Mittwoch, 18. April 2018

Monsieur Klein







































Regie: Joseph Losey

Die Geschäfte des Kunsthändlers...

Frankreich startete am 27. März 1942 seinen ersten Zug mit jüdischen Deportierten - die Endstation war das KZ Auschwitz im von den Deutschen besetzten Polen. Insgesamt fuhren 79 Züge mit über 75.000 Juden in den fast sicheren Tod - nur 2.500 Menschen konnten im Jahr 1945 befreit werden. 
Bereits 1942 wurden im besetzten Frankreich strikte Judengesetze eingeführt, ohne dass die Besatzer alle Gesetze gefordert hätten. Es gab auch sehr starke Eigeninitiativen, der Antisemitismus war stark.  Zunächst sprach die deutsche Militärverwaltung von der Evakuierung der unerwünschten Juden in Arbeitslager, die im Osten liegen, daher waren die ersten Züge ausschließlich mit arbeitsfähigen Männern bestückt. Sehr schnell wurde dies aber aufgeweicht und als im August 1942 selbst alte Menschen und Kinder jeden Alters in die Güterwaggons getrieben wurden, war klar, dass es hier um ein System der Ausrottung einer Rasse ging. In Frankreich fand ebenfalls eine regelrechte Menschenjagd statt - eine davon erzählt der beklemmende Film "Mr. Klein".
Besonders erschütternd ist die Szene fast am Ende des Films, wenn die Menschenmenge in die Zugwaggons gedrängt wird, die in den sicheren Tod fahren. Darunter ist auch der Elsässer Robert Klein, gespielt von Alain Delon in einer seiner großartigsten Rollen, für die er im Jahr 1977 eine Cesar-Nominierung erhalten hat - aber gegen den gleich starken Michel Galabru in "Der Richter und sein Mörder" von Bertrand Tavernier knapp verlor.
Insgesamt war "Monsieur Klein" aber mit 7 Nominierungen und 3 Siegen in wichtigen Kategorien (Bester Film, beste Regie, bestes Szenenbild) der Gewinner des Abends und Joseph Loseys Meisterwerk war in Frankreich auch im Kino gut besucht. Trotz des schweren Stoffes interessierten sich beim Kinostart mehr als 700.000 Franzosen für den Film und kauften sich eine Kinokarte.
Paris 1942: Die Stadt wird von den Deutschen besetzt und dadurch erleidet die jüdische Bevölkerung auch zunehmend offene Diskriminierung. Das Tragen des Judensterns ist Pflicht und darüberhinaus wird das Eigentum der Juden beschlagnahmt. Robert Klein (Alain Delon), ein Elsässer, lebt seit vielen Jahren in der Hauptstadt und verdient als Kunsthändler seinen Lebensunterhalt. Es geht ihm gut, er hat eine hübsche Geliebte (Juliet Berto), treibt es auch heimlich mit Nicole (Francine Berge), der Frau seines Freundes Pierre (Michael Lonsdale), der auch sein Anwalt ist. Mit dem inzwischen faschistischen System hat er sich prächtig arrangiert, er profitiert extrem davon, dass die Juden ihre Wertgegenstände für einen Spottpreis verkaufen müssen.
In der ersten Szene des Films wirkt Klein auch recht zynisch und unerbittlich, als ihn ein Jude (Jean Bouise) aufsucht und ihm ein altes Gemälde eines holländischen Malers verkaufen will. Das Gemälde ist viel mehr wert, aber Klein nutzt die Notlage des Mannes schamlos aus und der muss extem unter Wert verkaufen. Alle Bitten einen fairen Preis zu machen, sind vergebens.
Dann findet Klein vor seiner Wohnungstür eine jüdische Zeitschrift, die er abonniert haben soll. Natürlich weiß er um die Brisanz und sucht sofort den Kommissar (Fred Personne) auf, um klarzustellen, dass es sich bei dieser Zustellung um einen Fehler, ja vielleicht sogar um eine Denunzination handeln muss - er wäre ja kein Jude.
Dieses Vorsprechen macht ihn aber auf der Präfektur verdächtig und so ist der Fall natürlich noch nicht abgeschlossen. Es soll einen zweiten Robert Klein geben - einen, der seinen Namen angenommen, missbraucht und benutzt hat und im Widerstand tätig ist. Klein will herausfinden, wer dieser Mann ist und findet heraus wo der gewohnt hat. Doch er ist weg. Nur seine Concierge (Suzanne Flon) gibt widerwillig Auskünfte und im Zug seiner eigenen Ermittlungen trifft er auch Florence (Jeanne Moreau), eine heimliche Geliebte des Gesuchten. Immer wieder begegnet er auf der Suche nach dem Mann auch der Polizei, denn er hat sich inzwischen immer mehr in den Mittelpunkt deren Ermittlungen gemacht...





