Samstag, 3. Oktober 2026

Biester
























Regie: Claude Chabrol

Bösartige Freundinnen...

"An den ehrbaren Menschen stoßen mich viele Dinge ab. Und gewiss ist es nicht das Böse, das in ihnen ist"...Die stille Sophie (Sandrine Bonnaire) bewirbt sich als Hausmädchen bei der schwerreichen Catherine Lelievre (Jaqueline Bisset). Catherine stellt Sophie ein. Die Familie lebt auf einem stattlichen Anwesen ausserhalb eines kleines Dorfes in der Bretagne. Catherines Mann George (Jean-Pierre Cassel) verdient sein Geld als Fabrikant, Catherine selbst engagiert sich in einer Galerie und soll laut Gerüchten dort auch heimlich Liebhaber empfangen.
Tochter Melinda (Virginie Ledoyen), die aus Catherine erster Ehe stammt, studiert und kommt nur am Wochenende nach Hause.
Der gemeinsame verwöhnte Sohn Gilles (Valentin Merlet) ist vierzehn Jahre alt.
Die Familie liebt klassische Musik, vor allem Mozart.
Sophie ist fleissig und eine richtige Perle, hält aber ihre Dyslexie geheim, was einerseits Missverständnisse mit sich bringt: Die Lelievres drängen auf eine Brille, weil eine Sehschwäche vermutet wird und geben sich grosszügig. Brille und auch Führerschein zu Catherines Entlastung sollen bezahlt werden.
Sophie versucht sich in Geheimhaltung, das Offenbaren als Analphabetin wäre die reinste Kränkung.
Während die Familie für eine Woche Urlaub nach Korsika fliegt, befreundet sich Sophie mit der respektlosen Postangestellten Jeanne (Isabelle Huppert), die eine grosse Neugier für die reiche Familie an den Tag legt. George vermutet gar, dass Jeanne die Post der Familie heimlich öffnet...







Die beiden Frauen werden Freundinnen, denn beide verbindet auch ein ähnlich gelagertes böses Geheimnis in der Vergangenheit....
1995 realisierte Claude Chabrol "Biester", ein sehr typischer Chabrol Film, der sehr tief hinter die äußere Fassade der Menschen blickt, menschliche Abgründe seziert, ohne dabei zu urteilen oder zu moralisieren.
Das Drehbuch entstand nach einer Romanvorlage von Ruth Rendells Roman "A Judgment in Stone".
Chabrol inszeniert den schwelenden Klassen-Konflikt zwischen der Familie Lelievre einerseits und Jeanne und Sophie andererseits durch verschiedene Ereignisse, die schließlich am Ende zur grössten Katastrophe führen. Sophie und Jeanne sind zwei Aussenseiterinnen. Die Familie, die sich in ihrem Überfluss langweilt und den diskreten Charme der Bourgeoisie
ebenfalls durch Lügen und Geheimnisse, durch Arroganz und Grossherzigkeit aufrecht erhält, ruft Neid hervor.
Im Jahr 1996 gewann Isabell Huppert den César als Beste Schauspielerin für ihre Rolle der Jeanne. Nominiert war der Film in den Kategorien Bester Film, Beste Regie, Beste Schauspielerin für Sandrine Bonnaire, Beste Nebenrollen Jean Pierre Cassel und Jacqueline Bisset und Beste Drehbuch-Adaption.
Somit einer der erfolgreichsten Filme von Chabrol sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum.
Der Film ist fesselnd und tief, ein absolutes Meisterwerk - für mich einer der allerbesten Filme des französischen Meisterregisseurs. Er funktioniert auf mehreren Ebenen gleichermassen gut: Treffende intensive Charakterstudie, respektloser Klassenkampf mit sozialem Sprengstoff, Krimi, Thriller...am Ende sogar als ultimativer Horror und der Schlussplot befördert den Film noch in die obere Liga des Psychothriller-Genres mit ungeahntem Ende.







Bewertung: 9,5 von 10 Punkten.

Das grüne Zimmer
























Regie: Francois Truffaut

Ein Altar für die Toten...

