Montag, 2. Oktober 2017

Letztes Jahr in Marienbad







































Regie: Alain Resnais

Erinnerung, Traum und Zwischenwelt...

Am Anfang von "Letztes Jahr in Marienbad" werden unendlich langen Gänge und Korridore eines barocken Schlosses gezeigt, die fast unwirklich auf den Zuschauer wirken und bald stellen sich diese Räume als Teil eines Hotels dar. Dieses schloßartige Anwesen mit seinen Verzierungen, Bordüren und Pfeilern wirkt wie ein Labyrinth.
Doch die anwesende Gesellschaft, die wirkt als hätte sie sich von der restlichen Außenwelt abgeschottet, schauen sich ein Theaterstück mit 2 Personen an.
Einer der anwesenden Männer (Giorgio Albertazzi) scheint eine der anwesenden Damen vom letzten Jahr zu kennen. Doch die Frau (Delphine Seyring) kann sich nicht daran erinnern.
Alle Gäste scheinen sonderbar platziert zu sein, wie in einem Traum. Da Alain Resnais die OffStimme vieles wiederholen lässt, verstärkt sich der Eindruck immer mehr, dass für diese geschlossene Gesellschaft die Zeit stillsteht bzw. die Zeit eingefroren ist. Lediglich der Mann, der nicht locker lässt, die Frau zu überzeugen, dass sie sich letztes Jahr in einem Kurort Friedrichsbad oder Marienbad getroffen haben, scheint noch so etwas wie ein Erinnerungsvermögen zu haben.
Die Menschen hier sind kaum greifbar, man nimmt sie flüchtig wahr, sie pflegen dieselben oberflächlichen Konversationen. Aber es wird auch gespielt. Der Spieler (Sacha Pietoeff) scheint mit der Frau liiert, aber so genau lässt sich das nicht klären. Wie alles andere auch nicht. Das Szenario gleicht permanent einem Rätsel, es wirkt phasenweise morbide wie der Tod. Zunehmend kommt die Frau bei den Erinnerungen des Mannes in Bedrängnis...




 

Schon bei seinem Erscheinen war der Film von Alain Resnais umstritten: Für die einen ein hoffnungslos verkopftes, extrem langweiliges Kunstwerk, für andere ein Meisterwerk der Filmkunst.
Resnais hat mit dem Film versucht, die Struktur des Nouveau Roman zu verfilmen. In dieser literarischen Form geht es auch darum, nur die Oberfläche der Dinge zu beschreiben. Der Leser soll die Interpretation selbst vornehmen. So spiegelt das Labyrinth der Flure des prunkvollen Barockschlosses und auch der labyrinthhafte Garten ein Geflecht aus trügerischen Erinnerungen und Behauptungen.
Ziemlich spannend ist das nicht, aber sehr interessant. Erinnert hat mich die Gesellschaft auch an die DanceHall Toten aus "Carnival of Souls". Eine spannende Horrorvariante von Resnais´ philosophischem Avantgardefilm lieferte Stanley Kubrick mit "Shining" und dem unheimlichen Overlook-Hotel. 







Bewertung: 10 von 10 Punkten.

Sonntag, 1. Oktober 2017

Mord im Orient Express

Regie: Sidney Lumet

Hercule Poirot im Abteil...

1930: Die kleine Daisy Armstrong wird aus dem Haus ihrer Eltern auf Long Island entführt. Colonel Hamish Armstrong und seine Frau Sonja sind sehr angesehene, reiche Bürger und der Entführungsfall wirbelt nicht nur in den Zeitungen von New York großen Staub auf. Die Eltern zahlen das Lösegeld, die Zeitungen spekulieren wer dahintersteckt und bringen auch das Hauspersonal der Armstrongs in Verdacht.
Einige Zeit später wird die kleine Daisy tot aufgefunden.
5 Jahre später im winterlichen Instanbul: Hercule Poirot (Albert Finney), der Meisterdetektiv aus Belgien, hat hier gerade erfolgreich einen Fall aufgeklärt und möchte zu einem möglichen neuen Auftraggeber nach London reisen.
Doch der Orientexpress Instanbul - Calais ist hoffnungslos ausgebucht, ein Glück, dass Poirot beim Essen zufällig auf seinen alten Freund Sinor Bianchi (Martin Balsam) trifft, den Direktor der Eisenbahngesellschaft.
Dieser will für Poirot doch noch etwas arrangieren, auf dem Bahnhof angekommen, herrscht reges Treiben der Händler und die vielen Reisenden machen den Bahnhof zusätzlich zu einer Riesenansammlung von Menschen.
Illustre oder bemerkenswerte Gäste wie die Amerikanerin Mrs. Hubbard (Laureen Bacall), Prinzessin Dragomirov (Wendy Hiller), deren Zofe Hildegard (Rachel Roberts), Graf und Gräfin Andreji (Michael York/Jacqueline Bisset), die Missionarin Greta Ohlsson (Ingrid Bergman), Colonel Arbuthnot (Sean Connery), die Engländerin Mary Debenham (Vanessa Redgrave), der schwerreiche amerikansiche Geschäftsmann Ratchett (Richard Widmark) mit Assistent Hector McQueen (Anthony Perkins) und Butler Beddoes (John Gielgud) besetzen einen Waggon der 1. Klasse.
Schaffner Pierre Paul Michel (Jean Pierre Cassel) bekommt von Bianchi den Befehl Poirot für eine Nacht in McQueens Schlafabteil unterzubringen.
Dann setzt sich der Zug auch schon in Gang, mitten in der Nacht zwischen Vinkovci und Brod in Jugoslawien wird es unruhig. Poirot wacht auf und macht einige seltsame Beobachtungen auf dem Gang des Abteils. Dann hält der Zug auch noch an, weil er im massiven Schnee stecken bleibt. Am anderen Morgen wird der Amerikaner Samuel Edward Ratchett durch zwölf Messerstiche ermordet aufgefunden.
Einige Stunden zuvor bat er Poirot ein Job an, nämlich herauszufinden, wer ihm nach dem Leben trachtet. Poirot lehnte ab, aber auf Bitten von Bianchi, der den Fall noch im Zug gelöst haben will, begibt sich Poirot an die Aufklärung des Mordes...




