielerin Catherine Rich (1932-2021) zu sehen.



Bewertung: 8 von 10 Punkten. 
 

 

Auf offener Straße


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Regie. Bertrand Tavernier

L 627....

"Auf offener Straße" ist ein Polizeifilm, der 1992 von Bertrand Tavernier inszeniert wurde und im Original "L.627" heißt. Das Drehbuch schrieb ein ehemaliger Polizist mit und so fällt der Alltag bei der Pariser Drogenfahndung, die der Regisseur beschreibt, auch sehr realistisch aus. Der Titel "L.627" bezeiht sich auf den alten Artikel des französischen Gesundheitsgesetzes, der den Konsum und den Handel mit Betäubungsmitteln verbietet. Der Film stellt Theorie und Praxis nebeneinander und sehr schnell wird dem Zuschauer klar, dass die Polizei in allen Belangen sehr schlecht ausgestattet ist, um die vom Gesetz vorgesehenen und notwendigien Maßnahmen zu erfüllen. Gelichzeitig ist es dem Filmemacher hoch anzurechnen, dass er sämtliche Konventionen für einen typischen Polizeifilm abgelehnt hat.
Die Hauptfigur der Geschichte heißt Lucien Marguet (Didier Becaze), den alle nur "Lulu" nennen. Er arbeitet mit großem Engagement als Ermittler zweiter Klasse bei der Pariser Kriminalpolizei. Privat hat er eine Beziehung mit Kathy (Cecile Garcia Vogel), die manchmal darunter leidet, dass sein Job einen sehr breiten Raum im Leben einnimmt. Das Familienleben und sein Hobby "Kamera und Film" stehen erst an zweiter Stelle. Mit seinen Arbeitskollegen Marie (Charlotte Kady), Manuel (Jean Roger Milo), Vincent (Nils Tavernier), Dodo (Jean Paul Comart), Antoine (Philippe Toreton) hat er ein sehr gutes, kollegiales Verhältnis, auch wenn es manchmal Zoff innerhalb der Mannschaft gibt. Lulu hat auch eine gute Beziehung zu seinen Informanten. Vor allem mit der drogensüchtigen Prostituierten Cecile (Lara Guirao) pflegt er ein sehr inniges Verhältnis. Der Film zeigt den ungeschönten Alltag der Brigade..



Ein Film über die realistischen Arbeitsbedingungen von Polizisten im Außendienst. Ein gefährlicher Job - doch alle reißerischen Elemente des Genres fehlen hier. Actionszenen wurden von Tavernier mit langer Brennweite gedreht. Der Film nimmt in allererster Linie die Perspektive der Polizisten ein - die Beziehung der Beamten untereinander nimmt einen breiten Raum ein, ebenso die Beziehung zwischen Polizist und Informant. Einmal wird Lulu sagen, dass alles was die Gruppe tut einen illegalen Charakter hat - aber nur so ist es überhaupt möglich Straftaten zu verfolgen und Drogendealer zu fassen. Einerseits ist immer wieder spürbar wie engagiert - trotz hohem Zynismus - die Gruppe ihre Arbeit verrichtet, andererseits sind die Mittel mehr als bescheiden. Sie arbeiten beispielweise in einem Fertighaus mitten auf einem großen unbebauten Gründstück. Die Fahrzeuge sind mangelhaft, auch die Beschaffung von Büromaterial kann zum Problem weiter. Mit insgesamt 4 Cesar Nominerungen (Bester Film, beste Regie, beste Nachwuchsdarstellerin Charlotte Kady und bestes Drehbuch) ging Taverniers Film ins Rennen um den begehrten Filmpreis 1993. Am Ende bekam der Film keine Auszeichnung - die Sieger des Abends waren "Indochine" von Regis Wargnir mit fünf und "Wilde Nächte" von Cyril Collard mit vier Auszeichnungen.



Bewertung: 8 von 10 Punkten. 

 

Montag, 18. April 2022

Der Uhrmacher von St. Paul


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Regie: Bertrand Tavernier

Der unbekannte Sohn...

