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Samstag, 28. Mai 2022

Das Gold von Neapel


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Regie: Vittorio de Sica 
 
Liebeserklärung an die Stadt und ihre Menschen...
 
"Das Gold von Neapel" wurde von Vittorio de Sica im Jahr 1954 gedreht. Der Film besteht aus sechs Episoden, die von den Menschen der Stadt handeln. Diese Geschichten basieren auf den Erzählungen von Giuseppe Marotta.
In der ersten Episode "Der Tyrann" spielt Toto die Hauptrolle als gebeutelter Familienvater Saverio Petrillo, der nunmehr seit einigen Jahren von Don Carmine Javarone (Pasquaelo Cennamo) schamlos ausgebeutet wird. Denn seit dem Tod der Frau hat sich der Parasit bei der Familie eingeschlichen und im Laufe seiner Home Invasion hat er sich zum Tyrannen der eigentlichen Eigentümer entwickelt. Er befiehlt - die Familie gehorcht. Aber kann das noch lange gut gehen ?
Das fragt man sich auch bei der zweiten Geschichte "Pizza auf Kredit" in der die blutjunge Sophia Loren zu bewundern ist. Sie spielt einfach grandios diese schöne Sofia, Ehefrau des Pizzabäckers Rosario (Giacomo Furia), beim dem alle Pizza auf Kredit bekommen. Das Geschäft läuft gut, das Ehepaar ist angesehen. Leider ist Sofia nicht ganz treu, denn sie hat einen Liebhaber (Alberto Farnese), bei dem sie nach einem Schäferstündchen den wertvollen Ehering liegen lässt. Dann eilt sie zu ihrem Mann, der bereits ausgiebig an seine Kunden Pizza verteilt. Irgendwann während der vielen Bestellungen bemerkt er, dass der Ring nicht mehr am Finger seiner treuen Sofia ist. Es entwickelt sich eine seltsame Dynamik, die auch noch zu einer Trauerfeier und einem suizidalen Witwer (Paolo Stoppa) führt. Episode drei zeigt einen Trauerzug. Ein Kind ist gestorben, die Trauergemeinde mit der Mutter (Teresa de Vida) läuft durch die Stadt in Richtung Friedhof. In Episode Vier machen wir Bekanntschaft mit dem spielsüchtigen Adligen Graf Prospero (Vittorio de Sica), der mit dem kleinen Genarino (Pierino Bilancione) um sein Vermögen (das er gar nicht mehr hat, denn er wurde von seiner Frau entmündigt) spielt und dauernd verliert. In "Teresa" der fünften Geschichte wird der Zuschauer Zeuge einer sonderbaren Hochzeit ohne Liebe. Teresa (Silvana Mangano), eine Prostituierte ging den Deal mit dem reichen Don Nicola (Erno Crisa) ein, ohne zu wissen, was auf sie zukommt. Vielmehr hat es sich um eine Art Geschäftsvertrag gehandelt, doch sie möchte wissen, warum Don Nicola ausgerechnet sie heiraten wollte. Den Abchluß macht die Geschichte "Der Professor" gespielt von Eduardo de Philippo, der den Leuten für gutes Geld gute Ratschläge gibt.



Diese Geschichten sind alle mit einer gewissen Traurigkeit versehen, aber in jeder Sekunde ist auch ein Hoffnungsschimmer greifbar. Eine schöne Melancholie wirda ufgefahren und zeigt das Bild der kleinen Leute in der Stadt mit all ihren Gepflogenheiten und ihrer Mentalität. Ein sehr schöner Film.




Bewertung: 9 von 10 Punkten. 

 

Dienstag, 1. Dezember 2020

Der Garten der Finzi Contini


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Regie: Vittorio de Sica

Ferrara 1938 bis 1943...