Das ist einer der besten und bedrückendsten Filme der 70er Jahre und neben "Der Mittler" auch Joseph Loseys bester Film. Und der hat sehr viele Topfilme hinterlassen. Ein US-Regisseur, der als Sympathisant der kommnunisten Partei, in den frühen 50er Jahren im Zuge der McCarthy Hexenjagd sein Heimatland verließ und sowohl in England als auch in Frankreich als Regisseur arbeitete.
"Monsieur Klein" ist durch und durch kafkaesk und meisterhaft inszeniert. Die Schauspielerleistungen sind großartig und die Kamera von Gerry Fisher unterstreicht die morbide Atmosphäre, die den Antihelden umgibt und die immer auswegsloser wird. Die letzte Einstellung könnte vielleicht auf eine Erklärung hindeuten - aber im Grunde spielt das auch keine Rolle. Egal wie, der Zug ist ein Zug des Verderbens und setzt sich eindrücklich mit der Kollaboration der Vichy-Regierung bei der deutschen Judenvernichtung auseinander. Ein dunkles, schwarzes Kapitel der Menschheitsgeschichte.






Bewertung: 10 von 10 Punkten. 

Der Kontrakt des Zeichners







































Regie: Peter Greenaway

Entlarvung der Wirklichkeit durch die Kunst ?

