Dienstag, 4. August 2026

Mörderspiel
























Regie: Helmut Ashley

Mord im Penthouse...

Der 1961 entstandene Kriminalfilm "Mörderspiel" wurde seinerzeit von der Kritik als "Hitchcocknah" gelobt, was aus heutiger Sicht dann doch ein etwas zu hoher Vergleich ist - sehr gelungen ist der Krimi aber auf alle Fälle. Der kammerspielartige Streifen von Helmut Ashley hat aber auch ohne dieses Suspence-Flair viel interessantes zu bieten und er wirkt durch die vielen egozentrischen Selbstdarsteller, die dort im Penthouse, wo der Mord geschah, eine eher langweilige Party feiern, fast schon wie eine gallige Abrechnung mit dem Wirtschaftswunder und deren zuversichtliche Stimmung. Diese ist nämlich im "Mörderspiel" dann doch nahe am Abgrund angesiedelt und kann fast schon ein bisschen als Gegenentwurf für die auch im deutschen Nachkriegskino Einzug gehaltene Sehnsucht nach Harmonie und Optimismus durch diverse Heimatfilme angesehen werden. Der von dem späteren Oscargewinner Sven Nykvist bebilderte Film ist damit ein spannender Krimi, bei dem die in belangloser Langeweile erstarrte Partygesellschaft aus halbwegs gehobenen Mitgliedern der deutschen Nachkriegsgesellschaft aus ihrer Verdrängungslethargie herausgerissen wird. Diese hintergründige Gesellschaftsbetrachtung steht damit noch vor dem Suspencegehalt und beides zusammen hat Ashley (Das schwarze Schaf, Das Rätsel der roten Orchidee) zu einem sehenswerten Film verbunden.
Der Anfang zeigt einen Mörder beim Aufräumen des Tatorts, bevor er diesen verlässt. Peinlich genau säubert er die fremde Wohnung, in der er soeben eine Frau der High-Society getötet hat. Der Mann spricht mit sich selbst. Es ist der angesehene Modeschöpfer Klaus Troger (Harry Meyen), der schon mehrmals zugeschlagen hat. Sein Motiv ist ein tief sitzender Hass auf Frauen. Beim Verlassen des Hauses passiert aber für den Täter dieser sogenannte Worst Case, denn gleich vor dem Haus der Leiche trifft er auf den Jungarchitekten Hein Kersten (Götz George), der mit einem Sportwagen unterwegs ist. Beide Männer verbindet eine lose Bekanntschaft und daher fährt Kersten nichtsahnend den Serienkiller in die Stadt. Die Gedanken des Mörders sind damit beschäftigt, diesen unvorhergesehenen Zeugen um die Ecke zu bringen, dieser denkt aber nur an die tolle Party, die bei Geschäftsmann Hauser (Heinz Kievenow) in dessen luxuriösem Penthouse steigt. Bei diesen Partys ist auch Trogers frustierte Ehefrau Eva (Magali Noel) beliebter Dauergast. Kein Wunder, denn ihr Geliebter Dahlberg (Georges Riviere) verkehrt dort auch. Kersten überredet Troger auf die Party mitzugehen, was dieser dann auch tut, denn vielleicht ergibt sich so noch einmal die Gelegenheit den Zeugen zum Schweigen zu bringen. Und die Zeichen stehen bald sehr günstig, denn die gelangweilte Gesellschaft entschliesst sich mal wieder das beliebte "Mörderspiel" zu spielen. Jeder der 12 Partygäste muss eine Karte ziehen, wobei einer der Anwesenden den Detektiv spielen muss, ein anderer das Opfer und einer ist der Täter. Der Detektiv muss dann durch seine Verhöre herausbekommen, wer der Mörder ist. Und nur dieser darf lügen, die anderen müssen die Wahrheit sagen. Natürlich wird aus dem Spiel fieser Ernst und die Gesellschaft (u.a. Hanne Wieder, Margot Hielscher, Robert Graf, Wolfgang Reichmann, Anita Höfer, Uschi Siebert) werden bald wegen einem Mordfall vom Kriminalinspektor (Wolfgang Kieling) verhört...