Regisseur Vittorio de Sica war bereits beinahe 70 Jahre alt als er "Der Garten der Finzi Contini" verfilmte. Der Film basiert auf dem Roman "Die Gärten der Finzi Contini" von Giorgio Bassani (1916 bis 2000), der 1962 veröffentlicht wurde und für den der Autor im gleichen Jahr den Premio Viareggio erhielt. Der Roman war sehr autobiographisch gefärbt und bündelte seine moralischen, intellektuellen und politischen Erfahrungen. Ebenso wird darin, bedingt durch die immer mehr menschenverachtenden Rassengesetze der faschistischen Regierung, der Zerfall des reichen jüdischen Bürgertums in der Stadt Ferrara beschrieben.
Die Verfilmung selbst wurde zu einem späten Triumph für Regisseur de Sica, der damit noch einmal sein großes Können unter Beweis stellte und noch einmal einen großen Klassiker schuf, der qualitativ in Augenhöhe mit seinen Meisterwerken "Fahrraddiebe", "Schuhputzer", "Wunder von Mailand" und "Umberto D." bestehen kann.
Für die wunderschönen Bilder war Kameramann Ennio Guarnieri verantwortlich, die Musik zum Film schrieb Manuel de Sica.
"Die Garten der Finzi Contini" hatte am 4. Dezember 1970 Kinopremiere und folgte dem damaligen Trend in Italien Kinofilme über den Faschismus zu drehen. In dieser Zeit entstanden weitere wichtige Filmwerke wie "Der Konformist" von Bertolucci und "Die Verdammten" von Luchino Visconti. Beim den Berliner Filmfestspielen wurde er mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet - bei der Oscarverleihung gewann de Sica in der Kategorie "Bester ausländischer Film".
Wer einen extrem dramatischen und spannenden Film erwartet, der wird sicherlich überrascht sein. Denn "Die Garten der Finzi Contini" ist ein sehr stiller, elegischer Film, der mit ruhiger Hand eine ganz bestimmte Atmosphäre schafft, die beinahe bis zum Schluß anhält. Erst am Schluß trifft dann mit voller Wucht das Ergebnis der jahrelang sich aufbauenden, immer strikeren Rassengesetze. Trotz aller Schönheit der Bilder ist "Der Garten der Finzi Contini" ein sehr trauriger Film. Vittorio de Sica hat diese Zeit wieder auferstehen lassen. Der Zuschauer fühlt sich mittendrin in diesen wunderschönen Gärten der reichen Familie Finzi Contini. Der wohlhabende Vater (Camillo Cesari) ist ein angesehener Literaturprofessor und gerät nach dem Siegeszug des Faschismus immer mehr unter Druck seine Gärten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Italiens Rassengesetze sind zwar noch nicht so drastisch wie im befreundeten Nazideutschland, aber immer weniger wird der vorher sehr angesehenen jüdischen Bevölkerung erlaubt. Immer weniger dürfen sie am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Um seinen beiden Kindern Micol (Dominique Sanda) und Alberto (Helmut Berger) die Möglichkeit zu geben sich auch mit ihren Freunden draußen zu treffen ist diese rieisige Gartenanlage geradezu optimal. Dort trifft Michol auch wieder auf den etwa gleichaltrigen Giorgio (Lino Capoliccio), ebenfalls jüdisch, aber aus bürgerlichem und nicht privilegiertem Haus. Die beiden haben sich im Alter von 12 Jahren kennengelernt und himmelten sich damals gegenseitig an. Nun sind sie beinahe erwachsen und besonders bei Giorgio flammt für Micol eine große Leidenschaft auf. Beinahe sieht es so aus als könnte daraus die große Liebe entstehen, doch Micol gibt ihrem Verehrer einen Korb und beginnt stattdessen mit Albertos Kommilitonen Bruno Malnate (Fabio Testi) eine Affäre. Giorgio entdeckt dies und ist von großem Liebeskummer geplagt. Seinem Vater (Romolo Valli) gelingt es ihn etwas zu trösten. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Die jüdische Gemeinde muss die Stadt verlassen, sie werden deportiert - keiner weiß, wohin die Reise gehen wird...





Aber diese Szene zeigt eindrücklich, dass nun sämtliches menschliches Mitleid abgelegt wurde. Von Ordnungshütern der Stadt und vom Militär werden die Menschen, die ihre letzten Habseligkeiten dabei haben, in ein Gebäude gedrängt, es wird schon dort keine Rücksicht mehr genommen wer zu wem gehört. Micol und ihre betagte Großmutter, gespielt von Inna Alexaiewna, werden vom Rest der Famlie getrennt und werden in einen anderen Raum geführt, in dem ebenfalls Dutzende von Menschen verharren, die auf unbekannte Reise und in eine wenig erfreuliche Zukunft geschickt werden. Dort treffen sie auf Giorgios Vater, der ebenfalls deportiert wird, aber Micol erzählt, dass Giorgio die Flucht aus Italien gelungen ist. Diese Bilder treffen den Zuschauer wie ein Vorschlaghammer.
Für mich gehört de Sicas Film zu den besten Filmen der frühen 70er Jahre. Dadurch, dass der Hauptpart die Geschichte der Jugendlichen darstellt und die politischen Veränderungen ganz beiläufig mit ablaufen, vermittelt "Die Garten der Finzi Contini" die größte Glaubwürdigkeit.






