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Montag, 5. Dezember 2022

Der Rausch


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Regie: Thomas Vinterberg

Ein rein wissenschaftliches Experiment...

 Der 1969 geborene dänische Regisseur Thomas Vinterberg wurde 1998 durch den eindringlichen Dogma Film "Das Fest" bekannt. Danach wurde es ruhiger um ihn, sein von Lars von Trier geschriebener Film "Dear Wendy" mit Jamie Bell in der Hauptrolle erwies sich als Megaflop, obwohl der Film inhaltlich sehr interessant gestaltet ist. Erst 2012 mit "Die Jagd" und einem hervorragenden Darsteller wie Mads Mikkelsen gelang Vinterberg ein weiterer Welterfolg, der in der Kategorie "Bester Auslandsfilm" um den begehrten Oscar kämpfte. Am Ende unterlag er dem Romfilm "The Great Beauty" von Paolo Sorrentino. Mit "Another Round" - so der internationale Titel des Films "Druk, was in dänsich soviel wie "Komasaufen" bedeutet - gelang ihm nun der Sprung an die Spitze. In Deutschland lief sein Film unter den Titel "Der Rausch" und der sahnte 2020 sehr viele Filmpreise ab. Unter anderem gabs endlich den Oscar als bester internationaler Film. Auch bei den Europäischen Filmpreisen wurde der ungewöhnliche Film über die Volksdroge "Alkohol" mehrfach ausgezeichnet: Vinterberg bekam gleich drei Auszeichnungen für den besten Film des Jahres, für sein Drehbuch und für seine Regieleistung. Auch Hauptdarsteller Mads Mikkelsen gelang im 4. Anlauf der Sieg in der Kategorie "Bester Darsteller". Insgesamt konnten sich die Macher über ein Einspielergebnis von ca. 22 Millionen Dollar freuen. Die Geschichte führt den Zuschauer an eine Schule. Dort bereiten sich die Schüler fürs Examen vor. Sie werden aber von eher lustlosen Lehrern unterrichtet. Einer davon ist der Geschichtslehrer Martin (Mads Mikkelsen), der für die Schüler einen gähnend langweiligen Unterricht macht. Die Eltern der Teenager sorgen sich, dass mit diesem Lehrer die Prüfungen nur sehr schwer zu bestehen sind. Mit seinen 40 Jahren wirkt der Pädagoge sehr ausgebrannt, auch die Ehe verläuft im Modus "Alltagstrott". Seine Frau Anika (Marie Bonnevie) ist ihm irgendwie fremd geworden, obwohl das Paar zwei heranwachsende Söhne hat. Anika ist eine Krankenschwester, die vornehmlich Nachtwache macht und so sieht sich das Paar sogar zuhause eher selten. Von seinen Kollegen, dem Philosophielehrer Nikolaj (Magnus Millang), dem Musiklehrer Peter (Lars Ranthe) und dem Sportlehrer Tommy (Thomas Bo Larsen) wird Martin an seinem 40sten zum Essen eingeladen. Dort wird sichtbar, dass Martin mit seinem Burn Out nicht alleine ist. Auch den anderen drei Lehrern geht es ähnlich, sie suchen eine neue Inspiration, die wieder mehr Freude in den Alltag und auch in den Beruf bringen soll. Nikolaj zitiert eine These des norwegischen Psychiaters Finn Skarderud, nach dem der Mensch mit einem um 0,5 Promille zu geringen Blutalkohlwert auf die Welt komme. Man müsse nur diese 0,5 Promille an Alkohol aufnehmen und diesen Level halten, dann wäre man zu besseren Leistungen fähig. Die vier Lehrer beschließen diese These in einem gewagten Selbstexperiment zu testen. Das soll ihen mehr Selbstbewusstsein und Freude am Job bringen und tatsächlich verheißen die ersten Tage eine echte Leistungssteigerung...





Natürlich ist das nur der erste gefühlsmäßige Eindruck, denn durch gewisse Steigerungen läuft dieses waghalsige Experiment völlig aus dem Ruder. Am Ende von "Der Rausch" tanzt Martin ausgelassen mit seinen Schülern, die alle das Abitur erfolgreich bestanden haben und sich nun im Feiermodus ebenso dem Alkohol hingeben. Ganz beiläufig zeigt Vinterberg unsere Gesellschaft, die das Trinken und den Rausch mehr oder weniger bedenkenlos akzeptiert und ständig zwischen Glück und Trauer hin- und her jonglieren. Somit ein Film übers Leben und ebenso ein etwas anderer Drogenfilm, der das alltägliche Suchtverhalten aufzeigt - jedoch nie mit dem erhobenen Zeigefinger und auch nie verherrlichend. Vinterberg zeigt, der Zuschauer kann sich selbst seine Schlüsse daraus ziehen.




