Mittwoch, 13. Mai 2020

Snatch - Diamanten und Schweine







































Regie: Guy Ritchie

Crazy London...

Guy Ritchies erster Kinofilm "Bube, Dame, König, Gras" (Originaltitel: Lock, Stock and two Smoking barrels" wurde 1998 im Kino ein Überraschungserfolg. Der britische Heist-Comedy Film spielte das Vielfache seines Budget wieder ein und avacierte sehr schnell zum Kultfilm. Daher war es auch nicht überraschend, dass der Regisseur auch beim Nachfolgefilm "Snatch" auf die gleichen Zutaten setzte. "Snatch" war noch erfolgreicher und spielte 83 Millionen Dollar an der Kasse ein.
Das große Plus des urkomischen Londonfilms ist die Spielfreude, die das Ensemble hinlegt. Es ist zwar alles etwas ähnlich wie in "Bube, Dame, König, Gras" - aber schon Howard Hawks hat mit einem abgewandelten "Rio Bravo" eine weitere Genreperle "El Dorado" erschaffen. Es war auch dort bekannt, dass die Akteure alle ne Menge Spass hatten und eigene Ideen zur Story beisteuerten, so soll John Wayne zu Hawks gesagt haben "aber diesmal will ich den Säufer spielen" - aus dem Jungen, der gut mit dem Revolver umgehen konnte (Ricky Nelson) wurde in "El Dorado" der Junge, der nicht schießen kann, aber ein großes Talent im Messerwerfen ist (James Caan).
Auch in "Snatch" gibt es ein Wiedersehen mit sehr vielen Schauspielern, die bereits beim Debüt dabei waren. Im Mittelpunkt des turbulenten Geschehens stehen die beiden Freunde Turkish (Jason Statham) und Tommy (Stephen Graham). Turkish ist so etwas ähnliches wie ein Boxpromoter. Er ist für die Organisation illegaler Boxkämpfe zuständig und ausserdem noch Spielhallenbetreiber. Mit Tommy ist er schon ewig befreundet, doch Tommy hat das Talent wegen seiner Naivität immer wieder in größere Probleme zu geraten, die dann von Turkish gelöst werden müssen. Mit dem fiesen
Gangsterboss Brick Top Pulford (Alan Ford) ist nämlich gar nicht zu spaßen, denn er hat zwei Schläger, die zu allem bereit sind und manches Opfer - so sagt man - wurde schon an Brick Tops Schweine verfüttert. Nur der ist auch auch schwer im illegalen Boxgeschäft involviert und wenn der Boss sagt, dass ein Boxer in der 4. Runde k.o gehen soll, dann hat das so zu geschehen. Ansonsten...der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen. Als Tommy einen Wohnwagen beim fahrenden Volk, den Pavees, kaufen soll, wird er arg von dem gewitzten und nuschelden Mickey 0´Neil (Brad Pitt) und dessen Mom (Sorcha Cusak) übers Ohr gehauen - der Wohnwagen taugt nichts, dafür durften die Käufer aber noch als Bonus ein netten Wauzi mitnehmen. Tommy will das Geld zurück, aber Mickey besteht auf eine Wette. Wenn er es schafft Tommys Begleitung - ein sehr starker großer Mann - im Boxen zu besiegen, dann bleibt der Kaufvertrag bestehen. Das Ende vom Lied: Der Boxer, der in der Runde 4 k.o. gehen soll, ist von Mickey innerhalb weniger Minuten außer Gefecht gesetzt und nun muss Turkish so schnell wie möglich einen Ersatz für den bald stattfindenden Boxkampf finden, bei dem Brick Top gewettet hat und viel Geld erwartet.
Zeitgleich trifft in London der Juwelendieb Franky Four Fingers (Benicio del Toro) aus Antwerpen ein, der einen wertvollen Diamanten bei seinem Boss Avi (Dennis Farina) in New York abliefern soll. Von dem Raub haben aber noch andere dubiose Gestalten Wind bekommen und so soll der Stein - wenn möglich mit Gewalt - dem rechtmäßigen Dieb abgenommen werden. Auch die Kleinkriminellen Sol (Lennie James), Vinnie (Robbie Gee) und Tyrone (Ade) wollen ein Ding drehen und bald taucht auch noch der Russe Boris - die Klinge (Rade Serbedzija) auf, der den Stein will und der Auftragskiller Bullet Tooth Tony (Vinnie Jones) wird vom Juwelier Doug the Head Denovitz (Mike Reid) fürs ganz Grobe engagiert. Das Drehbuch sieht vor, dass sich sämtliche Akteure auf der Jagd nach dem Diamanten begegnen und auch beim Boxkampf begegnen. Dieser geht natürlich unerwartet zu Ende und nun müssen sich Turkish und Tommy warm anziehen...







