Freitag, 18. September 2026

Die Geschichte der Adele H.


Regie: Francois Truffaut

Liebeswahn..

Einer "Erotomanie" bedeutet "Liebeswahn" und ist gekennzeichnet von der unerschütterlichen, wahnhaften Überzeugung, von einer anderen Person leidenschaftlich geliebt zu werden. Dabei sind die Betroffenen meistens fest überzeugt, dass die Zielperson ihre Liebe erwidert, diese aber verheimlicchen muss. Normale Handlungen, Blicke oder auch deutliche Ablehnung werden als geheime Liebesbeweise oder Signale interpretiert. Die angebliche Beziehung existiert jedoch nur in der Vorstellung der erkrankten Person. Meistens verläuft dieser Wahn in drei Phasen: Der Betroffenen sendet Geschenke oder Nachrichten und wartet auf ein Zeichen. Ausbleibende Reaktionen führen zu Enttäuschung oder zu Depressionen. Schlägt diese Enttäuschung in Hass um, kann dies zu Stalking oder Aggressionen führen. Francois Truffaut hat mit "Die Geschichte der Adele H." diese Krankheit aufgegriffen. Dabei erzählt der Filmemacher die wahre Geschichte von Adele Hugo, der zweiten Tochter des berühmten Schriftstellers Victor Hugo. Sie selbst beschrieb dies in den ersten beiden Bänden ihres Tagebuchs, die auf die Jahre 1852 und 1853 datiert sind und erstmals 1968 und 1971 von Frances Vernor Guille, einer Professorin für französische Literatur, veröffentlicht wurden. Der Film wurde zu einem Triumph für den Regisseur und für seine junge Hauptdarstellerin Isabelle Adjani, die als 20 Jährige, eine Oscarnominierung, eine Cesarnominierung und ein Bambi für diese hervorragende Leistung erhielt. Im Jahr 1863, während des Amerikanischen Bürgerkriegs, waren britische Soldaten in Halifax, Nova Scotia (Kanada) stationiert, um im Falle einer Unterstützung der Konföderierten Staaten durch Großbritannien einzugreifen. Adele (Isabelle Adjani) kam mit dem Schiff aus Europa und fand Unterkunft bei Mrs. Saunders (Sylvia Marriot) , einer älteren Dame. Sie gab sich unter falschem Namen als Miss Lewly, Ehefrau von Dr. Lenormand in Paris, aus. Adèle sucht in Halifax nach Leutnant Albert Pinson (Bruce Robinson, der einige Jahre zuvor durch die Rolle des Benvolio in Zefirellis Verfilmung von "Romeo und julia" bekannt wurde). Sie liebt den britischen Offizier, der als Frauenheld bekannt ist. Dank Mr. Saunders (Ruben Dorey) , einem ehemaligen Soldaten, gelingt es ihr, ihm einen Brief zukommen zu lassen, in dem sie ihre Ankunft ankündigt. Albert begibt sich bald darauf zu ihr, doch die Begegnung nimmt ein tragisches Ende. Der Soldat spricht von der Liebe in der Vergangenheitsform und bittet Adele, zu ihrer Familie nach Guernes zurückzukehren. Er geht davon aus, dass Vater Hugo der Heirat nie zustimmen würde und dass Adele ohne Erlaubnis der Familie ihm nachgereist sei. Albert hat dazu auch eine neue Affäre, doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Sie flüchtet sich ins Schreiben, um ihre Gedanken auszudrücken und ihren Eltern zu schreiben. Der Buchhändler, der ihr Schreibwaren verkauft Mr. Whistler (Joseph Blatchley) verliebt sich in die junge Frau, doch sie beachtet sein Interesse nicht und der Wahn nimmt immer mehr Besitz von der jungen Frau...









"Die Geschichte der Adele H. " erinnert auch an Truffauts früheren Film "Der Wolfsjunge", auch dort hatte Truffaut große Freude daran, aus wahren Begebenheiten eine fiktive Geschichte zu formen, ohne etwas zu erfinden und dem dokumentarischen Material treu zu bleiben. In Frankreich wurden lediglich 752.160 Eintrittskarten verkauft, was damals als Enttäuschung an den Kinokassen wahrrgenommen wurde, denn die Macher hatten sich mehr versprochen. Künstlerisch ist es sicherlich eines von Truffaut bleibenden Meisterwerken mit einer unwiderstehlichen Sogwirkung. Der dunkle, aber zutiefst schöne Film lebt auch von den grandiosen Bildern des Kameramanns Nestor Almendros. 








