Posts mit dem Label Andre Techine werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Andre Techine werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 3. Oktober 2026

Diebe der Nacht
























Regie: Andre Techine

Aus verschiedenen Perspektiven...

Beim französischen Filmregisseur lässt sich auch ein gewisser Themenschwerpunkt herauslesen: Die Jugend. 1995 erhielt er als bester Regisseur den Cesar, sein melancholisches Coming of Age Movie "Wilde Herzen" gewann auch den Preis als bester Film des Jahres 1995 - trotz großer Konkurrenz wie "Die Barholomäusnacht", "Drei Farben Rot" oder "Leon der Profi".
Weniger bekannt, aber genauso sehenswert ist sein 1991 entstandener "Ich küsse nicht". Auch 2007 entstandener Beitrag zum HIV-Thema "Wir waren Zeuge" schilderte die Krankheit aus der Sicht des jungen Manu, gespielt von Nachwuchsstar Johan Libereau. Wieder wurde der Film für den Cesar nominiert. Und auch wenn in seinem 1996 entstandenen "Diebe der Nacht" lange Zeit nicht klar wird, wessen Geschichte der Film rückt am Ende doch wieder der Teenager Justin, gespielt von Julien Riviere, in den Mittelpunkt.
Von diesem Jungen wird auch die Geschichte im Off zuerst erzählt.
Dieser Junge wird mitten in der Nacht durch die Schreie seiner Mutter (Fabienne Babe) wach - sein Vater Ivan (Didier Bezace) ist tot. Und dessen Leichnam wurde an der Tür der Ville in den Rhone-Alpes abgegeben und liegt nun im heimischen Wohnzimmer. Der Junge ahnt, dass seine Familie ihm etwas verschweigt. Warum ist sein Großvater (Ivan Desny) so wütend auf seinen Onkel Alex (Daniel Auteuil), der bei den Bullen arbeitet. Bald weiß auch der Zuschauer mehr: Alex ist das schwarze Schaf der Familie, denn alle anderen sind Gangster - aber wie Geschäftsleute angesehen und organisiert. Von der Familie wird Alex deshalb wie ein Aussätziger behandelt. Der Film erzählt die Geschichte eines Überfalls und seine tödlichen Folgen (Ivan) in sieben Kapiteln und vier verschiedenen Perspektiven.
Nach dem Jungen Justin präsentiert Techine Rückblenden aus der Sicht von Alex. Danach wird Alex Geliebte Juliette Fontana (Laurence Cote) eingeführt, die der Bulle, der in Lyon arbeitet, durch eine Verhaftung im Milieu kennenlernt, sie als Polizeispitzel anheuern will, aber stattdessen mit der jungen Frau eine sexuelle Beziehung beginnt. Dabei kennt er auch deren kriminellen Bruder Jimmy (Benoit Magimel), der mit Ivan Geschäfte macht. Juliette hat ausserdem eine Beziehung zu der Philosophieprofessorin Marie Leblanc (Catherine Denueve).
Dies macht die Sache natürlich komplizierter und obwohl Alex den Coolen spielt, der nur am Sex interessiert ist, agiert er zunehmend eifersüchtig. Zusätzlich ist zu erkennen, dass Alex durch seine kriminelle Familie hin- und hergerissen wird. Er weiß, dass sein Bruder nicht nur einen gut gehenden Travestieclub unterhält, sondern auch ein Netzwerk von Autohändlern betreibt, die teure Autos stehlen und sie ins Ausland verkaufen. Am Ende steht der Abschied, aber auch der Neuanfang..








Für wen ist allerdings eine Überraschung. "Diebe der Nacht" erweist sich als gut gelungene Genremixtur. Ein wenig Polizeithriller, etwas mehr Gangsterfilm, bei dem die Amour fou auch nicht zu kurz kommt. Durch die originelle Erzählweise ist der Film etwas verschachtelt, was einen zusätzlichen Reiz beim Sehen hat. Darüberhinaus ist er klasse gespielt. Catherine Denueve überrascht mit der sehr ungewöhnlichen Rolle als sensible Lesbierin. Ein bisschen Femme Fatale ist aber in der Rolle der jungen Juliette angelegt - Laurence Cote spielt die Figur perfekt. Für Techine sind die Menschen wichtiger als die Action. Auf einfühlsame Weise bringt er die Figuren dem Publikum sehr nahe. Sehr geglückt auch die verschiedenen Perspektiven, die Techine gewählt hat. Sie führen dazu, dass man die Motive der Figuren verstehen kann und gelegentlich kommen auch Film Noir Elemente zum Tragen.
Wie bereits "Wilde Herzen" war "Diebe der Nacht" ein Thema für die Cesar-Verleihung. In insgesamt fünf Kategorien gabs Nomierungen: Bester Film, beste Regie, Beste Darstellerin Catherine Denueve, beste Nachwuchsdarsteller Benoit Magimel und Laurence Cote - die gewann auch den Preis.






Bewertung: 8 von 10 Punkten. 