Die vielleicht bekannteste Arbeit des Filmregisseurs Bertrand Tavernier, der aus Lyon stammt, ist wahrscheinlich der 1986 entstandene Jazzfilm "Um Mitternacht". 1974 realisierte er mit dem Roman von Georges Simeon "Der Uhrmacher von St. Paul" seinen ersten Spielfilm. Die Handlung der Geschichte verlegte Tavernier in seine Heimatstadt Lyon und diese wurde von Kameramann Pierre William Glen auch sehr gut eingefangen. Dabei wird der Kriminalfilm auch um eine politische Variante erweitert und domiierend lebt aber der Film von seiner sehr differenzierten Charakterstudie eines Vaters, dessen Sohn plötzlich einen Mord begangen haben soll. Dieser Uhrmacher Descombes (Philippe Noiret, der klasse spielt) lebt mit seinem Sohn im Altstadtviertel St. Paul in Lyon. Descombes hat viele gute Freunde und ist ein angesehener Bürger, der sich immer wieder mit seinen Kumpels trifft - gemeinsam essen sie und unterhalten sich über Wirtschaft und Politik. Descombes selbst ist eher unpolitisch, im Gegensatz zu vielen seiner Freunden, die eher politisch links und gewerkschaftsnah stehen. Eines Morgens - gerade als er seinen Laden öffnen will - bekommt der besonnenne Mann Besuch von der Kripo. Der mit einem Mordfall beauftragte Inspektor Guilboud (Jean Rocheford) teilt ihm mit, dass Descombes Sohn Bernard (Sylvain Rougerie) der Hauptverdächtige sei. Dieser befindet sich auch auf der Flucht...gemeinsam mit seiner Freundin namens Liliane Torrini (Sylvia Pascal), die auch seine Komplizin sein soll. Diese Nachricht trifft den Vater wie ein Schock, er muss sehr schnell erkennen, dass sein Sohn viele Geheimnisse hatte...



Mit seinem Erstling "Der Uhrmacher von St. Paul" schuf Bertrand Tavernier einen sehr leisen, ruhigen Film, der so gut wie keine Action hat, dafür aber mit einer eindringlichen, psychologischen Studie zu gefallen weiß. Daraus bezieht der Film seine Spannung, auch die verständnisvolle Beziehung zwischen Uhrmacher und dem Kommissar ist gut gestaltet. Krimifans kommen durch diese subtile, sensible Gestaltung der Figuren auf ihre Kosten, man sollte aber keinen Kracher erwarten, der von Höhepunkt zu Höhepunkt eilt. Tavernier orientierte sich sicherlich auch am unaufgeregten Inszenierungstil der Chabrol Krimis aus dieser Zeit. Der Film entstand 1974 und erhielt den Silbernen Bären.




Bewertung: 8 von 10 Punkten.

Der Saustall


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Regie: Bertrand Tavernier

Die Rache des Schwächlings..

Der 1981 entstandene Kolonialkrimi "Der Saustall" ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten Filme des Regisseurs Bertrand Tavernier. Er bekam 1983 eine Oscarnomierung als bester ausländischer Film - konnte sich jedoch gegen den spanischen Beitrag "Volver a empazar" von Jose Luis Garci nicht durchsetzen. Bei der Verleihung der Cesars erreichte der Film 10 Nominierungen. Er ging aber am Ende überraschend leer aus. Die Filme "Diva" (Jean Jacques Beneix) und "Das Verhör"(Claude Miller) waren mit jeweils 4 Auszeichnungen die Gewinner des Abends.
Die Geschichte spielt im Jahr 1938 in dem fiktiven Dorf Bourassa Ourbangui in Französisch-Westafrika und ist vom Regisseur als Satire über das Wertsystem der weißen Herrscher über ihre Kolonie zu verstehen.
Dort lebt Lucien Cordier (Philippe Noiret), der einzige Polizist in einer kleinen Kolonialstadt. Man hat ihn nicht wegen seinem Mut und seiner Härte zum Polizisten gewählt, sondern weil er ein zwar gutmütiger, aber sehr feiger Typ ist. Cordier weiß dies und er lässt sich von den den Mitmenschen sehr viel Kränkung gefallen. Auch die beiden Zuhälter des Ortes verspotten und verhöhnen ihn bei jeder sich bietenden Gelgenheit. Seine Frau Huguette (Stephane Audran) betrügt ihn mit Nono (Eddy Mitchell), einem Mann, der bei dem Ehepaar lebt, weil Huguette ihn fälschlicherweise als ihren Bruder ausgibt. Cordier schwärmt für die junge Rose (Isabelle Huppert), lässt aber auch zu, dass ihr brutaler Mann (Michel Beaune) sie auf offener Straße verprügelt. Cordier hat null Autorität um sich durchsezten zu können. Dies macht ihm sein Vorgesetzter (Guy Marchand) klar - ab diesem Zeitpunkt verwandelt sich der gutmütige Polizist nach und nach in einen erbarmungslosen Mörder, der sich all seiner Peiniger entledigt. Er beschuldigt die Anderen, bevor er sie eliminiert. Am Ende bleibt er allein und geistig vernichtet zurück....