Bewertung: 8 von 10 Punkten. 

Donnerstag, 17. Mai 2018

Die Jagd







































Regie: Thomas Vinterberg

Täter und Opfer...

Der neue Film vom dänischen Dogma95 Mitbegründer Thomas Vinterberg heißt "Die Jagd" und ist vielleicht sogar noch eine Spur eindringlicher als seine bislang beste Arbeit "Das Fest" aus dem Jahr 1999. In beiden Filmen geht es um sexuellen Mißbrauch - "Das Fest" war eine Abrechnung mit dem 60jährigen Vater, dessen Sohn an diesem Geburtstag den Mißbrauch des Vaters an den Kindern offenbart. In "Die Jagd" geht es um einen Lehrer, der fälschlicherweise in den Verdacht eines Kindesmißbrauch gerät. Extrem nachhaltig ist der Schluß des Films, bei dem die Männer tatsächlich auf eine Jagd gehen und durch eine Sekundensequenz der Geist der Geschichte noch einmal hervorgehoben wird. Das sollte nicht verraten werden, es ist jedenfalls ein genialer Fingergriff des Regisseurs, ich frage mich nur, ob diese Sekunde tatsächlich das ganze Ausmaß dieser vorangegangenen Katastrophe wiedergibt oder ob es nicht sogar ein bissel beschönigt. Dieser Jagd ging nämlich eine menschliche Jagd und Hatz voraus, die durch die unbedachte Äusserung eines Kindes die primitivsten Ausmaße menschlichen Verhaltens offenbaren, alles unter dem Deckmantel gängiger Normen. Denn beim sensiblen Thema des Kindermißbrauchs kommen auch die geheimen Lynchwünsche der bürgerlichen Gesellschaft zu Tage. Ausgelöst durch die kleine 5järige Klara (Annika Wedderkopp), die sich gerne mit dem geschiedenen Lucas (Mads Mikkelsen) trifft, nicht nur wegen der Liebe zu dem Hund von Lucas. Das kleine Mädchen fühlt sich beim erwachsenen Lucas geborgen und himmelt ihn etwas an. Lucas selbst arbeitet derzeit im Kindergarten von Grethe (Susse Wold) und versucht als geschiedener Vater mehr Kontakt zu seinem geliebten 14jährigen Sohn Marcus (Lasse Vogelstrom) zu bekommen, was seine Exfrau immer wieder verhindert oder zumindest begrenzt. Klaras Eltern sind oft im Streit, Vater Theo (Thomas Bo Larsen) ist der beste Freund von Lucas - seit Kindertagen. Aus Eifersucht behauptet die kleine Klara, dass Lucas ihr sein Geschlechtsteil gezeigt hat. Grethe reagiert zunächst auf diese Äußerung irritiert, sie zettelt aber sehr schnell den Rufmord an, indem sie dem Beschuldigten keine Möglichkeit der Rechtfertigung gibt, sondern pädagogisch korrekt das Kind befragt, allerdings so subjektiv, weil der Täter schon feststeht und weil Kinder ja nie lügen können. So wird aus begründeter Angst eine hysterische Hexenjagd mit starken Tendenzen zur Selbstjustiz....




 Obwohl man ja schon anmerken muss, dass Mads Mikkelsen gefühlt inzwischen in jeder dritten europäischen Kinoproduktion auftaucht - dieses Mal wird er seinem guten Ruf als großer Schauspieler mehr als gerecht. Die Rolle des Lehrers Lucas spielt er sagenhaft gut, der Film brachte ihn in diesem Jahr die dritte Nominierung als bester Schauspieler für den europäischen Filmpreis ein - er musste sich allerdings von Altstar Jean Louis Trintignant in Hanekes "Liebe" geschlagen geben. "Die Jagd" ist ein sehr bedrückender, atmosphärisch unglaublich dichter Film über die Auswüchse bürgerlicher Gerechtigkeit. Der vermeintliche Täter wird zum Opfer, weil diese Dynamik weitere Täter hervorbringt. 




Bewertung: 8 von 10 Punkten.