Mit dem 1982 entstandenen ästhetischen Rätselspiel "Der Kontrakt des Zeichners" konnte sich der britische Filmemacher Peter Greenaway, dessen avantgardistische Filme bislang nur einer kleinen Fangemeinde bekannt war, erstmals einem breiten Publikum präsentieren und die nahmen das Werk mit einer ungewöhnlichen barocken Bildsprache auch begeistert auf. Dem Regisseur gelang es spielend das Zeitkolorit des 17. Jahrhunderts perfekt zu vermitteln - kein Wunder, denn die Verstärker, die er dazu benutzten waren alle erstklassisch. Angefangen von der munteren und bewusst schrägen Musik (u.a. Kastratengesang), die Michael Nyman auf der Grundlage von sechs Liedern des zeitgenössischen Komponisten Henry Purcell schrieb. Dabei setzte Greenaway bewusst auf grotesk übertriebene Kostüme und Dekors, auch die Dialoge sind manieriert, schwülstig und hochgestochen, genau wie der Sprachstil der Zeit. Greenaway war begeistert von dieser Epoche auch wegen ihrer Vorliebe für enorme Künstlichkeit und wegen der äusserst starren Regeln. Eingebettet sind diese Elemente in ein intellektuelles Vexierspiel
Die Hauptfigur ist der eitle Maler Mr. Neville (Anthony Higgins), der im Jahre 1694 auf dem idyllischen Landschitz Compton Anstey in der südenglischen Grafschaft Wiltshir verweilt. Das Anwesen gehört Mr. Herbert (Dave Hill) und seiner Frau Virginia (Janet Suzman). Auch die Tochter der Herberts, Sarah Talmann (Anne-Louise Lambert) und deren deutscher Ehemann Louis (Hugh Fraser) leben dort. Neben dem Verwalter Thomas Noyes (Neil Cunningham) verrichten dort viele Dienstboten ihre Arbeit.
In der ersten Szene lernt der Zuschauer den arroganten Neville aus dem Gesprächen mit den Hausbewohnern kennen. Vor allem Mrs. Herbert und Tochter Sarah versuchen mit reichlich Argumentation den Landschaftsmaler für einen Auftrag zu gewinnen. Während der 14tägigen Abwesenheit des Hausherrn wollen die beiden Damen Mr. Neville dafür gewinnen, dass er zwölf Zeichnungen anfertigen soll, die verschiedene Aussenansichten des Anwesens abbilden. Es soll ein überraschendes Geschenk an Mr. Herbert sein, der die Zeichnungen nach seiner Reise erhalten soll. Damit will Mrs. Herbert ein Stück weit auch die Ehe retten, denn ihr Gatte hat kein großes Interesse mehr an ihr. Zunächst gibt Mr. Neville allen Angebote eine deutliche Abfuhr, doch als Mrs. Herbert neben einen üppigen Honorar auch noch bereit ist dem Maler sexuell gefügig zu sein, wird der dreiste Vertrag aufgesetzt und Mr. Neville macht sich mit seiner Staffelei und seinem Assistenten Philipp (Alastair G. Cumming) ans Werk. Herbert hat mit seinem Pferd schon die Reise begonnen.
Als Perfektionist und Egozentriker muss alles nach seinen Vorgaben geschehen. Die ersten 6 Zeichnungen sollen angefertigt werden, alle zwei Stunden des Tages widmet er sich einer dieser Skizzen und er bestimmt, dass er beim Malen nicht gestört wird - die Ansicht des Hauses muss in dieser Zeit unter allen Umständen freigehalten werden und darf zwei Stunden nicht verändert werden. Das sorgt für Verärgerung, denn Neville schreckt auch nicht davor zurück die Hausherren selbst des Platzes zu verweisen, wenn diese plötzlich dort  auftauchen und die Ansicht und das Blickfeld durch ihre plötzliche Anwesenheit verändern.
Ganz in seinem Eifer bemerkt er gar nicht, dass in den Zeichnungen einige sonderbare Requisiten auftauchen. Was macht die aufgestellte Leiter unter dem Fenster eines Zimmers im Obergeschoss ? Oder auf einem anderen Bild ist ein Reitstiefel, auf einem weiteren die Kleidung des abwesenden Hausherrn zu erkennen. Sogar Herberts Pferd taucht in einem von Nevilles angefertigen Zeichnungen auf. Sonderbar...schließlich wird die Befürchtung zur Gewissheit, denn Mr. Herbert wird tot in einem Wassergraben gefunden.
Eigentlich hat auch jeder der Bewohner ein echtes Motiv, aber plötzlich sieht sich auch Mr. Neville in Gefahr, denn auch er könnte in Mordverdacht geraten...





"Der Kontrakt des Zeichners" ist mein Lieblingfilm von Greenaway, vermutlich auch deshalb, weil mich gut gemachte Historienfilme schon immer begeistert haben und dieser erste internationale Erfolg des Briten ist ein echtes Meisterwerk. Ein Film, der totales Vergnügen bereitet und sich bis heute als zeitlos gut erwiesen hat.
Peter Greenaway war vor allem in den 80ern populär und schuf 1989 mit "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" seinen erfolgreichsten Film. Er veränderte in seinen Werken die Filmsprache und verweigerte sich rational nachvollziehbaren Geschichten. Vor allem setzte er durch diese Verweigerung auf dei Kraft der Bilder. Ausdruckselemente anderer Kunstformen (Bildende Kunst, Architektur; Kalligraphie) gab er immer ein großes Podium






Bewertung: 10 von 10 Punkten. 

Montag, 16. April 2018

Das Auge







































Regie. Claude Miller

Papas kleiner Liebling, eine Serienkillerin...


