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Sonntag, 28. November 2021

Himizu


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Regie: Sion Sono

Postapokalyse...

Ein Katastrophenfilm oder eine bittere Bestandsaufnahme nach der Atomkatastrophe von Fukushima. Der Regisseur des Films "Himizu" ist Sion Sono, dem es erneut wie auch bereits mit "Love Exposure", "Cold Fish" und "Guilty of Romance" gelang wunderbar dichte Kinomomente zu schaffen. Sein Film schwankt zwischen zärtlich-romantischer Liebesgeschichte und einer verzweifelten Apocalpypse hin un her. Die Liebe kann sich nicht mehr entfalten, weil die Gewalt die Oberhand hat. "Himizu" erinnert ein bisschen an Nagisha Oshimas Klassiker "Grab der Sonne" aus dem Jahr 1960. Nagisha präsentierte eine Bestandsaufnahme über entwurzelte Jugendliche in Nachkriegsjapan. Inzwischen scheinen die Friedenszeiten mit der einhergehenden Lethargie vorbei zu sein. Neue Probleme, neue Herausforderungen erwarten den Menschen in dieser beginnenden schönen neuen Welt. Das Verhältnis zwischen der jungen und alten Generation ist gestört und dies liegt nicht nur an dieser Zeit nach der Katastrophe. Sie hat den Zustand lediglich noch extrem verschlimmert. Es herrscht Perspektivlosigkeit, die Jugendlichen werden mit einem starken Druck konfrontiert - manche zerbrechen daran, nur noch ein Ausbruch exzessiver Gewalt scheint als Ausweg des Dilemmas in Frage zu kommen. Aber man steuert so oder so auf den Abgrund zu.
Das  Erdbeben und der Tsunami sind in weiten Teilen von Tohoku deutlich sichtbar. Ganze Gegenden bestehen nur noch aus Trümmer, Schutt und Abfall. In einer dieser Gegenden lebt der 14jährige Yuichi Sumida (Shota Sometani). Eigentlich wünscht er sich ein Leben als ganz normaler Junge und will ein anständiges Leben führen. Doch die Voraussetzungen stehen nicht gut. Sein Vater (Ken Mitsuishi) ist ein Trinker - arbeitet nicht und geht krummen Geschäften nach. Zuhause lässt er sich nur blicken, wenn er Geld von seiner Frau (Makiko Watanabe) braucht, die mehr oder weniger mit ihrem Sohn den kleinen Bootsverleih der Familie aufrechterhält. Der Vater gibt Sumida im Suff stets zu verstehen, dass er unerwünscht war. Die Mutter trifft sich oft mit anderen Männern. Sumida hat jedoch einigen Obachlosen angeboten, dass sie auf seinem Gelände in ihren Zelten leben dürfen. Seine Mitschülerin Keiko Chazawa (Fumi Nikaido) himmelt Sumida an, er zeigt ihr aber stets die kalte Schulter. Mehr noch: Meistens beleidigt er sie oder er schlägt sie, wenn sie zu sehr zeigt, dass sie in ihn verknallt ist. Dann tauchen auch noch Gangster der Yakuza auf, die Sumida verprügeln und vom Vater 6 Millionen Yen fordern, die er ihnen schuldet. Die seelische und körperliche Zerstörung des Jungen schreitet unaufhaltsam voran...
Die Trilogie "Love Exposure" "Cold Fish" und "Guilty of Romance" wird von den Fans als "Hate Trilogie" bezeichnet. "Himishu" ist die Verfilmung eines gefeierten Mangas. Es ist die Geschichte eines Jungen, der aufgrund seiner traumatischen Erlebnisse, der ganzen Lieblosigkeit seiner Umgebung irgendwann nur noch die Möglichkeit sieht, sich über Gewalt Luft zu verschaffen. Der Gangster Kaneko (Denden) wird dem Jungen im Laufe der Geschichte eine Pistole überlassen, die möglicherweise nur zwei Optionen zulässt: Ein Amoklauf (einige Szenen deuten dies schon an) oder der Suizid. Immerhin sind aber Lichtblicke in diesem katastrophalen Zustandsbericht über eine geschundene Seele zu entdecken. Die Obdachlosen erweisen sich als gute Helfer und Unterstützer des Jungen. Einer dieser Männer, ein Geschäftsmann der alles verloren hat, geht in seinen Bemühungen dem Jungen zu helfen, sehr sehr weit.




Er wird vo Tetsu Watanabe gespielt, der einen bedeutenden Dialog mit dem Yakuza führt. Der fragt ihn was der Grund dafür sei diesem Jungen zu helfen. Shozu antwortet "weil der Junge die Zukunft ist". Sion Sono hatte auch Glück mit seinen beiden Hauptdarstellern Shota Sometani und Fumi Nikaido spielen echt und glaubwürdig. "Himizu" ist eigentlich sehr schwere Kost, aber der Regisseur schafft mit diesem Stoff eine interessantes Gesellschaftsbild zu entwerfen, die bereits stark entfremndet ist und wo ein Miteinander nur noch sehr schwer machbar erscheint. Die Menschen versuchen aber durch ganz unterschiedliche Bewältigungsstrategien ihr Leben zu leben.




Bewertung: 8,5 von 10 Punkten. 

 

Samstag, 16. September 2017

Love Exposure







































Regie: Sion Sono

Entblößung der Liebe...