Hört sich alles etwas verzwickt und ´kompliziert an, aber das stört das Filmvergnügen in keinster Weise. Denn Guy Ritchie fühlt sich hier im Chaos wohl, was irgendwann ganz automatisch auf den Zuschauer übertragen wird. Unterlegt wird die satirisch wie blutige Gangstersaga mit einen klasse Soundtrack, in dem Songs von The Specials, The Ramones, 10cc, Oasis, Madonna oder Massive Attack zu hören sind. Ausserdem hat der Film ein sehr stimmungsvolles London-Flair, was ihn zusätzlich als Klassiker des britischen Kinos aufweist. Brad Pitt ist hier in einer seiner besten Rollen zu sehen und der kleine Pit Bull stielt manchem menschlichen Akteur in der einen oder anderen Szenen die Show.






Bewertung: 9 von 10 Punkten. 

Trainspotting


Regie: Danny Boyle

Mark Rentons Welt...

Das Britische Filminstitut wählte 1999 die 100 wichtigsten britischen Spielfilme aus und in dieser Umfrage belegte Danny Boyles "Trainspotting" den 10. Rang. Der Film entstand nach dem gleichnamigen Kultroman von Irvine Welsh und war Boyles zweiter Spielfilm. Bereits sein Debütfilm "Kleine Morde unter Freunden" wurde hochgelobt und erhielt diverse Preise. In beiden Filmen bekam der Youngster Ewan McGregor eine Hauptrolle - in "Trainspotting" spielt er den heroinsüchtigen Mark Renton. Drehbuchautor John Hodge schaffte es sogar eine Oscarnominierung zu bekommen.
Der Drogenfilm wurde zu einem der kommerziellesten britischen Filme der 90er Jahre, wobei die sehr freizügige Darstellung von Heroin- und Drogenkonsum zu kontroversen Diskussionen führte -manche sahen eine Verharmlosung des Drogenproblems.
Man könnte allerdings als Gegenargumentation die berühmte Ekelszene von der dreckigsten Toilette in Schottland nehmen. In dieser Szene taucht die Hauptfigur in dieses Klo, um sein kurz vorher ausgeschiedenes Opiumzäpfchen herauszufischen.
Einen großen Anteil am Erfolg des Films hatte der irre Soundtrack, der auf geniale Weise Songs der 70er von Iggy Pop oder Lou Reed mit Electrosounds der 80er von New Order oder Heaven 17 mit angesagtem Britpopsound der 90er von Oasis oder Blur mischte. Der stärkste Filmsong aber war "Born Slippy" von Underworld und alles in Allem waren die Sounds very british, was natürlich perfekt zur Story und zum Film passte.
Die Geschichte spielt in Edinburgh, die Figuren kommen aus Familien, die wirtschaftlich etwas benachteiligt sind.
Mark Renton (Ewan McGregor) ist arbeitslos und darüberhinaus fleißiger Drogenkonsument. Er wohnt noch bei den Eltern in einem Vorort bei Edinburgh, doch sein Leben spielt sich in der Subkultur der Stadt ab. Renton hängt ständig mit seinen Kumpels dem James Bond Fan Simon "Sick Boy" Williamson (Jonny Lee Miller), dem gutmütigen Spud Murphy (Ewen Bremner), dem psychopathischen Francis Begbie (Robert Carlyle) und dem Fußballspieler Tommy McKenzie (Kevin McKidd) in der Szene herum. Nur Begbie und Tommy sind clean, die anderen Freunde nehmen regelmässig Stoff. Die Drogen bekommen sie von "Mother Superior" (Peter Mullan), dem Händler ihres Vertrauens.
In einer Disco lernt er Diane Coulston (Kelly MacDonald) kennen, mit der er Sex hat und erst danach erfährt, dass das Mädchen gerade mal 15 Jahre alt ist. Immer wieder versucht Renton sich wieder von den Drogen loszusagen. Sogar die Eltern zwingen ihn im heimischen Zimmer zu einem kalten Entzug. Doch auch immer wieder sind Rückfälle zu verzeichnen. Dann probiert auch Tommy Drogen aus. Renton schafft jedoch vom Heroin loszukommen. Nach einem negativen Aids-Test fängt er ein neues Leben in London an und wird zum erfolgreichen Immobilienmakler. Dann tauchen die alten Freunde wieder auf und das Chaos beginnt von Neuem...