Bewertung: 9,5 von 10 Punkten.

Geraubte Küsse























Regie: Francois Truffaut

Antoine wird langsam erwachsen...

Die Filmfigur "Antoine Doinel" trat erstmalig im Jugenddrama "Sie küssten und sie schlugen ihn" im Jahr 1958 auf und ist eine Erfindung des Regisseurs Francois Truffaut. Er entschied sich im Laufe seines Filmschaffens diese Figur immer mal wieder auftauchen zu lassen. 1962 in den Episodenfilm "Liebe mit Zwanzig", danach folgten 1968 "Geraubte Küsse", zwei Jahre später ist Antoine sogar Ehemann in "Tisch und Bett". 1978 endet der "Antoine Doinel Zyklus" mit "Liebe auf der Flucht". Dabei weißt die sympathische, aber etwas labile Figur auch autobiographische Züge des Regisseur auf, Antoine war  offensichtlich sein Alter Ego.  Leider verstarb der Regisseur, der für seine Poesie in den Filmen bekannt wurde, viel zu früh 1984 an einem Gehirntumor.
Während in "Sie küßten und sie schlugen ihn" Antoine als Jügendlicher  kriminelle und dissoziale Tendenzen aufweist, mit der Polizei Ärger bekommt und in einem Heim für Schwererziehbare landet, sieht es 10 Jahre später in "Geraubte Küsse" schon etwas positiver aus. Der junge Mann hat 3 Jahre freiwillig das Militär hinter sich, nun wird aber seinem Antrag auf Entlassung zugestimmt. Doch ohne Führungszeugnis - was man ihm verweigert - scheint die Aussicht auf dem Arbeitsmarkt auch nicht so rosig. Aber Antoine hat Glück, denn die Eltern (Daniel Ceccaldi/Claire Duhamel) seiner Freundin Christine (Claude Jade) haben Beziehungen und so bekommt der junge Mann sogleich einen Job als Nachtportier. Dort wird er von einem Detektiv (Harry-Max) ausgebootet, der mit seinem Klienten, einem gehörnten Ehemann durch Antoines Zutun das Zimmer betreten kann, indem die Frau gerade Ehebruch begeht. Er verliert den Job. Doch der nächste Arbeitgeber wartet: In der Detektei von Monsieur Blady (Andre Falcon) findet man Verwendung für ihn. Für Observationen scheint er zwar wenig geeingnet, aber seine Ermittlungen werden vom Boss gelobt. So muss er einem Zauberkünstler (Jacques Delord) nachstellen, der von seinem ehemaligen Mieter gesucht wird und der Schuhhändler Georges Tabard (Michael Lonsdale) will herausfinden, warum ihn keiner mag - weder Ehefrau Fabienne (Delphine Seyring) noch seine vielen weiblichen Angestellten, die ihn nicht nur hinter seinem Rücken "Dinosaurier" nennen, sondern auch offen Widerreden geben. So wird Antoine als neuer Versandchef in dessen Geschäft eingeschleust, um Informantion in dieser Sache zu sammeln. Doch er wirft ein Auge auf die Frau des Chefs...







