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Freitag, 3. April 2020

World of Kanako

Regie: Tetsuya Nakashima
Durst...

Tetsuya Nakashima ist einer der interessantesten japanischen Filmemacher. Er hat sich binnen kürzester Zeit neben Veteranen wie Takashi Miike (Audition, Ich, der Killer) und Sion Sono (Cold Fish, Love Exposure) in die kollektive Wahrnehmung des japanischen Kino etabliert. Dabei ist sein Stil geprägt von einer recht harten Gangart. "Memories of Matsuko" aus dem Jahr 2006 bleibt in Erinnerung als buntes, völlig wahnwitziges Musicaldrama über eine tragische Lebensgeschichte. Der Film begründete seinen internationalen Erfolg, den er mit "Geständnisse" aus dem Jahr 2011 noch weiter ausbauen konnte. Für mich persönlich war dieser ruhige, unterkühlte und nihilistische Rachefilm über Lehrer und Schüler der beste Film des Jahres. Beide Werke sind sehr unterschiedlich und sein neuester Film "World of Kanako" scheint eine gewisse Verbindung aus beiden vorangegangenen Filmen zu sein. "World of Kanako" ist bunt, laut, schrill und vor allem extrem brutal, mit sehr überzogen dargestellter Gewalt und sehr blutig. Die Figuren sind an Bosheit kaum mehr zu toppen, das ganze Szenario ist durch und durch unangenehm...dennoch wird man wieder belohnt mit einem der besten Filme des Jahres.
Die junge und extrem süße Schülerin Kanako (Nana Komatsu) ist der Sonnenschein ihrer Schule, sie ist das beliebteste Mädchen von allen. Die anderen Girls wollen sie zur Freundin haben und die Jungs würden gerne mit ihr ausgehen. Doch ein dunkler Fleck belastet die Mittelschule, denn Kanakos Exfreund Seji Ogata (Hitoshi Hoshino) hat sich suizdiert. Der Junge galt als sehr schwach und wurde von seinen Mitschülern gemobbt. Auch "Ich" (Hiroya Shimizu), der Erzähler der Rückblenden, die beleuchten, was sich von vor 3 Jahren bis heute an der Mittelschule ereingnet hat, ist schwer verliebt in Kanako und ein typisches Opfer für die brutalen Spiele seiner stärkeren Mitschüler. Er wird bei jeder sich bietenden Gelegenheit gedemütigt und körperlich angegangen. Nur Kanako scheint ihn zu mögen und es bahnt eine zarte Freundschaft. Sie nimmt ihn auch mit auf die Party von Yasuhiro Matsunaga (Mahiro Takasuki), einem Mitschüler mit kriminellen Ambitionen und dick in Drogengeschäften verstrickt.
Kanako wird inzwischen von ihrem Vater Akihiro Fujishima, einem aggressiven Ex-Cop (Koji Yakusho) gesucht, nachdem er von seiner Exfrau (Asuko Kurosawa) erfahren hat, dass das Mädchen spurlos verschwunden ist. Der Mann ist seine Impulse nur schwer unter Kontrolle und ist in dauerhafter Behandlung wegen manisch-depressiver Episoden. Er macht sich sofort auf die Suche nach ihr. Doch sehr schnell findet er heraus, dass sich hinter dem Verhalten seiner Tochter auch ganz große dunkle Geheimnisse auftun.
Früher hat er sich zwar nie sonderlich um seine Tochter gekümmert, aber nun schöpft er Hoffnung, dass mit einer erfolgreichen Suche, die Familie wieder zusammenkommen könnte. Eine trügerische Illusion, die der alkoholkranke und brutale Vater sich da zusammenspinnt. Denn es gibt nicht nur traumatische Familienerlebnisse, die er selbst verursacht hat. Er lässt sich auch blenden von einer falschen Einschätzung der eigenen Tochter, die eben nicht dieses engelgleiche Wesen ist, das man in ihr sieht, sondern eine manipulative Ausgeburt des Bösen...



und so fällt der Apfel nicht weit vom Stamm, das wird sehr spät in Nakashimas bildgewaltigen und provokantem Thriller klar. So überzeichnet der japanische Regisseur sogar noch David Finchers "Gone Girl", der vor kurzem mit diesem Muster aufräumte, dass das vermeintliche Entführungopfer immer grundgut und Opfer sein müsste.
Nakashima zeigt dem Zuschauer ein Welt, die keine Erlösung hervorbringt...für niemanden. So sehr die gewalttätigen Bilder auch überzeichnet dargestellt sind, der Zuschauer kann sich nicht in die Hoffnung flüchten, dass es sich hier bei dieser Geschichte um eine erdachte und kinogerechte Welt handeln würde. Diese abstrakte Fiktion wirkt auch immer wieder realistisch. Als Zuschauer begegnet man eine brutalen Welt aus Drogen, Gewalt, Folter und Vergewaltigung, die nicht nur draussen stattfindet, sondern auch in den eigenen vier Wänden, im geschützten Rahmen der Familie. Auch verschwimmen immer wieder die gängigen Muster von Gut und Böse. Fujishimas Expartner und jetziger ermittelnder Beamter Detective Asai (Satoshi Tsumabuki) wirkt undurchsichtig. Andere Polizisten wie Detective Aikawa (Joe Odagiri) sind richtige Verbrecher. Und selbst Kanakos Lehrerin (Miki Nakatani) hat etwas zu Verbergen. Nakashimas Film wird nicht jedermann gefallen, denn die explizite Brutalität ist ein tragender Bestandteil der Geschichte. "World of Kanako" erinnert wegen seiner Radikalität auch ein bisschen an Park Chan wooks "Oldboy". Auch hier herrscht eine zutiefst dreckige, unangenehme Welt vor. Wer sich darauf einlassen kann, der wird mit einem misanthropisch-düsteren Meisterwerk über menschliche und gesellschaftliche Abgründe belohnt. Die Inszenierung ist nahezu perfekt, die Darsteller allesamt emotional. Dabei ist der junge Hiroya Shimizu besonders hervorzuheben, der als "Ich" zwei Aufgaben bravourös meistert: Er ist für eine gewisse Zeit die einige Figur, mit der man sich identifizieren kann. Er wird sich allerdings verändert. Ausserdem hält er als Schlüsselfigur die Geschichte dramaturgisch gut zusammen und bildet sozusagen einen Anhaltspunkt zwischen dem Suchenden und der Gesuchten.