Der Film hat in seiner Anfangssequenz ein bisschen was von diesem Giallo Feeling und man hört die Offstimme, die dem Täter gehört und der hier seine Gedanken äussert. Hier lässt sich schon das Können des späteren Lieblingskameramann von Ingmar Bergman erkennen, der noch weitere sehr schöne Einstellungen in dem Szenario der Schönen und Reichen einbringt. Geschickt bietet der Film dem Zuschauer auch einige interessante Wendungen und auch wenn der Schlußplot nur durch eine gewisse Unlogik möglich ist (Täter sind normalerweise nicht so unvorsichtig im Umgang mit Beweismitteln) darf man sich hier auf einen gut gemachten 60er Jahre Krimi aus der BRD freuen. Ca. 1,5 Millionen Zuschauer schauten sich den atmosphärischen Kriminalfilm im Kino an. 





Bewertung: 8,5 von 10 Punkten.

Montag, 22. Juni 2026

Naked Youth























Regie: Nagisa Oshima

Die tragische Geschichte von Makato und Kiyoshi...

Ab 1959 versuchte sich Nagisa Oshima (1932 bis 2013) als Filmregisseur für das Studio Shōchiku und galt schon bald als einer der führenden Vertreter der "Nuberu bagu“ (der Neuen Welle). Nach dem Rauswurf bei Shōchiku, dem ein politischer Skandal vorausgegangen war, gründete er zusammen mit seiner Frau unter dem Namen Sozosha eine eigene Filmproduktionsgesellschaft. Mit den dort entstandenen Filmen erregte er die Gemüter der japanischen Öffentlichkeit, da sich die Filme mit Tabuthemen des damaligen Japan beschäftigten, vor allem mit Sex, Verbrechen und Gewalt.Nach dem Erfolg des 1959 entstandenen Films "Stadt der Liebe und Hoffnung" folgte ein Jahr später mit "Nackte Jugend" (internationaler Titel: Cruel Story of Youth) über jugendliche Straftäter und Liebende. Der Film gewann den Blue Ribbon Award für den besten Nachwuchsdarsteller. Nachdem Makoto Shinjo (Miyuki Kuwano) per Anhalter mitgenommen wurde, versucht der Fahrer, sie zu belästigen, wird aber von Kiyoshi Fuji (Yusuke Kawazu) daran gehindert. Er nimmt sie mit auf ein Date, zunächst zu den Anpo-Protesten gegen den US-japanischen Sicherheitsvertrag und später zu einer Motorbootfahrt auf einem Fluss, wo er sie vergewaltigt. Eines Tages, als sie in einer seiner Stammkneipen auf ihn wartet, wird sie von Gangstern, die Frauen zur Prostitution zwingen, belästigt. Kiyoshi wehrt sich gegen sie, und sie lassen sie gegen Bezahlung in Ruhe. Anschließend vergewaltigt er sie erneut, woraufhin Makoto ihn zur Rede stellt und ihm ihre Liebe gesteht und sagt, dass sie ihre Beziehung nicht so fortsetzen möchte. Schließlich verlieben sich die beiden, und Makoto verbringt immer mehr Zeit mit ihm, was zu einem Tadel ihrer älteren Schwester Yuki (Yoshiko Kuga) führt. Daraufhin beschließt sie, bei ihrem Lover zu leben. Um Geld zu verdienen, setzen die beiden ihre kriminelle Laufbahn fort: Makoto verführt männliche Autofahrer; wenn diese sie belästigen, schreitet Kiyoshi ein und erpresst sie. In einem Fall nimmt ein wohlhabender Geschäftsmann mittleren Alters namens Horio (Kan Nihonyanagi) sie mit und sorgt dafür, dass sie sich wohlfühlt, sodass sie ihn nicht ins Visier nimmt.Als Makoto erfährt, dass sie schwanger ist, rät Kiyoshi ihr zu einer Abtreibung. Als er sie jedoch erneut dazu bringen will, einen Fahrer auszubeuten, weigert sie sich. Horio nimmt sie mit, und als sie Kiyoshi anruft, um zu fragen, ob sie übernachten kann, ist die Leitung besetzt. Kiyoshi bittet eine ältere Geliebte, mit der er eine Affäre hat, um einen Kredit. Als er Makoto das Geld gibt, gesteht sie ihm, mit Horio geschlafen zu haben. Daraufhin sucht er Horio auf, nimmt ihm Geld ab und erklärt ihm, dass er nur ein weiteres Opfer von Makoto war. Nach der illegalen Abtreibung in der Klinik von Yukis Ex-Liebhaber Akimoto (Fumio Watanabe) wird das Paar wegen Erpressung verhaftet. Nach ihrem Geständnis und mit der Hilfe von Kiyoshis Geliebter werden die beiden freigelassen, Akimoto jedoch verhaftet.Kiyoshi trennt sich von Makoto, damit sie sich nicht länger gegenseitig verletzen. Die Gangster finden Kiyoshi, weil das Motorrad, das er sich für die Erpressungen von ihnen geliehen hatte, gestohlen wurde. Zwei von ihnen werden daraufhin verhaftet. Sie fordern Makoto von ihm, doch Kiyoshi weigert sich und wird getötet. Zur gleichen Zeit nimmt ein Passant Makoto mit. Als er sie nicht aussteigen lässt, springt sie aus dem Auto und stirbt...