Einer der interessanten Filmemacher Japans ist sicherlich der 1961 in Toyokawa geborene Regisseur, Schauspieler, Drehbuchautor und Produzent Sion Sono. Seine mit viel Poesie angereicherten Avantgardefilme sind mit viel surrealen Elementen gewürzt.  Zu seinen bekantesten Werken zählen "Suicide Circle" (2002), "Strange Circus" (2005), "Love Exposure" (2008) und "Cold Fish" (2010). Dabei gehört "Love Exposure" (Entblößung der Liebe) schon alleine wegen der imposanten Laufzeit von 237 Minuten zu den ultimativen Leinwandepen und Monumentalfilmen. Aber interessanterweise vergeht die Zeit beim Anschauen wie im Flug, denn Sion Sono schafft es mit seinem Potpourri aus Comedy, Lovestory, Psychothriller und Sexklamotte gleich von Anfang an zu begeistern und kann diesen Level locker durchgehend halten. Die ständige Unvorhersehbarkeit dieses eigenartigen Coming of Age Films ist seine große Stärke.
Im Zentrum der Handlung steht der Teenager Yu (Takahiro Nishijima), der seine geliebte Mutter schon im Kindesalter verliert. Nach dem Tod der geliebten Frau wendet sich der Vater (Atsuro Watabe) der Religion zu und wird katholischer Priester. Und Yu hat seiner Mutter versprochen, dass er später, wenn er groß ist, sich in eine "Maria" verlieben wird und diese auch heiratet und mit ihr glücklich wird. Als die aufdringliche Kaori (Makiko Watanabe) in der Kirche auftaucht, ist es um den Vater geschehen. Die sexuell aggressive Frau steht auf ihn und obwohl er versucht der Sünde des Fleisches zu widerstehen, wird er eines Tages schwach. Doch wegen des Priestergelübdes kann er auch nicht heiraten, was Kaoris Wunsch ist. Sie verlässt ihn nach einigen Wochen des sexuellen Glücks und dies lässt den Vater merklich verändern. Er lässt ab diesem Tag seinen Sohn täglich mit seinen Sünden beichten. Doch Yu sündigt nicht und kann folglich auch nicht viel beichten - etwas was der Vater nicht glauben kann und in irgendwann der Lüge bezichtigt und ihn zu schlagen beginnt. Nun beginnt der Sohn absichtlich Sünden zu begehen, um seinem Vater zu gefallen und ihm wieder näherzukommen. Er sieht eines Nachts ein paar Jungs einen Automaten aufbrechen und hilft ihnen spontan bei der Straftat. Dies gefällt der Diebesgang, die ihn bei sich als Kumpel aufnimmt. Gemeinsam werden die vier Freunde und als "Perverse" werden sie zu heimlichen Unterhöschen-Fotografen. Mit ausgefeilten Techniken und enormer Akrobatik, wie man unter die Röcke fotografiert, werden sie zu echten Profis in ihrem Metier.  Eines Tages trifft Yu auf das Schulmädchen Yoko (Hikari Mitsushima), die gegen eine Überzahl von schlägern kämpfen muss. Er hilft ihr - allerdings als Frau Sasori verkleidet, weil er eine Wette verloren hat. Yoko verliebt sich in ihre Helferin, weiß aber nicht, dass Saori ihr neuer Mitschüler Yu ist. Es kommt noch dicker. Der Vater versöhnt sich wieder mit ihm, nachdem dieser wieder kontakt zu seiner Exgeliebten hat. Diese sorgt aber inzwischen für Yoko, denn die war die Tochter eines ihrer Liebhaber. So ziehen nun die zwei Frauen wieder in das Kirchenhaus und fortan sollen Yu und Yoko Bruder und Schwester sein. Yoko hat einen Hass auf alle Männer und schwärmt von ihrer neuen Flamme Saori. Im Hintergrund spinnt die raffinierte Aya Koike (Sakura Ando), die Leiterin einer ominösen religiösen Sekte, die ihre Mitglieder einer Gehirnwäsche unterzieht, ebenfalls Fäden. Sie ist interessiert am "Perversen" Yu und versucht die gesamte Familie als neue Sektenmitglieder anzuwerben. Durch eine List gibt sie sich als Saori aus..




Eine recht obskure Handlung - und Religion spielt in dem coolen Drama eine zentrale Rolle. Im Grunde ist "Love Exposure" ein sehr religiöser Film, auch wenn gerade viele Szenen sehr lustig sind. Der "Perverse" Yu ist in Wirklichkeit so naiv und rein wie eine Jungfrau. Er erkennt in Yoko sofort seine Maria, nach der er lange gesucht hat. Und auch wenn er Höschen fotografiert, er bekommt keine Erektion bei diesen Handlungen. Einzig und allein wenn er Yoko sieht, dann gehts richtig ab. Im Grund spart er sich den Sex auf für seine wahre Liebe, die ihn aber leider hasst. Es gibt in Sion Sonos Film natürlich einige erotische Szenen und auch einige Blutfontänen. Aber es überwiegt die poetische Note mit viel philosophischen Gesichtspunkten. Am Ende der Suche nach der Wahrheit steht die Liebe, so die Botschaft dieses Films. Aber auch andere Themen werden angeschnitten: 
disfunktionale Familienverhältnisse, ein verklemmtes Verhältnis zur eigenen Sexualität, Glauben und falsche Religion, abweichende Sexualität, Orientierungslosigkeit, Trauer, Gewalt, traumatische Erlebnisse und und und.
Im Mittelpunkt steht aber die erste Liebe, für die man kämpft ohne Wenn und Aber. Und mit Takahiro Nishijima hat Sion Sono eine total guten Darsteller für die Rolle des Yu gefunden.
Die Story ist voller Power, es ist tatsächlich ein Filmerlebnis, dass man nicht jeden Tag so genial serviert bekommt . dazu ein opulenter Soundtrack mit Beethoven und "Bolero" - wie es sich für solch eine Filmoper gehört. Ich bin begeistert.





Bewertung: 10 von 10 Punkten.