Bewertung: 10 von 10 Punkten.

Dienstag, 12. September 2017

Geständnisse







































Regie: Tetsuya Nakashima

Eine Lehrerin sieht rot...

Der letzte Tag des Schuljahres an der Junior High ist angebrochen. Im Klassenzimmer herrscht auch während des Unterrichts wie immer Unruhe, die Lehrerin Yuko Moriguchi (Takako Matsu) hat es sichtlich schwer die unaufmerksamen Schüler als Zuhörer zu gewinnen. Sie unterhalten sich gegenseitig, während einige die Milch, die an die Schüler ausgegeben wurde, während der Stunde trinken.
Yuko Moriguchi verkündet, dass es heute für sie der letzte Schultag ist, denn sie hat gekündigt. Den Schülern ist der schwere Schicksalsschlag der Frau bekannt, Ihre kleine vierjährige Tochter Manami ist vor einigen Monaten im Schwimmbecken der Schule ertrunken.
In ihrer Abschiedsrede erzählt die Frau aber von Ermittlungen, die ergeben haben, dass der Unfall ein grausamer Mord war - begangen von zwei Schülern dieser Klasse.
Durch diese schockierenden News wird es zunehmend ruhiger im Klassenzimmer.
Da aber die beiden Täter noch minderjährig sind, werden sie die gerechten Strafe entgehen.
Aus diesem Grund hat die Lehrerin beschlossen das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen und an den beiden Schülern ein Exempel zu statuieren, das Ihnen auf grausame Weise lehrt das Leben zu schätzen.
Deshalb hat die Frau auch die Milch der beiden Schülern mit HIV-positivem Blut injiziert.
Ein Schock macht sich im Klassenzimmer breit. Frau Moriguchi spricht im Zusammenhang mit den Tätern von Schüler A (Yukito Nishii) und Schüler B ( Kaoru Fujiwara).
Schüler A heisst Shuya, ist hochbegabt - wird aber von der Klasse aufgrund seines Status als Aussenseiter gemobbt.
Schüler B ist Naoki, einer ruhiger Schüler, der die Gunst von Shuya erringen will.
Beide Schüler offenbaren in der Geschichte nach und nach ein Geflecht aus kaputten Beziehungen.
Durch den Racheplan der Lehrerin beginnt eine grausame Spirale aus Mord und Wahnsinn, in denen beide Mütter der Täter (Yoshino Kimura, Ikujo Kuroda) eine tragende Schlüsselrolle spielen und der neue Lehrer Werther (Masaki Okada) und die Mitschülerin Mizuki (Ai Hashimoto) in den Strudel der daraus entstehenden Gewaltorgie hineingezogen werden....




"Geständnisse" ist ein eindrucksvoller japanischer Psychothriller des Regisseurs Tetsuya Nakashima aus dem Jahr 2010. Die Romanvorlage stammt von Kanae Minato.
Ein Rachethriller, der aus mehreren Perspektiven heraus erzählt wird und sich langsam immer mehr dem Wahnsinn nähert. Dabei werden Themen wie AIDS, Amokläufe und Selbstmord in die traurige Geschichte eingebettet. Es fliesst kein Blut, dafür wird aber ein ausgefleiltes psychologisches Ballett von Menschen gezeigt, deren Beziehungen gestört sind und die sich ausserhalb gängiger Konventionen bewegen.
Der Inszenierungstil ist durch die Mischung aus Melodram und Comic etwas schrill geraten, das macht aber die hohe Eigenständigkeit des Films aus. Gelegentlich wird man an die Arbeiten des Südkoreaners Park Chan-wook (Old Boy) erinnert, aber auch Stanley Kubrick kam mir beim Schauen in den Sinn.
Tetsuya Nakshima erweist sich mit "Geständnisse" als Meister der Groteske, denn es macht ihm sichtlich Vergnügen die Protagonisten mit immer mehr Bosheiten und Abartigkeiten darzustellen, gibt ihnen aber immer auch psychologisch plausible Motive für ihr Handeln.
Am Ende siegt der mörderische Hass und vor allem der Zynismus in unserer kalten Zeit.
Für mich ist "Geständnisse" ein grandioser Genrefilm. Einer der bisherigen Highlights unseres noch neuen Filmjahrzehnts.




Bewertung: 10 von 10 Punkten.