Der Film endet offen mit einem Ausbruch Rentons vom bisherigen Leben und von der Loslösung von seinen Kumpels. Boyles Kultfilm zeigt selbstzerstörerische Junkies auf Identitätssuche in einer erstarrten, selbstgefälligen Gesellschaft, ohne Hoffnung auf eine gravierende Veränderung. Die Atmosphäre im Leben der Protagonisten ist geprägt von Gewalt, Drogen und Sex - und damit ein fast schon provokatives Gegengewischt der bürgerlichen Scheinwelt mit ihren Spielregeln und Moralvorstellungen. Alle jungen Darsteller sind großartig und sie haben sich so stark mit ihren Figuren identifiziert, dass sie mit diesen Figuren verschmelzen. Angereichert wurde die Drogensaga mit sehr viel schwarzem Humor und visuell einfallsreichen Kameratricks. Sowohl der Regisseur als auch der Autor verweigern einen moralischen Standpunkt abzuliefern. So sieht der Zuschauer zu und kann sich seine eigene Meinung bilden. Neben Ewan McGregor startete auch Robert Carlyle eine aussergewöhnlich starke internationale Karriere.





Bewertung: 9 von 10 Punkten. 

Michael Clayton

 
Regie: Tony Gilroy
 
Der Ausputzer...
 
Tony Gilroy drehte "Michael Collins" im Jahr 2007 und schrieb auch das Drehbuch zum Film. Sein Vater arbeitete bereits als Drehbuchautor für den Film und auch seine Brüder sind im Filmgeschäft. Tony Gilroy produzierte daher auch das Regiedebüt "Nightcrawler" seines jüngeren Bruders Dan. "Michael Clayton" wurde für insgesamt sieben Oscars nominiert; Bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch, beste Filmmusik sowie für die Schauspieler George Clooney, Tom Wilkinson und Tilda Swindon. Am Ende siegte aber lediglich Tilda Swinton für ihre Rolle als Karen Crowder, Juristin des Chemiegiganten U/North, der in den Staaten Agrarunternehmen versorgt.
Michael Clayton (George Clooney) ist ein ganz besonderer Anwalt, ein "Ausputzer" im Hintergrund, beschäftigt bei der angesehenen New Yorker Anwaltskanzlei Kenner, Bach & Ledeen's als der Mann, der dann auftaucht, wenn etwas im Hintergrund bereinigt werden muss. Also ein Problemlöser und -beseitiger. Bei der Wahl der Mittel ist Clayton nicht wählerisch, er ist nicht nur smart, sondern auch korrupt, ohne Moral und seine Arbeit fängt jenseits des Gesetzes an. Einer, der sich nicht fragt, ob er auf der "guten" Seite ist.
Darüberhinaus hat unser Held ein chaotisches, zerüttetetes Familienleben und gerät er unter Druck wegen Spielschulden.
In seiner Kanzlei herrscht blankes Entsetzen und Panik, Claytons brillianter Kollege Arthur Edens (Tom Wilkinson) vertritt die Firma U/North seit Jahren. Diese Chemie-Unternehmen ist mit einer Sammelklage von drei Milliarden US-Dollar Schmerzensgeld konfrontiert. U/North wird vorgeworfen, dass ein an Farmbetriebe verkauftes Herbizid Krebskrankheiten ausgelöst hat.
Eden wechselt plötzlich die Seiten und es gibt zunächst keinen Zweifel, dass seine psychische Krankheit (manisch depressive Episode) ausschlaggebend für seinen Richtungswechsel ist, zumal seine sehr kuriosen und drastischen Handlungsweisen nur diesen Schluss zulassen. Nun kommt der Ausputzer ins Spiel...Clayton soll Schadensbegrenzung betreiben und den durchgedrehten Kollegen zur Besinnung bringen. Edens taucht allerdings mit ziemlich brisantem Material unter. Die karrieregeile Juristin des Chemiekonzerns Karen Crowder (Tilda Swinton) erkennt in Edens dieses grosse finanziell ruinierende Risiko in Milliardenhöhe für die Firma und ab gewissen Summen wird es für Menschen, die solch brisantes Material besitzen, auch zunehmend gefährlich....
"Michael Clayton" ist eine konsequente Rückkehr des Erwachsenenthrillers aus den 70s. In diesem Terrain kennt sich Tony Gilroy bestens aus, denn auch einige Drehbücher der Bourne Reihe gehen auf sein Konto. Zu Recht ist der Film inzwischen ein Klassiker geworden, die Szene mit den drei Pferden und dem kurze Zeit später explodierenden Auto bleibt im Gedächtnis.
 



Tatsächlich erinnert die Machart an Filmperlen wie "3 Tage des Condor", "Die Unbestechlichen" oder "Zeuge einer Verschwörung".
Der Film ist spannendes Erzählkino, gemacht für Leute, die sich noch die Zeit nehmen, einen langsamen, verstörenden Thriller zu geniessen, der sich bedächtig aufbaut, etwas vertrackt daherkommt und sich erst am Schluss fulminant steigert und die Story auflöst.




Bewertung: 9 von 10 Punkten.

Schwarzer Engel


Regie: Brian de Palma

Fiebertraum...