Bewertung: 10 von 10 Punkten. 

 

Mittwoch, 14. Februar 2018

Das Wunder von Mailand







































Regie: Vittorio de Sica

Das Märchen vom Findelkind Toto...

In den Jahren zwischen 1946 und 1952 hat Vittorio de Sica wahrscheinlich seine berühmtesten Filme gedreht. Neben "Fahrraddiebe" sind die "Schuhputzer", "Umberto D." und das Märchen "Das Wunder von Mailand".
Es ist allerdings ein modernes Märchen mit den Elementen des Neorealismus. Ein Märchen, dass die Realität nicht mißachtet. Es schildert wie viele Filme dieser Gattung das Elend und die Armut der Menschen und stellt diesen sozial nicht gerade begünstigten Zeitgenossen skrupellose Reiche gegenüber, die durch ihre Macht das Gesetz auf ihrer Seite haben. "Das Wunder von Mailand" erinnert stellenweise an die Filme Chaplins, sein Held Toto hat ähnliche Züge wie der Tramp. An machen Stellen fährt der Film haarscharf am Kitsch vorbei, aber einem Märchen erlaubt man das. Und das oft kritisierte Ende mit dem Ritt auf dem Besen in den Himmel kann auch am Ende übersetzt werden mit einem unerfüllbaren Wunschtraum für diese Menschen. Denn die Wirklichkeit kann nur anders aussehen als dieses schöne HappyEnd durch eine übergeordnete Kraft.
Die religiöse Verwandschaft des Märchens beginnt auch schon in der Anfangsszene als die alte skurille Lolotta (Emma Gramatica) in ihrem Garten, nahe eines Flußes, zwischen dem eigenen Blumenkohl ein kleines Baby findet. Wie Moses in seinem Binsenkörbchen nimmt die alte Frau den Jungen auf und nennt ihn Toto (der junge Toto wird von dem 11jährigen Gianni Branduani gespielt). Die Alte weiße Frau lernt ihm das Einmaleins und wenn Toto mal die Milch verschüttet, gibts keinen Ärger, sondern beide tanzen und hüpfen an dieser Stelle auf dem Boden. So wird aus Toto ein herzensguter Junge. Als die alte Dame stribt, wird der Junge in ein Waisenhaus gesteckt. Als Volljähriger (Francesco Golisano) wird er entlassen. Seine Lebensfreude ist geblieben und er grüßt freundlich die wildfremden Menschen auf der Straße, die ihm auf seinem Weg ins Ungewisse begegnen. Statt Freundlichkeit erntet er aber Unverständniß bis hin zu Unfreundlichkeit. Als ein Obdachloser ihm seine Tasche klaut, verfolgt Toto den Mann und stellt ihn zur Rede. Als der arme Mann traurig die Tasche wieder hergibt, hat Toto Mitleid und schenkt dem Fremden die Tasche. Dieser lädt ihn ein in seine erbärmliche Behausung in einer Barackensiedlung am Stadtrand, wo Toto übernachtet. Dort wird sehr schnell seine freundliche Art geschätzt. Toto schafft es mit seinem Wesen die Menschen dort etwas glücklicher zu machen. Er wird Lehrer dieser Obdachlosen und gemeinsam gestalten sie die ärmlichen Behausungen um, sie versehen jede  Blechunterkunft mit einem Straßennamen und Nummer. Die Nummern bestehen aus Rechnungen aus dem Einmaleins. So lernen die Kinder auch etwas. Bei einem Volksfest, dass die Armen veranstalten, wird plötzlich eine Erdölquelle auf dem Gelände entdeckt. Davon bekommt der reiche Besitzer Mobbi (Guglielmo Barnabo) Wind und mit einem Aufgebot an Polizisten versucht der Unternehmer die Menschen aus ihren primitven Hütten zu vertreiben - notfalls auch mit brutaler Gewalt. Nur gut, dass Totos verstorbene Ziehmutter ihm eine weiße Taube vom Himmel schickt. Das Tier erfüllt seinem Besitzer jeden Wunsch. So kann er zunächst den geplanten Abriß des Viertels verhindern und den armen Menschen nützliche bis sonderbare Wünsche erfüllen. So erwacht eine Statue zum Leben (Alba Arnova) und macht die Männer wild, für viele Menschen gibt es warme Pelzmäntel, ein Klavier steht plötzlich da und Totos ungeschickte Verehrerin (Brunella Bovo) bekommt endlich Schuhe. Da zwei Engel die Taube wieder an den rechtmäßigen Standort im Himmel bringen, hat das Wünschen auch bald am Ende. Dadurch gelingt es nicht die brutale Realität dauerhaft zu überwinden, aber ein Besenritt per Himmel ist noch drin...