Der französische Filmregisseur Claude Miller drehte 1976 mit "Unser Weg ist der Beste" seinen ersten Spielfilm, der auch gleich mehrfache Cesar-Nominierungen erhielt. In den 80er Jahren entstanden seine erfolgreichsten Filme. Das kriminalistische Kammerspiel "Das Verhör" erhielt 4 französische Filmpreise, auch "Das freche Mädchen" aus dem Jahr 1985 wurde mit zwei Trophäen ausgezeichnet. Für viele Kritiker ist jedoch der 1983 entstandene "Das Auge" sein Meisterwerk.
Das Drehbuch stammt von Michel Audiard und seinem Sohn Jacques, der später mit großartigen Meisterwerken wie "Der wilde Schlag meines Herzens" und "Ein Prophet" zu einem der wichtigsten und begehrtesten Regisseuren des Landes aufsteigen sollte.
In das Auge wird die Story eines Detektivs erzählt, der er einer mutmaßlichen Serienkillerin quer durch Europa folgt - das Hauptthema ist der Verlust eines Kindes. Sowohl Audiard als auch Hauptdarsteller Michel Serrault hatten das gemeinsame Schicksal, dass sie persönlich mit diesem tragischen Schicksal betroffen waren.
Louis Beauvoir (Michel Serrault) wird in Fachkreisen "Das Auge" genannt und war einer der besten Männer im Detektivbüro von Madame Schmitt-Boulanger (Genevieve Page). Doch das Auge ist müde geworden und er sucht schon Jahre nach seiner kleinen Tochter Marie, die er nie wieder sah als seine Frau ihn mit dem Kleinkind verließ. Das einzige was er hat ist ein Klassenfoto von der Einschulung und selbst dort kann er seine Tochter unter den vielen anderen Mädchen nicht erkennen. Durch seinen neuen Auftrag muss er die neue Freundin von Paul Hugo, einem vermögenden Sohn reicher Eltern (Philippe Lelievre) beschatten, weil die Eltern ihr misstrauen. Und dieses Gefühl stellt sich dann auch tatsächlich als begründet heraus, denn nach einer Liebesnacht hat Chaterine Leiris (Isabelle Adjani) ihren von ihr getöteten Lover im See verschwinden lassen. Die junge Frau reist unter vielen Namen quer durch Europa, sie nennt sich einmal Lucie Brentano, dann Ève Granger, manchmal tritt sie als Dorothée Ortis in Erscheinung oder als  Ariane Chevalier, auch Charlotte Vincent ist ein bevorzugter Name der geheimnisvollen Dame. Das nächste Opfer ist der reiche Michel de Meyerganz (Patrick Bouhitey). Augenzeuge beider Verbrechen ist der Detektiv, doch er wird die Mörderin nicht der Polizei melden. Auch seine Chefin führt er an der Nase herum, gibt falsche Erkenntnisse und wird zum Verfolger und zum Beobachter der Mörderin, die auch in Baden-Baden zwei Menschen meuchelt. Immer mehr wird der Detektiv dabei zum Beschützer der Frau und man hat das Gefühl, dass er in der Serienmörderin immer mehr seine Tochter sieht. So folgt er ihr von Monte Carlo nach Biarritz, vom Hotel Metropole von Brüssel nach Rom. Im Miami Fast Food Restaurant in Seine-Saint-Denis taucht Catherine unter ihre Freundin Betty (Dominique Frot) bei einem gemeinsam Banküberfall von der Polizei erschossen wurde. Dort spricht das Auge auch zum ersten Mal Catherine an. Aber auf deren Fersen ist nicht nur die Polizei, sondern auch zwei sonderbare Gestalten: Ein Zuhälter und eine ältere Prostituierte (Guy Marchant/Stephane Audran)...



 
"Das Auge" heißt im Original "Mortelle randonee" und basiert auf dem gleichnamigen Roman von Marc Behm.
Die Killerin erweist sich in der Geschichte als großer Fan der Liedes "La Paloma" - das gesummt oder gesungen wird. Man hört das Lied auch in der Fassung von Hans Albers.
Miller inszenierte seinen Film mit einer guten Portion Humor und er bezieht eine zusätzliche Spannung in der psychologischen Verquickung zwischen Detektiv und Mörderin. Der Mann sieht in der jungen Frau die Tochter und wird zunehmend zum Komplizen. Die Frau merkt den Zusammenhang auch irgendwann und in einer Szene klopft sie an seine Tür und ruft dabei "Papa" - als der Vater öffnet, hat sie schon die Knarre in der Hand und versucht ihm eine Kugel zu verpassen. Aber dennoch bleibt das Auge auf den Fersen. Isabelle Adjani ist natürlich die perfekte Besetzung für diese Femme Fatale. Da sie aber in diesem Jahr mit "Ein mörderischer Sommer" eine gleich gute Leistung vollbrachte, wurde sie für Jean Beckers Film für den Cesar nominiert - sie gewann auch die Auszeichnung.
Michel Serrault und eine völlig veränderte, extrem hässliche Stephane Audran bekamen Nominierungen - ebenso das beste Szenenbild, der beste Ton und die Kameraarbeit von Pierre Lhomme wurden vorgeschlagen. Am Ende ging "Das Auge" aber leer aus - dennoch ist Claude Miller einer der besten französischen Krimis der 80er Jahre gelungen.