Weitere Darsteller sind Jean Pierre Marielle in einer Doppelrolle als Zuhälter und dessen Zwillingsbruder, die Lehrerin Anne wird von Irene Skobline gespielt. Das Szenenbild ist superb - verantwortlich dafür war Alexandre Trauner, ein Altmeister des franzöischen Kinos. Er hat auch bei Marcel Carnes "Kinder des Olymp" mitgewirkt. Kameramann war Pierre William Glenn, der die perfekten Kamerafahrten für diesen Alptraum schuf.



Bewertung: 8 von 10 Punkten.

Montag, 18. Januar 2021

Ein Sonntag auf dem Lande


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Regie: Bertrand Tavernier

Familientreffen...

Der 1941 in Lyon geborene französische Filmregisseur Bertrand Tavernier arbeitete am Beginn seiner Karriere als Regieassistent bei Jean-Pierre Melville. Bereits sein erster Spielfilm "Der Uhrmacher von St. Paul" zeigte sein großes Talent und fand auch international Beachtung. Er gewann insgesamt vier Cesars. Seine bekanntesten Filme sind sicherlich "Der Saustall" (Oscarnominierung als bester Auslandsfilm) und "Um Mitternacht", mit dem Herbie Hancock einen Oscar für den Musikscore gewann. Auch seine Historienfilme sind kleine Meisterwerke. In "Passion der Beatrice" ließ er das tiefste Mittelalter wieder aufleben, sein "Ein Sonntag auf dem Lande" führt den Zuschauer zurück in die Zeit kurz vor dem ersten Weltkrieg. Trotz wenig Handlung, völlig ohne Spannung gelang ihm damit dennoch ein überzeugender Film über Menschen in dieser Zeit.
Der Film basiert auf dem Roman " Monsieur Ladmiral va bientot mourir" von Pierre Bost. Ein Familienbesuch in einem schönen Landhaus findet statt und der Regisseur öffnet ein Zeitfenster, damit der Zuschauer an dieser Begegnung teilnehmen kann. 
Kunstmaler Ladmiral (Louis Ducreux) ist wehmütig, denn er spürt das Alter und beginnt sich inzwischen mit dem Tod auseinanderzusetzen. Seine Frau (Claude Winter) ist bereits verstorben, doch er denkt oft an sie. Seither klammert er sich auch mehr an die langjährige Haushälterin Mercedes (Monique Chaumette) und hofft, dass sie seine Launen weiterhin erträgt und nicht kündigt. Am Sonntag kommt oft sein Sohn Gonzague (Michel Aumont) mit seiner Frau Marie Therese (Genevieve Mnich) und den drei Kindern (Thomas Duval, Quentin Ogier, Katja Wostrikow) auf Besuch vorbei. Er freut sich auf diese Besuche, obwohl das Vater-Sohn Verhältnis immer schon etwas angespannt war. Mitten in diesen etwas langweiligen Sonntagnachmittag platzt Irene (Sabine Azema) mit ihrem neuen Automobil hinein. Sie ist der Liebling des Vaters und ziemlich extrovertiert. Mit ihrer Art bringt sie etwas Stimmung in die beschauliche Runde. Die Kinder freuen sich, denn Irene hat auch ihren Pudel mit dabei. Bei Gonzague kommen verdrängte Gefühle wieder hoch, er erinnert sich daran, dass der Vater Irene immer bevorzugt hat. Am Ende des Tages hat der Maler den Plan im Kopf ein modernes Bild zu machen...



Doch das letzte Bild vermittelt Wehmut und Vergänglichkeit. Obowohl in "Ein Sommer auf dem Lande" fast nichts passiert, bereitet das edle Filmwerk viel Freude. Sehr verdient gewann Taverniers Film bei der Vergabe des Cesar 1985 drei Preise. Einer ging an die Hauptdarstellerin Sabine Azema, der zweite an Tavernier selbst fürs Drehbuch und natürlich konnte man die geniale Kameraarbeit von Bruno de Keyzer nicht unberücksichtigt lassen, der mehrmals mit Tavernier zusammenarbeitete. Seine Bildkompositionen wirken tatsächlich wie die impressionistischen Gemälde des Malers selbst. 