Das Märchenhafte, das sich in einer Fülle von burlesken Szenen und einfallsreichen optischen Spielereien entfaltet, ist aber immer noch so konzipiert, dass der Blick auf die Realität gewahrt bleibt. Insgesamt ist "Das Wunder von Mailand" entwaffend unschuldig und hat eine ganze Menge unvergesslicher Szenen. Der Schluß ist trotz des Himmelsritts eher ernüchternd, denn er offenbart ja schließlich die traurige Erkenntniss, dass alles Böse und schlechte der Welt nur durch ein Wunder oder durch eine Himmelsmacht besiegt werden kann. Er setzt auch der Species des Gutmenschen ein Denkmal. Daher ist diese völlig unegoistische Güte, die Toto verkörpert, auch heute aktuell denn je. Und auch kritisiert wie nie - so ist der Mann, dem Toto nach seinem Aufenthalt im Waisenhaus, auf der Straße grüßt und der extrem unfreundlich auf diese Freundlichkeit reagiert, der Prototyp des modernen Menschen unserer Zeit.



Bewertung. 8 von 10 Punkten.

Montag, 25. Dezember 2017

Schuhputzer







































Regie: Vittorio de Sica

Unbarmherziger Jugendknast...

1957 wurde offiziell die Oscar-kategorie "Beste ausländischer Film" eingeführt. Wie in den anderen Kategorien gab es 5 Nominierungen und es gewann Federico Fellinis "La Strada".  In den Jahren 1948 bis 1956 wurde der beste Auslandsfilm intern ausgewählt. Im ersten Jahr ging dieser Spezialpreis an Vittorio de Sicas "Schuhputzer", den er 1946 drehte. Zwei Jahre später gewann er mit seinem bekanntesten Film "Fahrraddiebe" ebenfalls diesen begehrten Preis.
Ab 1943 arbeitete de Sica vor allem mit Drehbuchautor Cesare Zavattini zusammen. Zavattini schrieb nicht nur die Bücher für diese beiden Oscarfilme, sondern auch für weitere Meisterwerke wie "Das Wunder von Mailand", "Umberto D." oder Der Garten der Finzi Contini".
Leider sind einige der großen Filme eines der besten Vertreter des Neorealismus in Deutschland nicht als DVD erhältlich. Interessanterweise kann man aber über amazon.fr "Sciuscia" (so der Originaltitel von "Schuhputzer") eine deutschsprachige DVD finden. Für Fans solcher Filme - und ich bin einer von ihnen - ein großartiger Fund.
"Fahrraddiebe" ist natürlich einer meiner ganz großen Lieblingsfilme, aber "Schuhputzer" ist ebenfalls ein Meisterwerk und steht für mich auf einer Stufe mit seinem grandiosen Märchen "Das Wunder von Mailand".
Dabei ist der Film äusserst düster und zeigt die Armut Italiens kurz nach dem 2. Weltkrieg anhand der beiden Jungs Pascquale Maggi (Franko Interlenghi) und Giuseppe Filibucci (Rinaldo Smordoni), die in Rom als Schuhputzer ein bisschen Geld verdienen. Pascale hat seine Eltern im Krieg verloren und der kleine Giuseppe muss aber mit diesem kargen Lohn auch noch seine arme Mutter (Irene Smordoni) versorgen. Jeder Tag ist ein neuer Überlebenskampf. Die beiden Jungs halten aber fest zusammen, sie sind beste Freunde und unzertrennlich. Beide träumen davon, eines Tages das weiße Pferd Bersagliere kaufen zu können. Wenn etwas vom Schuhputzergeld übrig bleibt, dann mieten die beiden das schöne Pferd und reiten es. In Rom herrscht hohe Kriminalität durch Diebstahl und Schwarzmarkt. Giuseppes älterer Bruder Attilo ist ohne Arbeit, wie viele andere - daher hat auch er einen kriminellen Werdegang eingechlagen. Gemeinsam mit dem Hehler Panza (Gino Saltamerenda) soll Diebesgut verkauft werden. Bei einer Wahrsagerin verdienen sie mit gestohlenen Decken tatsächlich etwas Geld und für einen Tag winkt das Glück. Mit dem Geld kaufen sie das Pferd. Doch die Polizei schlägt zu und verhaftet die zwei Jungen, weil sie natürlich verdächtigt werden bei Raubzügen mitzumachen. Sie landen in einem Jugendknast. Dort halten die beiden aber dicht und sagen nicht gegen Bruder und Hehler aus. Erst als Pasquale glaubt, dass sein kleinerer Freund geschlagen wird (ein Trick des konservativen Gefängnisdirektors) gibt er alles zu, was auch zu einer Verurteilung der Drahtzieher führt. Giuseppe erfährt vom Verrat und will von seinem ehemals besten Freund nun nichts mehr wissen. Manipuliert von seinem Zellengenossen Arcangeli (Bruno Ortenzi) will er sich sogar rächen. Es kommt zum Kampf im Knast. Bei einer Filmvorführung wollen einige der jungen Strafgefangenen ausbrechen..