Sidney Lumet drehte "Mord im Orient Express" im Jahr 1975, der Film entstand nach dem gleichnamigen Roman von Agatha Christie und vermittelt wohlige und spannende Krimiunterhaltung.
Der Entführungsfall des Charles-Lindbergh-Babys in den 1930er Jahren stand Pate für den fiktiven Fall Daisy Armstrong.
Großartig sind die Bilder von Geoffrey Unsworth und die dramatische Musik von Richard Rodney Bennett, die den erlesenen Kriminalfall noch edler werden lassen.
Ein großartiges Ensemble spielt mit viel Freude und der Zuschauer hat sein großes Vergnügen. Auch wenn Peter Ustinov als Poirot noch ein bisschen populärer wurde und man die Rolle eher mit ihm als mit Finney verbindet, gelingt es dem Briten eine herrlich schrullige Performance der belgischen Spürnase abzugeben.
Der Lohn war sogar eine Oscarnominierung, fünf weitere kamen hinzu (Ingrid Bergman, Musik, Kamera, Kostüme, Drehbuch), von denen nur die Bergman für die Rolle der Missionarin Ohlsson den Preis gewann, es war damit ihr dritter Oscarsieg.
"Mord im Orient Express" ist einer dieser Filme, die man sich auch gerne mal wieder in Wiederholung anschaut und auch wenn die Auflösung bestens bekannt ist, mindert dies kaum die Spannung bei den Schlußfolgerungen des exzellenten Beobachters und Zuhöreres Poirot.






Bewertung: 10 von 10 Punkten.

Bestie Mensch







































Regie: Jean Renoir

Das Tier im Menschen...

 Bestie Mensch" erzählt die unheilvolle Geschichte des Lokomotivführers Lantier (Jean Gabin), der seine Lok liebevoll Lison nennt.
Lantier ist einer aus der Familie Rougon-Maquart, in dem Roman von Emile Zola ist diese Familie mit einem über Generationen existierenden Fluch belegt, ähnlich den Atriden aus der griechischen Mythologie.
Alle diese Vorfahren waren Alkoholiker und der ruhige Mann macht sie für seinen Gemütszustand verantwortlich.
Er ist schwermütig unterwegs und sehr oft schlug diese Stimmung in eine Depression um.
Dazu kommt die Neigung zu aggressiven, anfallsartigen Ausbrüchen, die er selbst nicht steuern kann, in diesen Momenten verspürt er Lust zu töten.
Während eines zwanghaften Aufenthalts in Le Havre besucht er seine Tante, der er vorgibt, dass die Krankheit nicht wieder aufgetreten ist.
Doch bereits als der die attraktive Flore (Blanchete Brunoy) unten am Fluss trifft und diese dann ganz in der Nähe der Bahngleise leidenschaftlich küsst, kommt für einen kurzen Moment dieser Drang zum Vorschein. Für Sekunden würgt er die junge Frau und muss sich Augenblicke danach für diesen Anfall entschuldigen.
Im Nachtzug trifft er auf den ihm bekannten Bahnhofsvorsteher aus Le Havre. Dieser Roubaud (Fernand Ledoux) ist mit seiner 15 Jahre jüngeren Frau Severine (Simone Simon) im Zug, um den Onkel und Ziehvater seiner Frau
dort zu stellen, nachdem der Mann erfahren hat, dass dieser die damals noch nicht erwachsene Severine sexuell missbraucht hat.
Lantier wird Augenzeuge im späteren Mordfall, denn der Ziehvater überlebt die Bahnfahrt nicht. Und Lantier bemerkt, dass die Roubauds ihr Abteil verliessen und dieses erst später wieder aufsuchten.
Durch eine Geste der schönen Frau schweigt Lantier aber, dies ist natürlich der Beginn einer verhängnisvollen Affäre...