Bewertung: 9 von 10 Punkten. 

Montag, 4. September 2017

Die Passion der Beatrice







































Regie: Bertrand Tavernier

Die Sehnuscht und das Warten auf den Vater...

Obwohl Geschichten des Mittelalters schon öfters im Kino zu Kassenhits wurden (Flesh and Blood, Der Name der Rose, Der Medicus; Königreich der Himmel) sind die Filme, die sich mit dieser Epoche beschäftigen, doch sehr rar gesät. Und noch rarer sind die filmschen Vertreter, die dieses Zeitalter zwischen tiefster Barbarei bis hin zur tiefsten Gottesfurcht, so atmospährisch stark eingefangen haben, wie es dem großen schwedischen Filmemacher Ingmar Bergman mit "Das siebente Siegel" (1957) und "Die Jungfrauenquelle" (1960) gelang. Es gibt sie aber diese Meisterwerke. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang erscheint mir natürlich die erotische Trilogie von Pasolini, mit  "Decamerone" und "Canterbury Tales" spielen zwei dieser Filme im europäischen Mittelalter. Es waren aber in den letzten Jahrzehnten vor allem die kleinen intimeren Filme, die es schafften diese faszinierende Zeit glaubwürdig aufleben zu lassen. Ich erinnere da an John Hustons "Reise mit der Liebe und dem Tod", Juan Bunuels "Eleonore", Andrej Wadjas wunderbarer Klassiker "Die Pforten des Paradieses", der wohl einzige Film über einen Kinderkreuzzug . In den letzten Jahren schufen vor allem nordische Regisseure gute Beiträge wie "Escape" von Roar Uthaug oder "Wahlalla Rising" von Nicolas Winding Refn geweisen.
Dank Pidax ist nun endlich mit dem 1987 entstandenen "Die Passion der Beatrice" einer der besten Vertreter seiner Sparte auf einer deutschsprachigen DVD erschienen. Der Film von Bertrand Tavernier (Uhrmacher von St. Paul, Der Richter und sein Mörder) ist sehr spröde und extrem brutale Geschichte. Nichtsdestotrotz ist ihm aber mit diesem 1987 erschienenen Film ein wahres Meisterwerk in dieser Sparte der Mittelalterfilme geglückt. Dabei wollte der französische Regisseur nun gar kein wissenschaftlich exaktes Bild dieser Epoche entwerfen. Vielmehr ging es ihm darum die Vision eines finsteren Zeitalter lebendig werden zu lassen, in der sich die Protagonisten behaupten müssen. Es ist eine grausame Welt in der sie leben. Der Mensch dieser Zeit des ausgehenden Mittelalters (14. Jahrhundert) muss sich zwischen Barbarei und Zivilisation entscheiden. Für diese Geschichte lieferte der Kameramann Bruno de Keyzer auch atemberaubende Bilder, die das Szenario umso beklemmender werden lassen.
Einer, der in dieser Zeit schon als Kind eine große Verzweiflung und innere Zerissenheit in sich trägt ist der kleine Junge Francois de Cortemant (Sebastien Konieczny), der auf einer Burg aufwächst und dessen Vater (Vincent Saint-Ouen) in den Krieg zieht. Als die untreue Mutter versucht mit einem anderen Mann ins Bett zu steigen, verteidigt der Zehnjährige Knirps deren Ehre und ersticht den Mann mit einem Dolch. Der kleine Junge hält öfters oben auf dem Aussichtsturm Ausschau nach seinem geliebten Vater, später wird er sogar sagen, dass er einmal 3 Monate ohne Pause auf diesem Turm verbrachte. Der Ort scheint auch ein stiller Rückzugsort zu sein in diesen kriegerischen Zeiten. Doch sein Vater kehrt nicht mehr zurück. Eines Tages überbringt man die Nachricht von seinem Tod. 
Viele Jahre später ist Francois de Courtemant (Bernard-Pierre Donnadieu) mit seinem Sohn Arnaud (Nils Tavernier) selbst in den Krieg gezogen, doch beide landeten in englischer Gefangenschaft.  Nun wartet Francois starke und tapfere Tochter Beatrice (Julie Delpy) auf die Heimkehr der beiden geliebten Menschen. Um die beiden schneller aus der Gefangenschaft zu befreien, bleibt der jungen Frau, die mit ihrer Großmutter (Monique Chaumette), einem Geistlichen und den vielen Kmechten und Mägden in der Burg lebt, nichts anderes übrig als weite Teile des Familienvermögens zu verkaufen, um seine Freilassung zu bewirken. Das beträchtliche Lösegeld konnte nur durch die Veräußerung großer Ländereien und des gesamten Interieurs der heimatlichen Burg bereitgestellt werden. Es gab kaum Bares auf Rittersitzen. Die Pest hatte Europa zu dieser Zeit sowieso schon entvölkert, es gab nur noch wenige Menschen, die die brachliegenden Äcker zu bewirtschaften in der Lage waren.
Doch als die beiden Männer die heimatliche Burg endlich wieder betreten, brechen für die junge Frau grauenhafte Zeiten an: Der Vater ist nicht mehr derselbe. Durch das Erlebte in seinem Wesen verändert, hart und zynisch, brutal und selbstquälerisch, errichtet er auf der Burg ein Regiment des Schreckens. Zunächst einmal bekommt Arnaud die Tyrannei des Vaters grausam zu spüren. In seiner Burg errichtet er eine surreale Schreckensherrschaft, wird zum Raubritter und gar inzestuösen Vergewaltiger. Am Ende steht Verzweiflung, Hass und Tod...