Der düsterste Teil des Films wird eröffnet, wenn sich auch für den Zuschauer die Tor zum Knast öffnen. Statt Reszonialiserung wird mit Strafen und harten Drill gearbeitet, obwohl viele der Insassen noch richtige Kinder sind. Die gezeigte Haftanstalt ist in drei Ebenen unterteilt. In jedem Stock befinden sich Reihen von Zellen mit jeweils 5 Jungen. Kontakte sind verboten. Eines der Kinder verliert bei dem Ausbruch, der auch einen Brand und Panik zur Folge hat, sein Leben. Am Ende steht die Flucht des Einen und der Verrat des Anderen. Aber auch der zweite Verrat von Pasquale geschieht nur deshalb, weil er seinen Freund schützen will. Der letzte Kampf der beiden endet tragisch. Das Pferd trabt alleine davon, Giuseppe stirbt im Kampf und Pasquale wird von der Polizei abgeführt. Lange Jahre im Knast werden die Folge sein, in jungen Jahren hat sich das Schicksal für den jungen Deliquenten bereits vollzogen. Der Film über diese Straßenjungs, die amerikanischen GIs im Nachkriegsitalien auf der Straße die Schuhe putzen, ist einer der wichtigsten Vertreter des Neorealismus und wie viele Filme dieser Sparte ein Zeitdokument mit dokumentarischem Touch.





Bewertung: 9 von 10 Punkten. 

Mittwoch, 30. August 2017

Fahrraddiebe



Regie: Vittorio de Sica

Die Odysee von Vater und Sohn...