Ich muss gestehen, dass ich den Film "Bestie Mensch" nur vom Hören kannte und nunmehr einen großartigen Klassiker gesehen habe, der zu Recht zu den ganz großen Meisterwerken der 30er Jahre gezählt wird.
Es ist ein realistisch-poetischer Film-Noir zum einen über die erregende Welt der Schienen und Lokomotiven, die Jean Renoir ganz realistisch, aber in sehr raffiniert wirkungsvollen Montagen eingefangen hat.
Die Handlung um diese drei schicksalhaft miteinander verbundenen Personen ist von einem düsteren, auswegslosen Fatalismus gezeichnet, eine Dymanik, die unaufhaltsam auf die Katastrophe zusteuern wird.
Dabei dient das Milieu der Bahnhöfe mit ihren düsteren Hinterhöfen und rußigen Hallen dazu, die Auswegslosigkeit der Situation zusätzlich zu unterstreichen.
1954 verfilmte Fritz Lang die gleiche literarische Vorlage unter dem Titel "Human Desire".
"Bestie Mensch" fasziniert mit einer genialen Kameraführung, mit meisterhaften Schnitt und überragenden Darstellern, die das Bild zwischenmenschlicher Beziehungen und individueller Verlorenheit perfekt vermitteln können. Jede dieser drei Hauptfiguren liebt oder möchte geliebt werden. Aber alle drei leben im ständigen Konflikt mit der Umwelt, sie stecken voller unerfüllter und nicht gelebter Sehnsüchte.
Darunter verbergen sich aber Hass, Verzweiflung und Verlorenheit.



Bewertung: 10 von 10 Punkten.

Augen ohne Gesicht







































Regie: Georges Franju

Der Chirurg des Todes

Georges Franjus "Augen ohne Gesicht" aus dem Jahre 1959 ist enstanden als das französische Horrorkino noch in den Kinderschuhen steckte. Als der Film damals in die Kinos kam, war seine Schockwirkung für ein noch lange nicht so abgestrumpftes Publikum wie Heute - vor allem durch die weltberühmte OP-Sequenz - ungefähr ähnlich hoch wie Heute die neue Garde der hochgelobten französischen Splatterfilme wie "Inside" oder "Martyrs" dazu in der Lage ist, nachhaltige Schockwirkungen zu erzielen.
Der Film ist unter mehreren Alternativtiteln bekannt: "Das Schreckenshaus des Dr. Rasanoff", in Amerika lief er sogar als "The Horror Chamber of Dr. Faustus".
Dieser Genrebeitrag von Georges Franju ist zum grossen Klassiker geworden und wird gerne in einem Atemzug mit Georges Clouzots Suspence-Reisser "Die Teuflischen" genannt.
Der bekannte Chirurg Dr. Génessier (Pierre Brasseur) ist angesehen, einflussreich und vermögend. Er ist Leiter einer rennomierten Klinik, nicht weit davon entfernt lebt er auch privat auf diesem imposanten Anwesen. Er ist stolzer Besitzer vieler Hunde und liebt seine Tochter Christiane (Edith Scob), die leider seit einem schweren Autounfall ein schwer enstelltes Gesicht hat und ein einsames Dasein in der grossen Villa führt, bedeckt mit einer weißen Maske, die fast an eine Totenmaske erinnert. Der Unfall wurde vom Vater selbst verschuldet, weil er viel zu schnell fuhr. Seitdem plagen den Arzt schwere Gewissensbisse.
Er setzt nun alles bereits seit Jahren in aller Heimlichkeit daran, seiner Tochter ein neues Gesicht zu geben. Dazu muss er fiese Experimente und grausame Tierversuche durchführen, doch bislang misslang die Verpflanzung von Haut beim Menschen.
Doch er versucht sich immer wieder an den Transplantation, dazu benötigt er aber die Haut junger Mädchen, die seiner Tochter ähnlich sehen. Seine ihm treu ergebene Assistentin Louise (Alida Valli) ist dabei inzwischen so eine Art Mädchenfänger-Assistentin geworden. Sie ist es, die die ahnungslosen Opfer anlocken muss.
Entsorgt wird so eine völlig entstellten Mädchenleiche in der Seine. Dies ist auch die Auftaktsequenz. Mit einer berunruhigenden Drehorgenmusik von Maurice Jarre, die wie ein Delirium aufgebaut ist, fährt Louise mit der Leiche ans Wasser....