In "La Chambre verte" hat Regisseur Francois Truffaut auch die Hauptrolle übernommen. Damit ist die Annahme sicherlich nicht falsch, dass dieser 1978 entstandene Film ein sehr persönliches Werk ist. Vielleicht kann man sogar von einer persönlichen Bilanz sprechen, denn der Regisseur drehte nach "Das grüne Zimmer" nur noch vier Filme. Im September 1983 wurde bei Truffaut ein Gehirntumor diagnostiziert und am 21. Oktober des folgenden Jahres stirbt der Kinopoet in Neuilly-sur-Seine.
Der Film - einer der besucherschwächsten Werke von Truffaut - basiert auf der Kurzgeschichte "Der Altar der Toten"  von Henry James. Es ist die Geschichte eines Mannes, der von den Toten in seinem Leben besessen ist und somit gar nicht unbeschwert leben kann. Dieser Mann wählt diesen Weg aber freiwillig. Ein Film, der vom Betrachter eine hohe Aufmerksamkeit verlangt, denn die 94 Minuten gleichen manchmal fast einer Andacht. Truffauts Protagonist heißt Julien Davenne und durch den 1. Weltkrieg viele Freunde verloren hat. Dann starb auch noch seine geliebte Frau Julie. Der Journalist arbeitet bei einer Zeitschrift names "Globe" in der Provinz und er wird zwar von seinem Chef Bernard Humbert (Jean Daste) zwar geschätzt. Aber der findet ihn auch reichlich seltsam. Davenne ist aber ein brillanter Schreiber für Nachrufe. Für seine Frau hat er in seinem Haus ein Zimmer eingerichtet. Dort in diesem grünen Raum zelebriert er seinen paradoxen Totenkult mit vielen Kerzen und Bildern. Im Haus lebt auch seine Haushälterin Madame Ramboud (Jane Lobre) und das stumme Pflegekind Georges (Patrick Maleon). Mit der jungen Cecilia Mandel (Nathalie Baye) lernt er eine Art Seelenverwandte kennen. Auch für Cecilia ist es wichtig den Toten ein langes Andenken zu bewahren. Im Gegensatz zu Julien ist sie aber fest davon überzeugt, dass man auch die Pflicht hat weiterhin mit den Lebenden ein erfülltes Leben zu erreichen. Als das Zimmer durch einen Brand zerstört wird, kauft Julien von der Kirche eine Kapelle und überwirft sich für eine gewisse Zeit mit seiner platonischen Freundin....



Am Ende des morbiden wie poetischen Films steht tatsächlich der Tod und auch eine Nachfolge für das Lebenswerk des todessehnsüchtigen Mannes. Ein Film über die subtile Besessenheit eines Menschen, der den endgültigen Abschied von einem lebenden Wesen nicht ertragen kann. Er versucht das Unwiederbringbare zu bewahren, die Vergangenheit so sehr in der Gegenwart zu leben. So verfällt er im Laufe dieser Zeit immer mehr dem Tod. Interessante Gedanken vermittelt "Das grüne Zimmer" natürlich in sehr starker Weise. Soll man die Toten in seinem Leben irgendwann vergessen ? Hat man auch das Recht nach solchen Schicksalsschlägen das Leben dennoch neu zu ordnen, sich neu orientieren ? Wie oft bei Truffaut ist auch Julien ein Leidender an seinen fatalen Obessession. Mit der jungen Nathalie Baye arbeite Truffaut schon in "Die amerikanische Nacht" und "Der Mann, der die Frauen liebte" zusammen. "La chambre verte" ist neben "Die Rückkehr des Martin Guerre" und "Eine fatale Entscheidung" eine ihre besten Darstellungen überhaupt.





Bewertung: 9 von 10 Punkten. 

Diebe der Nacht
























Regie: Andre Techine

Aus verschiedenen Perspektiven...