Vittorio de Sica drehte sein Meisterwerk "Fahrraddiebe" (Original: Ladri di Bicilette) im Nachkriegsjahr 1948 mit Laien auf den Straßen von Rom. Man wird sehr wehmütig, wenn man diesen großartigen Klassiker ansieht, denn solche Filme werden heute leider nicht mehr gedreht.
Dabei ist es eine denkbar einfache Geschichte, die sich auf zwei Ebenen abspielt. Einerseits entstand aufgrund der Fülle von Schauplätzen und Situationen ein überzeugendes und atmosphärisch dichtes Panorama italienischer Wirklichkeit aus jeden Tagen. Die Armut und die hohe Arbeitslosigkeit sind allgegenwärtig. Da wird dem Zuschauer ein Einblick in eine riesige Lagerhalle geboten, in der sich bis zur Decke Tausende von kleinen, zusammengeschnürten Bündeln auf Eisenregalen stapeln. Der Mitarbeiter klettern ohne Hilfe einer Leiter auf diesen Regalen herum, um die neue gebrauchte Ware dort zu lagern. Ein sehr eindringliches Bild in diesem Pfandhaus, denn die hungernden Menschen geben dort ihre letzten Habseligkeiten ab, damit sie was auf dem Teller haben. Ein trauriges Bild. Für den kleinen Arbeiter kann ein geringfügiges Mißgeschick gleich zur Existenzfrage werden. Man wird bestohlen und in der Verzweiflung wird man selbst zum Dieb...der Kreis schließt sich ein armer Teufel wird von einem anderen armen Teufel beklaut. Die zweite Ebene ist das Verhältnis der beiden Hauptfiguren Vater und Sohn, die Beziehung leidet aber im Laufe der Handlung unter der zunehmenden Verzweiflung des Vaters. Am Ende wird der kleine Junge die dramatische Situation seines Vaters mit ganzer Wucht begreifen.
Um seine Familie durchzubringen, hat Antonio Ricci (Lamberto Maggiorani) sein Fahrrad im Pfandhaus abgegeben. Die Arbeitslosgkeit zwang den gelernten Maurer zu diesem Schritt. Doch nun hat er die Chance als Plakatkleber für die Stadt einen sicheren und guten Arbeitsplatz zu bekommen. Die einzige Voraussetzung ist, dass er ein Fahrrad hat. Denn er muss in der ganzen Stadt Plakate aufhängen und das geht zu Fuß sehr schlecht. Mit dem letzten Besitz, der Bettwäsche, lösen er und seine Frau Maria (Lianella Carell) wird das wichtige Gefährt wieder ausgelöst. Stolz fährt Antonio am ersten Arbeitstag los, er setzt seinen 7jährgen Sohn Bruno (Enzo Staiola) an der Tankstelle ab, wo der sich ein paar Lire verdienen kann. Nun beginnt das Plakate-Ankleben. Das Filmposter "Gilda" mit dem Portrait der Leinwandgöttin Rita Hayworth muss nun ohne Falten an die Wände geklebt werden. Doch bereits nach einer Stunde wird ihm sein Rad, die Existenzgrundlage, von einem Dieb (Vittorio Antonucci) gestohlen. Er kann entkommen, denn möglicherweise arbeitet er zusammen mit einer ganzen Band von routinierten Fahrraddieben. Nun folgt am anderen Tag eine durch absurde Hoffnung angetriebene Odysee durch das Rom der Trödelmärkte an der Porta Portese. Mit dabei seine Freunde und der kleine Bruno. Doch so einfach ist es nicht ein gestohlenes Fahrrad wieder zu beschaffen. Was folgt ist eine Suche in der Vorstadt mit all ihren Trattoiren und Tavernen. Die Hektik der Stadt ist spürbar, ebenso die Verzweiflung von Sohn und Vater, die an verschiedenen Schauplätzen wie Kirchen, Laientheatern, Bordellen oder Fußballstadien vorbeikommen. Als er den Dieb tatsächlich stellen kann, fehlt ihm aber der Beweis. In seiner Verzweiflung schickt er Bruno heim und versucht selbst ein Rad zu stehlen. Er wird aber auf frischer Tat gefasst und gestellt. Bruno, der sich noch in der Nähe seines Papas aufhielt, wird am Ende zur Schlüsselfigur der Geschichte. Er sieht wie fremde Leute seinen Vater beschimpfen...






Und wird am Ende zum Helden der Geschichte, denn seine Tränen sorgen dafür, dass der Bestohlene von einer Anzeige absieht. Die letzte Enstellung zeigt Vater und Sohn in eine ungewisse Zukunft laufen. Bruno fasst den Vater an der Hand. Ein extrem schöner und auch trauriger Film. Es gibt nur wenige Filme, die eine so hohe emotionale Nachwirkung entfalten wie "Fahrraddiebe" - ein Meisterwerk ohne Frage. Der Film zwar zuerst nicht der große Kassenerfolg im Heimatland, aber gewann zunehmend durch seine Wertschätzung bei der internationalen Kritik mehr und mehr Beliebheit, was ihn dann auch langsam aber sicher doch noch zu einem langfristigen Publikumserfolg machten. Das großartige Werk gewann den Oscar als bester ausländischer Film und konnte sogar bei der ersten Umfrage der rennomierten Filmzeitschrift "Sight & Sound" im Jahr 1952 den ersten Platz als bester Film aller Zeiten belegen. In der aktuellen Umfrage im Jahr 2012 war er auch unter den besten 10 Filmen zu finden. Ein Urteil, dass ganz und gar verdient ist. "Fahrraddiebe" ist für mich noch vor "Der Leopard" und "La Strada" der besten italienische Film aller Zeiten, sicherlich einer der Filme für die Insel, wenn man nur eine Handvoll der Besten mitnehmen darf.





Bewertung: 10 von 10 Punkten.