Ōshima, damals erst 28 Jahre alt, nutzte ausgiebig Handkameras und Dreharbeiten an Originalschauplätzen. Herausragend dabei die Kameraarbeit von Takashi Kawamata. Die Ergebnisse riefen Vergleiche mit den französischen Nouvelle-Vague-Filmemachern hervor, die etwa zur gleichen Zeit aufkamen. Der Film wurde zu einem der wichtigsten Werke des Nūberu bāgu. 
Die Verwendung jugendlicher Krimineller als Protagonisten sorgte damals für Kontroversen, doch der Film war auch ein kommerzieller Erfolg. Dies ebnete den Weg für eine junge und experimentierfreudige Generation neuer japanischer Filmemacher: Innerhalb kürzester Zeit erlangten Shohei Imamura, Masahiro Shinoda, Yasuzo Masumura, Susumu Hani, Hiroshi Teshigahara und andere internationale Aufmerksamkeit. In diesem Film begann Ōshima bereits, die Themen zu erkunden, für die er bald berühmt werden sollte: die Auseinandersetzung mit der Jugend und mit Außenseitern sowie die kritische Dekonstruktion stereotypischer Bilder im japanischen Kino.










Bewertung: 8 von 10 Punkten. 

Apur Sansar























Regie: Satyajit Ray

Frau und Sohn...