Beim französischen Filmregisseur lässt sich auch ein gewisser Themenschwerpunkt herauslesen: Die Jugend. 1995 erhielt er als bester Regisseur den Cesar, sein melancholisches Coming of Age Movie "Wilde Herzen" gewann auch den Preis als bester Film des Jahres 1995 - trotz großer Konkurrenz wie "Die Barholomäusnacht", "Drei Farben Rot" oder "Leon der Profi".
Weniger bekannt, aber genauso sehenswert ist sein 1991 entstandener "Ich küsse nicht". Auch 2007 entstandener Beitrag zum HIV-Thema "Wir waren Zeuge" schilderte die Krankheit aus der Sicht des jungen Manu, gespielt von Nachwuchsstar Johan Libereau. Wieder wurde der Film für den Cesar nominiert. Und auch wenn in seinem 1996 entstandenen "Diebe der Nacht" lange Zeit nicht klar wird, wessen Geschichte der Film rückt am Ende doch wieder der Teenager Justin, gespielt von Julien Riviere, in den Mittelpunkt.
Von diesem Jungen wird auch die Geschichte im Off zuerst erzählt.
Dieser Junge wird mitten in der Nacht durch die Schreie seiner Mutter (Fabienne Babe) wach - sein Vater Ivan (Didier Bezace) ist tot. Und dessen Leichnam wurde an der Tür der Ville in den Rhone-Alpes abgegeben und liegt nun im heimischen Wohnzimmer. Der Junge ahnt, dass seine Familie ihm etwas verschweigt. Warum ist sein Großvater (Ivan Desny) so wütend auf seinen Onkel Alex (Daniel Auteuil), der bei den Bullen arbeitet. Bald weiß auch der Zuschauer mehr: Alex ist das schwarze Schaf der Familie, denn alle anderen sind Gangster - aber wie Geschäftsleute angesehen und organisiert. Von der Familie wird Alex deshalb wie ein Aussätziger behandelt. Der Film erzählt die Geschichte eines Überfalls und seine tödlichen Folgen (Ivan) in sieben Kapiteln und vier verschiedenen Perspektiven.
Nach dem Jungen Justin präsentiert Techine Rückblenden aus der Sicht von Alex. Danach wird Alex Geliebte Juliette Fontana (Laurence Cote) eingeführt, die der Bulle, der in Lyon arbeitet, durch eine Verhaftung im Milieu kennenlernt, sie als Polizeispitzel anheuern will, aber stattdessen mit der jungen Frau eine sexuelle Beziehung beginnt. Dabei kennt er auch deren kriminellen Bruder Jimmy (Benoit Magimel), der mit Ivan Geschäfte macht. Juliette hat ausserdem eine Beziehung zu der Philosophieprofessorin Marie Leblanc (Catherine Denueve).
Dies macht die Sache natürlich komplizierter und obwohl Alex den Coolen spielt, der nur am Sex interessiert ist, agiert er zunehmend eifersüchtig. Zusätzlich ist zu erkennen, dass Alex durch seine kriminelle Familie hin- und hergerissen wird. Er weiß, dass sein Bruder nicht nur einen gut gehenden Travestieclub unterhält, sondern auch ein Netzwerk von Autohändlern betreibt, die teure Autos stehlen und sie ins Ausland verkaufen. Am Ende steht der Abschied, aber auch der Neuanfang..








Für wen ist allerdings eine Überraschung. "Diebe der Nacht" erweist sich als gut gelungene Genremixtur. Ein wenig Polizeithriller, etwas mehr Gangsterfilm, bei dem die Amour fou auch nicht zu kurz kommt. Durch die originelle Erzählweise ist der Film etwas verschachtelt, was einen zusätzlichen Reiz beim Sehen hat. Darüberhinaus ist er klasse gespielt. Catherine Denueve überrascht mit der sehr ungewöhnlichen Rolle als sensible Lesbierin. Ein bisschen Femme Fatale ist aber in der Rolle der jungen Juliette angelegt - Laurence Cote spielt die Figur perfekt. Für Techine sind die Menschen wichtiger als die Action. Auf einfühlsame Weise bringt er die Figuren dem Publikum sehr nahe. Sehr geglückt auch die verschiedenen Perspektiven, die Techine gewählt hat. Sie führen dazu, dass man die Motive der Figuren verstehen kann und gelegentlich kommen auch Film Noir Elemente zum Tragen.
Wie bereits "Wilde Herzen" war "Diebe der Nacht" ein Thema für die Cesar-Verleihung. In insgesamt fünf Kategorien gabs Nomierungen: Bester Film, beste Regie, Beste Darstellerin Catherine Denueve, beste Nachwuchsdarsteller Benoit Magimel und Laurence Cote - die gewann auch den Preis.






Bewertung: 8 von 10 Punkten. 

Abenteuer in Rio























Regie: Philippe de Broca

Turbulenter Kurzurlaub...