Tavernier inszenierte diesen Film zuerst sehr ruhig und stellt eine starke innige Verbundenheit zwischen Vater und seiner Tochter dar, die genauso auf ihn wartet, wie er damals als kleiner Junge auf seinen Vater. Während Francois den Tod des Vaters erfahren muss, meint es - wie es scheint - der liebe Gott gut mit Beatrice. Denn sowohl Vater als auch Bruder kehren zurück. Der sanfte und hübsche Bruder aber als Feigling, wie der Vater sagt, der ihn bei jeder Gelegenheit kränkt und demütigt.  Und der Vater selbst als unberechenbares Monster, der für sich selbst und für seine Mitmenschen den Zerströrungskurs gewählt hat. Sein eigenes Versagen im Leben projeziert der kluge, aber inzwischen eiskalte Mann auf seine Umgebung. Er wird zum Wahnsinnigen. Am Ende steht die Tragödie. Tavernier zeichnete ein Bild dieser Epoche und der Menschen, die mit den Genreverwandten aus Hollywood nur wenig Gemeinsamkeit aufweise.
Schon die Burg steht da als saukalter und zügiger Steinklotz mit Kmain und ein paar kargen Werkstätten, spärlichster Gemüsegarten auf dem Hof, zwischen dem die Haustiere ihr Revier haben. Die Leute, die für die Familie arbeiten, tragen als Leibeigene Lumpen auf dem Leib, man sieht die fauligen Zahnstumpen, wenn sie reden.
Die Religion oder die Gottesfurcht ist allgegenwärtig, aber man erkennt auch, wie sehr die Menschen dieser Zeit erdrückt. Der Film nimmt sich sehr viel Zeit dafür, diese Zeit wieder auferstehen zu lassen. Ganz beiläufig gibt die Magd einen Kommentar dazu ab, wie sich Jungen und Mädchen unterscheiden. Ganz nebenbei wird eine Hexenverbrennung gezeigt. Diese Hinrichtung mutet wie eine bäuerliche Lynchjustiz an.
Oder ein weibliches Neugeborenes, von seiner Mutter getötet und im Schnee liegen gelassen, bleibt unbestattet zurück, weil Mädchen keine Seele haben.
Die beiden Hauptfiguren sind starke Persönlichkeiten. Selbst aus dem brutalen und gequälten Ritter de Cortemar schimmert immer wieder Sensibiliät, Verletzlichkeit und die Sehsucht nach Erlsöung durch. Diese Absolution bzw. seine Erlösung durch den Tod wird am Ende von seiner ebenso starken Tochter herbeigeführt. Das Mädchen, dass um ihren geliebten Vater so sehr gekämpft hat, bis dieser über sie hergefallen ist und so jede Hoffnung für Liebe zunichte gemacht hat. Er wird sie in der letzten Sekunde fragen, ob sie ihn irgendwann mal geliebt habe. Sie wird dies verneinen.
Für mich ein Meisterwerk.




Bewertung: 10 von 10 Punkten.