Sehr häufig findet man die Filme des indischen Regisseurs Satyajit Ray auf den vorderen Rängen bei Umfragen über die besten Filme aller Zeiten. "Die Welt des Apu" (Apur Sansar) ist sein bengalischsprachiger Spielfilm aus dem Jahr 1959, den er geschrieben, produziert und inszeniert hat. Er basiert auf der zweiten Hälfte von Bibhutibhushan Bandopadhyays Roman „Aparajito“. Nach „Pather Panchali“ (1955) und „Aparajito“ (1956) bildet er den Abschluss von Rays gefeierter Apu-Trilogie, die das Leben des jungen Bengalen Apu in seinen prägenden Jahren im Indien des frühen 20. Jahrhunderts schildert.In der Hauptrolle des Apu gibt Soumitra Chatterjee sein Filmdebüt, an seiner Seite spielt Sharmila Tagore seine Frau Aparna – beide sollten später häufig in Rays Werken mitwirken.Die drei Filme bilden eine Entwicklungsgeschichte im Stil eines Bildungsromans. Sie beschreiben die Kindheit, die Ausbildung und die frühe Reife des jungen Bengalen Apu (Apurba Kumar Roy) zu Beginn des 20. Jahrhunderts. "Pather Panchali", der erste Teil der Trilogie, gedreht 1955, zeigt Apus frühe Erfahrungen im ländlichen Bengalen als Sohn einer armen, aber hochkastigen Familie. Apus Vater Harihar, ein Brahmane, hat Schwierigkeiten, seine Familie zu ernähren. Nach dem Tod von Apus Schwester Durga zieht die Familie in die heilige Stadt Benares. "Aparajito", der zweite Teil wurde 1956 inszeniert: Die Familie lebt weiterhin in prekären finanziellen Verhältnissen. Nach dem Tod seines Vaters kehren Apu und seine Mutter Sarbajaya in ein Dorf in Bengalen zurück. Trotz anhaltender Armut gelingt es Apu, eine formale Schulbildung zu erhalten, und er erweist sich als brillanter Schüler. Er zieht nach Kalkutta, um seine Ausbildung fortzusetzen. Er entfremdete sich allmählich seinen ländlichen Wurzeln und seiner Mutter, der es damals gesundheitlich nicht gut ging. Dabei geriet der heranwachsende Apu in Konflikt mit seiner Mutter. Er kommt zu spät nach Hause, als er die Nachricht von ihrer Krankheit erfährt. Als er zu Haus ankommt, ist die Mutter bereits verstorben.Mit "Apur Sansar" aus dem Jahr 1959 wird die Trilogie beendet.Apu, der Schriftsteller werden wollte, sah sich unerwartet unter Druck gesetzt, ein Mädchen zu heiraten, dessen Mutter ihren psychisch kranken Bräutigam am Tag der Hochzeit zurückwies. Ihre vielversprechende Ehe endete mit ihrem Tod bei der Geburt. Daraufhin verließ der verzweifelte Apu sein Kind, kehrte aber schließlich zurück, um seine Verantwortung anzunehmen. Anfang der 1930er-Jahre lebt der arbeitslose Apurba „Apu“ Kumar Roy (Soumitra Chatterjee), ein Hochschulabsolvent, in einem gemieteten Zimmer in Tala, Kalkutta. Obwohl ihm sein Lehrer geraten hat, nach dem Abitur weiterzulernen, kann er sich das nicht leisten. Er schlägt sich mit Nachhilfeunterricht gerade so durch und sucht gleichzeitig nach einer Anstellung. Seine größte Leidenschaft aber ist das Schreiben eines semi-autobiografischen Romans, den er eines Tages veröffentlichen möchte. Pulu (Swapan Mukherjee ), Apus Schulfreund, kommt vorbei und überredet ihn, ihn auf eine Reise in sein Dorf in Khulna zu begleiten, um an der Hochzeit seiner Cousine Aparna (Sharmila Tagore)teilzunehmen. Am Tag der Hochzeit stellt sich heraus, dass der Bräutigam an einer schweren psychischen Erkrankung leidet, und Aparnas Mutter ( Sefalika Devi )sagt die Hochzeit trotz der Proteste ihres Mannes ab. Er und die anderen Dorfbewohner glauben, gemäß einer weit verbreiteten hinduistischen Tradition, dass die junge Braut in der festgelegten, glückverheißenden Stunde verheiratet werden muss, sonst bleibt sie ihr Leben lang unverheiratet. Apu weigert sich zunächst, als Pulu und einige Dorfbewohner ihn bitten, Aparna zu helfen, indem er sie heiratet, gibt aber schließlich nach.Nach der Hochzeit kehrt Apu mit Aparna in seine Wohnung in Kalkutta zurück, und Pulu verschafft ihm eine Bürostelle. Zu seiner Überraschung entwickelt sich zwischen ihm und Aparna eine liebevolle Beziehung. Doch das Glück des jungen Paares findet ein jähes Ende, als Aparna bei der Geburt ihres Sohnes Kajal (Alok Chakravarty) stirbt.Von Trauer überwältigt, gibt Apu dem Kind die Schuld an Aparnas Tod. Er entzieht sich seinen weltlichen Pflichten und wird zum Vagabunden. Kajal wird von Aparnas Eltern aufgezogen, während er allein durch Indien wandert. Auf seinen Reisen verliert Apu das Manuskript seines Romans.Einige Jahre später kehrt Pulu nach längerer Abwesenheit zurück und findet Kajal verwildert und vernachlässigt vor. Er sucht Apu auf, findet ihn bei der Arbeit in einem Kohlebergwerk und rät seinem alten Freund, seine Vaterrolle wahrzunehmen. Schließlich beschließt Apu, in die Realität zurückzukehren und sich mit seinem Sohn wiederzuvereinen. Als er Aparnas Elternhaus erreicht, akzeptiert Kajal ihn, der ihn zum ersten Mal sieht, zunächst nicht als Vater. Schließlich akzeptiert er Apu jedoch als Freund, und gemeinsam kehren sie nach Kalkutta zurück, um ein neues Leben zu beginnen...









Erneut gelang dem indischen Filmemacher ein wunderbares Meisterwerk mit einer Schlußszene, die großen Einfluss auf andere nachkommende Regisseure hatte. Man erlebt die weitere Entwicklung der Hauptfigur Apu, in der sich offensichtlich auch der Aufbruch Indiens in die Neuzeit spiegelt. Der Gegensatz zwischen Traditionen und neuen Erkenntnissen und Lebensweisen ist ein wichtiges Thema dieses Films. Sharmila Tagore ist bezaubernd schön als Aparna, sie war damals erst 14 Jahre alt. Die Darstellung der beiden und die umhüllende Wärme von Rays subtiler Regie, machen den Film zu einer der berührendsten und intimsten Darstellungen von Eheglück überhaupt. Daher auch der tiefe Fall und das innerliche Sterben von Apu. Erst als er seinen Sohn besucht, wird er wiedergeboren. 












Bewertung: 9,5 von 10 Punkten.