Mit Regisseur Philippe de Broca drehte Frankreichs großer Kinostar Jean Paul Belmondo vor allem Komödien wie "Cartouche, der Bandit", "Abenteuer in Rio", "Die tollen Abenteuer des Monsieur L", "Le Magnifique" oder "Der Unverbesserliche". Mit dem temperamentvollen "Abenteuer in Rio" konnte sogar eine Oscarnominierung in der Kategorie "Bestes Drehbuch" für Daniel Boulanger, de Broca, Ariane Mnouchkine und Jean Paul Rappenau erzielt werden. Ausserdem gab es den Samuel Goldwyn Award für den besten ausländischen Film bei der Vergabe der Golden Globes 1965. Der Soldat Adrien Dufourquet (Jean Paul Belmondo) kommt aus Besancon am Gare de Lyon in Paris an, um während seines Militärdienstes den gewährten Urlaub von einer Woche zu genießen. Er verabschiedet sich von seinem Regimentskameraden Lebel (Roer Dumas), die beiden verabreden sich exakt 8 Tage später dort, um den gemeinsamen Zug in ihre Kaserne zu nehmen.   Nach diesem Diebstahl, der zum Tod eines Wächters durch einen Giftpfeil führt, wird Professor Catalan (Jean Servais) ins Museum gerufen, wo er arbeitet und auf Agnès de Villermosa (Francoise Dorleac) trifft, die Tochter des tragisch verstorbenen Professors Villermosa, eines ehemaligen Kollegen Catalans.Der kommissar (Daniel Ceccaldi) nimmt die Emittlungen auf und Professor Catalan erklärt, dass die Statuette zu einem dreiteiligen Set gehörte, das von drei Forschern entdeckt und mitgenommen wurde  : ihm selbst, Professor Villermosa, der nach der Entdeckung verschwand, und Mario de Castro (Adolfo Celi), einem wohlhabenden brasilianischen Geschäftsmann. Professor Catalan wird daraufhin vor dem Museum entführt. Adrien besucht seine Verlobte Agnès de Villermosa im Haus ihrer Tante, während der Polizeikommissar ermittelt. Von den beiden Frauen erfährt er, dass der Professor während des Brasilienaufenthalts der Villermosas seine Statuette im Garten seiner Villa vergraben hat. Agnès hat dies gesehen und kennt daher den Ort. Sie gerät in eine Falle und verlässt die Wohnung, um ihren Wagen umzuparken, der den Weg versperrt. Direkt vor Adriens Augen wird sie von zwei Männern entführt. Er stiehlt daraufhin ein Polizeimotorrad, um die Verfolgung aufzunehmen. Sie erreichen den Flughafen Orly, wo Adrien Agnès, sichtlich unter Drogen, zwischen zwei Männern in eine Douglas DC-8 der Panair do Brasil einsteigen sieht. Mit viel Einfallsreichtum gelingt es ihm heimlich an Bord zu gelangen. Doch Agnes behauptet bei der Gegenüberstellung, dass sie ihn gar nicht kennt. Um der Verhaftung in Rio zu entgehen, setzt Adrien die Flucht auch dort fort, wo er sich in der Stadt mit dem jungen und pfiffigen Schuhputzerjungen Sir Winston (Ubiraci de Oliveira) anfreundet. Bis er Agnes aus dem Händen der Gangster befreien kann, muss er einige Hürden überwinden, denn er soll getötet werden und die Befreiung gelingt auch nur, wenn er sich einer waghalsigen Klettertour an den Fassaden des mehrstöckigen Hotels unterzieht. Danach gelingt die Flucht mit der stark benebelten Agnes. Sie treffen sich am Strand und verbringen einen romantischen Abend mit Musik. Die Nacht verbringen sie in „ Sir Winstons “ Haus, das oberhalb einer Favela mit Blick auf Rio de Janeiro liegt.     Am nächsten Tag ist Agnès völlig nüchtern. Sie fahren zu der Villa, in der Agnès mit ihrem Vater lebte, und schaffen es, die Statuette im Garten auszugraben. Doch zwei Männer erwarten sie dort, greifen sie an und stehlen die Statuette. Adrien und Agnès suchen daraufhin den dritten Archäologen, den steinreichen Mario de Castro, um ihn zu warnen, dass seine Statuette, die dritte, in Gefahr ist, gestohlen zu werden. Um de Castro zu finden, fahren sie nach Brasilia, das sich gerade im Bau befindet und können Professor Catalan aus den Händen der Gangster befreien. Doch damit ist das Abenteuer noch lange nicht vorbei...











In diesem Film geht alles Schlag auf Schlag und es gibt kaum eine Minuten Verschnaufspause für den draufgängerischen Soldaten und seiner Verlobten.  Mit Ausnahme des Fallschirmsprungs führte Jean-Paul Belmondo alle Stunts selbst und ohne jegliche Sicherheitsausrüstung aus. Besonders hervorzuheben sind der Wechsel zwischen den Zimmern durch Klettern an der Außenfassade des Hotels in Copacabana sowie die Szene, in der sich Belmondo von einem Gebäude zum Anderen mit einem Seil schwingt. Die Szene, in der Belmondo auf dem Dach des im Bau befindlichen Gebäudes ausrutscht und sich gerade noch am Rand festhalten kann, stand nicht im Drehbuch, wurde aber in die Endfassung aufgenommen. Der Schauspieler rutschte tatsächlich aus und hätte vom Dach stürzen können. Bei seiner Kinopremiere zahlten 4,8 Millionen Franzosen ein Kinoticket, in Deutschland kam der Film auch auf eine Zuschauerzahl über einer Million. De Brocas Film ist äusserst unterhaltsam und es kommt sogar ein bisschen "Indiana Jones" Feeling auf. Dazu eine perfekte Filmmusik von Georges Delerue (Filmmusik Oscar für "Ich liebe dich, I Love you, Je´taime") und klasse Bilder von Kameramann Edmond Sechan, die sowohl Urlaubs- als auch Abenteueroptik vermitteln. 










Bewertung: 8 von 10 Punkten.