Einige Monate bevor Brian de Palma mit "Carrie" ein echter Welterfolg gelingen sollte, drehte er mit "Schwarzer Engel" (Originaltitel: Obsessions) eine bemerkenswerte Variante zu Hitchcocks Meisterwerk "Vertigo".
Wie im Vorbild gibt es 3 Hauptfiguren: Den Täter, das Opfer und den Lockvogel.
Oder auch der Gierige, der Besessene und den Schauspieler.
De Palmas Werk ist allerdings in einigen wichtigen Facetten anders: Die ursprüngliche Motiviation des Schauspielers "Geld" ist anders gelagert als in Vertigo, denn dort ist "Rache" das Thema.
Der Besessene beobachtet nicht im hinterherfahrenden Auto, sondern es zieht ihn magisch in Kirchen.
Hitchcocks Inszenierung ist klassisch, de Palmas Film (ein ebenso böser Traum) auch wie ein Traum konzipiert, ein echter Fiebertraum.
1959...der zehnte Hochzeitstag des wohlhabenden Immobilienmaklers Michael Cortland (Cliff Robertson) und seiner schönen Frau Elizabeth (Genevieve Bujold) wird ausgiebig und feudal gefeiert. Doch kleine Beobachtungen, die nur der Zuschauer macht, verheissen nichts Gutes. Ein Kellner, der eine Pistole unter seinem Jacket versteckt. Eine Kameraeinstellung, die das Ehepaar küssend vor einer Treppe einfängt, als plötzlich die Tochter Amy auf der Treppe erscheint, weil sie einen bösen Traum hatte.
Doch es bleibt ruhig. Das Fest ist aus, man zieht sich ins Schlafgemach zurück. Aufgerüttelt von den Schreien der Tochter, geht Elizabeth in ihr Zimmer. Als Michael ihr nach einigen Minuten folgt, findet er nur eine Notiz am Bett hängend: Amy und Elizabeth wurden entführt, für ihre Freilassung wird von ihm eine halbe Million Dollar und keinerlei Polizei verlangt.
Cortland wendet sich aber an die Polizei und der Inspektor gibt ihm einen zwar vernünftig anhörenden, aber im Ergebnis folgenschweren Ratschlag: Kein Lösegeld zahlen. In der Annahme, dass so die Entführten am sichersten seien und nicht umgebracht werden. Mit einem Peilsender wird der Koffer mit Falschgeld ausgestattet. Aber es geht alles schief, was schief gehen kann.
Cortlands Familie stirbt bei der Befreiungsaktion.
15 Jahre später reist Cortland mit seinem treuen Geschäftspartner Robert Lasalle (John Lithgow) nach Florenz. Er besucht die Kirche, in dem vor 15 Jahren seine Trauung mit Elisabeth stattfand, und sieht plötzlich in einer jungen Italienerin, die dort arbeitet, fast ein Ebenbild seiner verstorbenen Frau....





Wie auch bei Hitchcock finden sich bei De Palma immer wiederkehrende bestimmte Themen: Betrug, Schuld und Läuterung, die Faszination des Morbiden und die Duplizität von Charakteren und und Wiederholung von Ereignissen.
Grossen Anteil an der druchgehend bedrückenden Atmosphäre, die den Film so beängstigend macht, haben der aus Ungarn stammende Kameramann Vilmos Zsigmond (MacCabe & Mrs. Miller, Deliverance, Close Encounters, Deer Hunter) und Hitchcocks Hauskomponist Bernard Hermannn, der auch den unvergesslichen Score zu "Vertigo" machte. Seine musikalische Untermalung zu "Obsessions" ist genauso gut und führte sogar zu einer Oscar-Nominierung.
Somit treiben die Bilder und die Musik die Handlung an, die Dialoge sind fast schon Nebenschauplatz. Dabei erscheint die Geschichte bei näherer Betrachtung unlogisch, aber dies wird durch die alptraumhafte Stimmung total in den Hintergrund gedrängt. Was sogar als Vorteil erscheint, denn ein realistischeres Drehbuchkonzept hätte wahrscheinlich gar nicht diese hypnotische Wirkung entfalten können.
Herrmann war bereits schwer krank und starb kurz nach Drehschluss. Er war aber von dem Skript, das Paul Schrader schrieb, so fasziniert, dass er trotz der schweren Krankheit begeistert dabei sein wollte und de Palma seine Mitarbeit zusicherte.
Stilistisch ein Meisterwerk, keine Frage. De Palma zieht bereits hier alle Register seines Könnens, mit diesem Film und dem nachfolgenden "Carrie" begründete er seinen Ruf als bemerkenswerter Filmemacher mit einer ganz eigenen, unverkennbaren Handschrift. Selbst wenn es dem Hitchcockschen Werk immer sehr ähnlich ist.




Bewertung: 10 von 10 Punkten.