Donnerstag, 3. Oktober 2019

Wilde Herzen







































Regie: Andre Techine

Der Sommer von 62...

Der Coming of Age Film "Wilde Herzen" aus dem Jahr 1994 ist Andre Techines bester Film und sein Meisterwerk. Er wurde von den Franzosen ins Oscar-Rennen um den besten Auslandsfilm geschickt, erreichte jedoch nicht die Endauswahl der fünf offiziellen Nominierungen. Vielleicht lag es an der starken Konkurrenz wie "Erdbeer und Schokolade" (Tomas Alea & Juan Tabio, Kuba) "Farinelli" (Gerard Corbieau, Belgien), "Eat Drink Man woman" (Ang Lee, Taiwan), "Vor dem Regen" (Milco Manchevski, Mazedonien) und "Die Sonne, die uns täuscht" (Nikita Michalkow, Russland), dass dieser hervorragende Jugendfilm den Kürzeren zog. Wenn ich aber aus diesen sechs den besten Film auswählen müsste, dann wäre es mit Sicherheit "Wilde Herzen".
Immerhin sahnte der Film bei der Cesar Verleihung überraschend ab, wo eine noch stärkere Konkurrenz mit "Drei Farben Rot", "Die Batholomäusnacht" oder "Leon der Profi" vertreten war. Insgesamt viermal durfte am Abend des 25. Februar 1995 gejubelt werden. "Wilde Herzen" wurde Film des Jahres und Techine gewann sowohl den Regie- als auch den Drehbuchpreis. Die junge Elodie Bouchez wurde völlig zu Recht als beste Newcomerin ausgezeichnet. Ihre drei männlichen Mitspieler Frederic Gorny, Gael Morel und Stephane Rideau wurden immerhin nominiert.
Die unspektakuläre Alltagsgeschichte von vier Internatsschülern spielt im Jahr 1962 und ist daher auch unterlegt mit der Musik dieser Zeit. "Smoke gets in your eyes" von The Platters, "Runaway" von Del Shanno, "Lets twist again" von Chubby Checker oder "Barbara Ann" sollen an diese Zeit erinnern und diesen Sommer 1962 im Südwesten Frankreichs für den Zuschauer lebendig werden lassen. Und dies gelingt dem Regisseur einfach vortrefflich. "Wilde Herzen" hat genau den richtigen Anteil von Poesie und Melancholie, der den Zuschauer begeistert.
Francois (Gael Morel) ist ein schüchterner junger Typ, der die meiste Zeit mit seiner Freundin Maite (Elodie Bouchez) verbringt. Man könnte die beiden Teenager für Verliebte halten, doch Francois hat nicht unbedingt großes Interesse mit Maite zu schlafen. Er arbeitet an seinem Abitur und in der Freizeit liest er viel, geht gerne ins Kino und fachsimpelt gerne über Filme und Literatur. Maites Mutter (Michele Moretti) ist Francois Französischlehrerin und überzeugte Kommunistin. Im Internat lernt Francois Serge (Stephane Rideau) kenne, einen Bauernjungen. Dessen Bruder Pierre (Erik Kreikenmayer) feiert gerade Hochzeit, ein paar Tage später soll der Soldat wieder nach Algerien. Er fragt seine frühere Lehrerin an seiner Hochzeit, ob sie ihn versteckt, weil er vorhat Fahnenflucht zu begehen. Dies lehnt Madame Alvarez allerdings entschieden ab. Francois hat da ganz andere Sorgen, denn er hat bemerkt, dass ihm Serge nicht mehr aus dem Kopf geht. Eines Nacht schlich sich dieser zu Francois in den Schlafsaal, nach der Unterhaltung kam es zum Sex. Was für Serge eine eimalige Sache war, ist für Francois viel mehr. Es wird ein Coming out Denn auch der neue in der Klasse, der etwas arrogante Henri Mariani (Frederic Gorny), der offen gegen eine Unabhängigkeit Algeriens ist und OAS Unterstützer ist, interessiert ihn sehr. Durch Francois lernt Serge auch Maite kennen. Sie lässt ihn abblitzen. Und Maite lernt den politisch völlig entgegengesetzt stehenden Henri kennen. Am idyllischen Ufer der Garonne erleben sie die letzten Tage ihrer Schulzeit...




Techine schuf auch ein Plädoyer für die Jugend, die in ihren Meinung noch nicht verhärtet ist und gerne auch ausprobiert. Sie haben zwar auch hartnäckige Positionen, sind aber in der Lage zu flexibleren Einschätzungen zu gelangen.
Mit kleinen Gesten erzielt der Film große Wirkung. Man sieht das Glück dieser vier Teenager, ihre Unefangenheit und die Suche nach Nähe zum Anderen. Zeit des Aufbruchs, Zeit des Erwachsenwerdens, Reife-Prüfung: das sind bevorzugte Themen von Regisseur André Téchiné. In "Wilde Herzen" bringt er Privates und Politisches in einer einzigartigen Mischung von Spontaneität und Melodram zusammen.





Bewertung: 10 von 10 Punkten.