Bewertung: 9 von 10 Punkten. 

Ridicule - Von der Lächerlichkeit des Scheins







































Regie: Patrice Leconte

Gemeiner Spott...

Das erste Projekt zu der Sanierung der Sümpfe von Dombes wurde im Jahre 1793 durch den Nationalkonvent auf Anregung des Bürgers Gregoire Ponceludon, Wasserbauingenieur im Staatlichen Dienst, begonnen. Viele Jahre vorher versuchte der engagierte Mann vergeblich bei König Ludwig XVI für sein Projekt vorzusprechen, doch es gelang ihm nie. Stattdessen erntete er durch die Adligen in Versailles nur Hohn und Spott. Daher heißt Patrice Lecontes ambitonierter Historienfilm auch "Ridicule" - in Deutschland erhielt er den Zusatz "Von der Lächerlichkeit des Scheins.
Bei der Preisverleihung der Cesars im Jahr 1997 gewann der Film vier Auszeichnungen: Bester Film, Bester Regisseur Patrice Leconte, beste Kostüme und beste Art Direction. Für acht weitere Kategorien gabs Nominierungen: Hauptdarsteller Charles Berling, die Nebendarsteller Bernard Giraudeu und Jean Rocheford, bestes Drehbuch, beste Filmmusik, bester Schnitt, bester Ton und als bester Kameramann Thierry Arbogast.
Der 1996 inszenierte Film spielt im Jahr 1780 - am  frühen Vorabend der französischen Revolution - und gibt einen tiefen Einblick in das dekadente Treiben der Adligen am spätabsolutistischen Hof des Königs. Der sucht sich die Menschen seiner unmittelbaren Umgebung immer selbst aus und keiner kommt so schnell in den Genuß die Bekanntschaft mit seiner Majestät zu machen. Da muss man schon sehr, sehr gute Beziehung zum Hof haben und es ist in dieser erlauchten Gesellschaft unbedingt erforderlich, dass man einen exzellenten Eindruck hinterlässt - man muss in der Regel seine Schlagfertigkeit beweisen können, denn ein Bonmot gilt als Zeichen von Geist und die Adligen wissen diese witzigen Einfälle der Sprache, die Geistesblitze im Dialog, pikante Anspielungen und Wortspiele, Maximen und Parodoxa sehr zu schätzen. Diese geistreiche Bemerkung im Gespräch ist unerlässlich in diesen anspruchsvollen Kreisen.
Der junge, aber nicht sehr vermögende Adlige Marquis Gregoire Ponceludon de Malavoy (Charles Berling) hat ein Gut im ostfranzösischen Dombes, inmitten einer Sumpflandschaft. Dort herrscht große Armut und die Bevölkerung ist von vielen Mücken geplagt, die in dieser Vielzahl Krankheiten verbreiten - viele Menschen streben dort, auch Kinder. Ponceludon zählt zu den wenigen Adligen, die sich auch um die Armen sorgen - so entscheidet er nach Versailles zu reiten. Er will sich dort vom König Unterstützung holen, um die Sümpfe endlich trockenzulegen. Kein leichtes Unterfangen - denn der König (Urbain Cancellier) ist sehr gut abgeschirmt, nur die engsten Vertrauten haben persönlichen Kontakt mit ihm.
Kurz vor Versailles wird Ponceludon ausgeraubt und zusammengeschlagen. Er wird von Marquis de Bellegard (Jean Rocheford), einem adligen Arzt gefunden und gesund gepflegt. Dort lernt er auch dessen selbstbewusste Tochter Mathilde (Judith Godreche) kennen, die vorhat - wegen des Geldes und der Unabhängigkeit - einen sehr alten vermögenden Adligen zu heiraten. De Bellegard nimmt Ponceludon unter seine Fittiche, denn er weiß wie man dem König näher und näher kommen und dann vielleicht auch eine Audienz bekommen kann.
Man sucht gemeinsam die Partys und Zusammenkünfte der Adligen auf, dort lernt er auch den gerissenen Abbe de Villecourt (Bernard Giraudeau) und dessen attraktive Geliebte Madame de Blayac (Fanny Ardant) kennen. Der Abbe ist ein Meister der Bonmots und Ponceludon wird zunächst Zielscheibe seiner subtilen anber boshaften Anspielungen, die Ponceludons provinziellen Hintergrund in der Fokus rücken. Bald bemerkt der junge Landadlige wie korrupt und hohl es in Versailles tatsächlich zugeht. Die große Chance kommt aber, denn er geht ein Verhältnis mit Madame de Blayac ein, obwohl er in Mathilde verliebt ist. Durch diese Liason bekommt er tatsächlich sein Vorsprechen beim König, doch es kommt nie dazu. Ein Duell macht alle Anstrengung zunichte...