und sucht als Aussenseiter den Platz in der Gesellschaft, denn er lehnt sie nicht ab. Aber festlegen auf bestimmte Rollen und Vorgaben will er sich auch nicht. So experimentiert der junge Mann auch im Berufsleben - und darin erinnert er mich auch an mich als ich 25 war. Und das macht die Figur auch so authentisch und sympathisch - man fiebert in der leichten, sehr französischen Komödie immer mit ihm mit. Aber Antoine meistert die Situationen auch immer - wenn auch nicht immer konventionell. Der Filmtitel stammt vom Chanson "Que-rest-it-il.de nos amours" von Charles Trenet, dass am Anfang des Films zu hören ist und somit als Erkennungsmelodie dient. Der Film zeigt Antoine als entlassener Soldat, als Nachtportier, als Detektiv und zuletzt als Fernsehtechniker. In dieser Funktion gibts dann auch den notwendigen Impuls in der Freundschaft zu Christine - bei den beiden liefs nicht rund, sie trennten sich und am Ende frühstücken sie endlich gemeinsam und werden im Park von einem Mann angesprochen, der behauptet für Christine die große Liebe zu empfinden.
"Geraubte Küsse" entstand 1968 - also nach den Meisterwerken "Fahrenheit 451" und "Die Braut trug schwarz". Aber auch dieser leichte, poetische Filmhappen funktioniert prächtig - zum Lohn gabs auch eine Oscarnominierung im Jahr 1969 in der Kategorie "Bester ausländischer Film". Truffaut zog aber gegen Sergej Bondartschuks Version von Tolstois "Krieg und Frieden" den Kürzeren. Fünf Jahre später gelang ihm aber mit "Die amerikanische Nacht" dieser Triumph




Bewertung: 9 von 10 Punkten.

Montag, 14. September 2026

Die Braut trug schwarz
























Regie: Francois Truffaut

Die schwarze Witwe...

Es sollte der schönste Tag im Leben von Julie Kohler (Jeanne Moreau) werden. Doch der Hochzeitstag wird gleichzeitig auch der schwärzeste Tag ihres Lebens. Direkt nach der Trauung verlässt das Brautpaar mit den vielen Hochzeitsgästen die Kirche (die Glocken läuten, es ist ein wunderschöner Tag) da durchbricht ein Schuß die Idylle, der Bräutigam wird von einer Kugel tödlich getroffen.
Ab diesem Tag schwört sich Julie gnadenlose Rache an den fünf Mördern ihres Mannes zu nehmen.
Sie findet heraus, dass die fünf Junggesellen und Lebemänner Coral (Michel Bouquet), Fergus (Charles Denner), Bliss (Claude Rich), Morane (Michael Lonsdale) und Delvaux (Daniel Boulanger) für den Tod ihres Mannes verantworlich sind. Diese haben nämlich in der Wohnung, in der sich oft zum Kartenspiel trafen, mit einem Jagdgewehr gespielt, wobei sich ein Schuss löste und das Unglück so seinen Lauf nahm.
Die Männer flohen ohne sich der Verantwortung zu stellen.
Sie verabschiedet sich flüchtig von ihrer besorgten Mutter (Luce Fabiole) mit vagen Angaben über ihren Verbleib und tut so als würde sie mit dem Zug die Stadt verlassen. Doch über die Gleise kehrt sie heimlich zurück, um den perfiden Racheplan zu beenden.
Die Männer sollen für ihre Tat sterben...







Der französische Regisseur François Truffaut (Die amerikanische Nacht, Die letzte Metro) drehte diesen Rache-Thriller nach der gleichnamigen Romanvorlage von Cornell Woolrich im Jahr 1968.
Dabei gibt die großartige Musik von Bernard Herrmann sofort den Takt an, Truffaut meets Hitchcock und das so eigenständig dass der Film nie zur Kopie des großen Meisters wird.
Vor allem legte Truffaut Wert darauf, dass sein Suspence Thriller eine sehr französische Handschrift beibehält.
Auch wenn "Die Braut trug schwarz" sich sehr stark durch künstlerisch arrangierte, eindringliche Bildkompositionen auszeichnet, kommt aber der verborgene Reiz nie zu kurz. Truffaut beherrscht in diesem Film das Spiel mit den Assoziationen des Zuschauers, denn vieles spielt sich in der Phantasie des Zuschauers aus, Truffaut zeigt nicht - vielmehr deutet er an. Eine brilliante inszenatorische Stärke und ein Gegengewicht zu den wunderschönen Kameraeinstellungen, bei denen man immer mal wieder ins Schwärmen kommt. Verantwortlich dafür ist Raoul Coutard, der auch in "Ausser Atem" oder "Z" für die Kamera verantwortlich war.
Für mich ist "Die Braut trug schwarz" einer meiner Truffaut Favoriten.











Bewertung: 10 von 10 Punkten.