Georges Franju hat einen grossartigen poetischen Horrorfilm der Extraklasse geschaffen, der auch heute noch eine maximale Wirkung entfalten kann: Das liegt einerseits an der konsequent eingehaltenen düstere, eiskalten und morbiden Stimmung und fasinierender Bebilderung. Lediglich die Person unter der Maske, diese Augen ohne Gesicht, ist dazu fähig Gefühle zu empfinden.




Bewertung: 10 von 10 Punkten

Augen der Angst - Peeping Tom






Regie: Michael Powell

Voyeur....

Mark Lewis (Karlheinz Böhm) ist ein unscheinbarer junger Mann, der beim Film arbeitet. Von seinen Kollegen wird er wegen seiner Ruhe, seiner freundlichen Art und seiner Professionalität sehr geschätzt.
Sein großes Haus in London hat er weitestgehend vermietet, nur die obere Wohnung ist sein Reich. In einem Zimmer ist der Filmvorführungsraum, dort sitzt er nächtelang vor der Leinwand und schaut sich seine selbst gedrehten Filme immer und immer wieder an. Sein ständiger Begleiter ist seine Kamera. Warum wird erst im Lauf der Handlung klar, aber der Zuschauer weiss durch die Eingangsszene, dass Mark ein Serienmörder ist.
Er filmte diese dunkle Straße in der Nacht. Wie er sich mit Kamera auf eine Prostituierte zu bewegte, sie sagt "2 Pfund" und er folgt ihr in eine Bude, Treppe hoch, alles wird per Handkamera gefilmt. In der Wohnung angekommen, zieht sich die Frau aus. Plötzlich Furcht und panische Angst in ihren Augen. Denn sie wird sich in der nächsten Sekunde in einem Spiegel selbst sehen können, bevor der Mann sie mit einem im Stativ seiner Handkamera verborgenen Messer ersticht. Ihr aufgezeichnetes Entsetzen wird er sich mit perverser Lust immer wieder ansehen.
Auch ist mit seiner Filmkollegin Vivian (Moira Shearer) ein weiteres potentielles Opfer ausgemacht.
Seine Untermieterin Helen (Anna Massey) freundet sich mit ihm an, sie mag den stillen Mark. Obwohl ihre blinde Mom (Maxine Audley) ein ungutes Gefühl hat. Helen scheint ein bisschen seine Einsamkeit und seine Sozialphobie aufzubrechen. Ihr sagt er auch, dass er jahrelang von seinem Vater, einem angesehenen Psychiater, zu wissenschaftlichen Forschungszwecken mittels Tonbandaufnahmen abgehört wurde. Als Kind keine Privatsphäre, stattdessen nächtens mit Kriechtieren in seinem Bett erschreckt oder mittels Lichtsignalen aus dem Tiefschlaf gerissen. In dieser Atmosphäre der absoluten Observation und Liebesmangel entwickelte sich Mark Lewis nicht nur folgerichtig zum Voyeur sondern zum Mörder...





Beim Kinostart 1960 war "Peeping Tom" ein handfester Skandal, der die Karrieren von Karlheinz Böhm und dem britischen Meister-Regisseur Michael Powell (Leben und Sterben des Colonel Blimp, Dieb von Bagdad, Schwarze Narzisse, Die roten Schuhe) schlagartig beendete.
Der Film wurde zur damaligen Zeit mehrheitlich als eklig, krankhaft und geschmacklos empfunden. Erst viele Jahre später wurde "Peeping Tom" nicht nur rehabilitiert, sondern auch gerechterweise als Meisterwerk des Horrorgenres gefeiert.
Heute wird er gerne als britische Ausgabe von Psycho angesehen. Er glänzt durch eine hervorragende Kameraarbeit und ausserordentlich guten Settings und klasse Szenebilder.
Powell gelang es auch, den Charakter von Mark Lewis nicht als ein verabscheuungswürdiges Ungeheuer aussehen zu lassen, sondern er wird sowohl als Täter als auch Opfer gezeigt, mit dem man Mitleid empfinden kann - auch ein Verdienst des Hauptdarstellers Böhm. Vermutlich war die gezeigte "gute Seite" des Täters der eigentliche Skandal. Erst durch die sanfte Liebe zu Helen sieht er einen Ausweg aus seiner Situation, seiner Krankheit. "Peeping Tom" wartet mit einer absolut effektiv ausgearbeitete tiefenpsychologischen Ebene auf, beleuchtet diese fatale, unheimliche Vater-Sohn-Beziehung und der Frage, was Mark zu einem Serienkiller gemacht hat.





Bewertung: 10 von 10 Punkten.