"Ridicule" ist ein aussergewöhnlicher Historienfilm, der durch seine originelle handlung besticht. In der Filmographie von Regisseur Patrice Leconte ist "Ridicule" neben "Die Verlobung des Monsieur Hire" das herausragende Meisterwerk und ein geniales Zeit- und Sittengemälde über eine Ära, die bald dem Untergang geweiht ist, weil eine Wende gemacht werden muss. Ein bisschen sind auch schon die Vorboten der französischen Revolution spürbar, etwa dann wenn Leconte dem Zuschauer diese beiden voneinander völlig abgetrennten Lebensläufe "Adel" und "Arme" präsentiert.




Bewertung: 9 von 10 Punkten.

Der Mieter







































Regie: Roman Polanski

Unheiliches Haus, unheimliche Bewohner...

My home is my castle...doch Roman Polanski hat mit drei Filmen die eigenen vier Wände mit wüstem Horror überzeugen und dem Zuschauer Frucht und Angst eingejagt. Nach "Ekel" (1965) und "Rosemarys Baby" (1968) drehte er in Frankreich den atmosphärisch beklemmenden "Der Mieter", der am scheinbar sichersten Ort der Welt (dem Zuhause) seinem Untergang entgegen geht. Alle drei Filme sind genial und könnten als sogenannte "Mieter-Trilogie des Grauens" bezeichnet werden und "Der Mieter" ist vielleicht eine Mischung aus dem beiden vorherigen Filmen, denn der Protagonist könnte wie in "Ekel" tatsächlich krank sein - aber auch Opfer einer Verschwörung sein. Selbst wenn das Ende schlussfolgern lässt, dass der depressiv wirkende Mieter Trelkovsky eine Psychose durchmacht, gibt es genug Anhaltspunkte, dass in diesem Mietshaus vieles nicht mit rechten Dingen zugeht.
Aber erstmal ist der labile, aus Polen stammende Trelkovsky (gespielt von Polanski selbst) froh, dass er eine Wohnung mitten in Paris gefunden hat. Die ist zwar im dritten Stock, aber sie ist ganz günstig - sie hat einen kleinen Haken, denn die Vormieterin Simone Choule hat sich von ihrem Fenster in die Tiefe gestürzt und liegt auf der Intensivstation des Krankenhauses. Vermutlich wird sie den Sturz nicht überleben, aber dieses Schicksal löst in Trelkovsky ein mulmiges Gefühl aus, so dass er der Schwerkranken einen Besuch abstattet. Die ist nicht ansprechbar, das Gesicht bandagiert und als sie den Besucher sieht fängt sie fürchterlich an zu schreien. Dort lernt Trelkovsky auch Simones Freundin Stella (Isabelle Adjani) kennen, mit der er ins Kino geht und körperlich näher kommt. Am anderen Tag ist Simone Choule verstörben und der labile wie sensible Mann, der keine Freunde hat, ist nun einer der Mieter des Hauses des grantigen Monsieur Zi (Melvyn Douglas), der größten Wert auf Ruhe legt. Auch die anderen Nachbarn sind etwas eigenartig, wenn man es vorsichtig formulieren soll. Die herrische Madame Dios (Jo van Fleet) besucht die Nachbarn, um eine Petition gegen Madame Gaderian (Lila Kedrova) und deren gelähmten Tochter (Eva Ionescu) zu erwirken, die Concierge (Shelley Winters) glänzt mit mürrischem und unfreundlichem Auftreten und der Nachbar von oben (Claude Pieplu) beschwert sich in unverschämter Form bei dem Neueingezogenen, als er an einem Samstag Abend eine kleine Feier mit seinen Arbeitskollegen (u.a. Roman Bouteille, Josiane Balasko; Bernard Fresson) abhält. Immer wieder klopfen die Nachbarn, wenn Trelkovsky mal kurz einen Tisch in der Wohnung verrückt und auch in der Gemeinschaftstoilette auf der anderen Seite gehen seltsame Dinge vor. Dort stehen einige der anderen Mieter stundenlang, rühren sich nicht und sie könnten direkt in Trelkovskys Wohnung blicken, wenn der keine Gardine hätte. Die Wohnung selbst, die in der Rue des Pyrenees liegt, hat einen gewissen morbiden Charme mit ihrer blumig-grau befleckten Tapete und den morschen Dielen und der Zuschauer bemerkt, dass hier unheimliche Dinge vorgehen müssen. Sind einige der Mitmieter eine verschworene Mörderbande, die auch den schüchternen Angestellten Trelkovsky zuerst in den Wahnsinn und dann in den Suizid treiben wollen. Jedenfalls hat dieser immer mehr Angst und er hat das Gefühl immer mehr zu einer zweiten Simone Choule zu werden. Einzige Vertraute wird Stella...







Optisch und auch durch die verschrobenen und schrulligen Charaktere ist "Der Mieter" so eine Art französische Version von "Rosemarys Baby". Dort haben Figuren wie Dr. Saphirstein, Roman und Minnie Castevet oder Laura Louise fasziniert - hier heißen sie "Monsieur Zi, Madame Dioz oder Madame Gaderian. Und natürlich sind diese Figuren schauspielerisch perfekt besetzt. Melvyn Douglas und Jo van Fleet kommen trotz ihrer extrem bürgerlichen Fassade richtig teuflisch rüber und mit Stella ist auch eine Figur dabei, die der Zuschauer nicht ganz deuten kann. Ebenso ist die Hauptperson Trelkovsky vielschichtig und komplex angelegt, er ist mit Sicherheit psychisch anfällig und wird auch zunehmend pathologisch auffällig. Aber ist die Ursache ausschließlich im Innern und somit im Wahn des Protagonisten begründet oder ist er tatsächlich ein Opfer von diabolischen Machenschaften wie sie in "Rosemarys Baby" am Ende tatsächlich Realität war ? Dies lässt der Film doch am Ende noch etwas offen, obwohl sich die meisten sicherlich mit der ersten Variante zufrieden geben werden. In Punkto Angstmache ist "Der Mieter" auf jeden Fall perfekt gemacht - als ich den Film zum ersten Mal sah, hatte im im Hinterher tatsächlich eine gewisse Angst im eigenen Haus. Somit ist "der Mieter" sicherlich ein Film, der beim ersten Sehen am effektivsten ist. Wenn man ihn ein zweites Mal sieht, dann achtet man eher auf die kleinen Feinheiten und erkennt mit was für einer Detailtreue der Regisseur hier wieder glänzte und wie hervorragend diese Geschichte von der Kamera eingefangen wurde. Chefkameramann war Sven Nykvist, der große Schwede, der für Ingmar Bergman, Louis Malle oder Andrej Tarkovski arbeitete. Die Musik von Philippe Sarde ist typisch französisch und ebenfalls atmosphärisch wunderbar gelungen. Auch wenn "Rosemarys Baby" der perfekteste Horrorfilm von Polanski war, sein 1976 gedrehter filmischer Verwandter ist ihm sicherlich beinahe ebenbürtig.  Denn hier in diesem unheimlichen Mietshaus geben sich Alfred Hitchcock und Franz Kafka die hand. Durch den reinen Fokus auf die Hauptfigur gelingt es Polanski, dass dem Zuschauer die Distanz fehlt das Gesehene objektiv einordnen zu können. Damit werden verborgene Ängste freigelegt, was natürlich zu einem Höchstmaß an Bedrohlichkeit ausartet. Nur Polanski kann solche Filme machen.






Bewertung: 10 von 10 Punkten.