Freitag, 22. September 2017

Scharf beobachtete Züge







































Regie: Jiri Menzel

Liebe nach Fahrplan...

"Eine gute Komödie sollte von ernsten Dingen handeln. Wenn man zu ernsthaft über Ernstes redet, macht man sich lächerlich" hat der tschechische Filmemacher 2008 in einem Interview gesagt.
Er hat oft die literarischen Vorlagen seines Landsmanns Bohumil Hrabal verfilmt - nach der Niederschlagung des Prager Frühlings wurde auch seine Verfilmung von Hrabals "Lerchen am Faden" verboten. 1970 wurde der Regisseur, der als einer der wichtigsten Vertreter der tschechoslowakischen Nouvelle Vague gilt, mit einem Berufsverbot beim Film belegt. Sein bekanntester Film ist sicherlich "Scharf beobachtete Züge" (Original: Ostře sledované vlaky) aus dem Jahr 1966, denn für diese Tragikomödie konnte er sogar den Oscar als bester ausländischer Film gewinnen.
Mit diesem kleinen und sehr bescheiden wirkenden Film gelang ihm tatsächlich ein Meisterwerk dieser Dekade, das auch heute noch nichts von seiner großen Wirkung verloren hat.
Dabei erweist sich Menzel nicht nur als "scharfer Beobachter" der Menschen, sondern hat einen ausgeprägten Sinn für witzige Situationen, die er mit sehr viel Liebe zum Detail dem Zuschauer präsentiert. Der große Charme, den der Film auch heute noch ausstrahlt, ist die Finesse des Filmemachers für das Understatement. Umso mehr wirkt die Geschichte.
Schauplatz der Handlung ist die tschechische Provinz in der späten Phase des 2. Weltkriegs.
Der junge Milos Hrma (Vaclav Neckar) lebt in einem kleinen Dorf irgendwo in Böhmen und hat wie sein Vater eine Anstellung bei der Bahn bekommen. Seine Mutter (Pavla Marvalkova) bewundert vor dem ersten Arbeitstag die schicke Uniform ihres Jungen und ist mächtig stolz auf ihn. Er natürlich auch und gleich der erste Tag als Bahnamtswärter gefällt dem etwas unbeholfenen und schüchternen Jungen. Er merkt wie gemütlich es ist. Es kommen jeden Tag ein paar Züge vorbei - das ist alles. Der Stationsvorsteher (Vladimir Valenta) züchtet lieber Kaninchen und Gänse und Fahrdienstleiter Hubicka (Josef Somr) ist ein Schürzenjäger, hat offensichtlich viele Frauengeschichten und fragt den Youngster neugierig aus, was der mit der hübschen Zugschaffnerin Masa (Jitka Bendova) so alles anstellt - zu Milos Bedauern eigentlich gar nichts. Zu schüchtern ist der Junge, obwohl Masa ihm ständig zu verstehen gibt, dass sie in ihn verliebt ist. So bewundert er das selbstsichere Aufreten des Kollegen bei den Frauen - der hat auch ein kleines Schäferstündchen mit der jungen Zdenka (Jitka Zelenohorska). Da deren Mutter (Milada Jezkova) davon erfährt gibts Ärger. Auch Milos erstes Mal mit Masa wird zum Desaster. Bevor es dazu kommt, die Ejaculatio praecox schlägt erbarmungslos zu...



Hört sich bis dahin wie humorige Anekdoten über die Probleme der kleinen Leute aus der Provinz an, doch wir sind im 2. Weltkrieg und die Tschechoslowakei steht unter der Besatzung der Deutschen. Es gibt aber einen Widerstand, der rein beiläufig in die Handlung platziert wird, aber auch dennoch Wirkungen hinterlässt. So wird Milos rein zufällig zum Widerstandskämpfer, nachdem er sicher ist, dass seine sexuellen Probleme gelöst sind. Und immer wieder macht sich dieser Krieg aber auf dem kleinen Bahnhof sichtbar....nicht nur mit explosiver Gewalt. Vorher sieht man müde deutsche Soldaten, denen man ansieht, dass der Krieg ein echtes Übel ist und die lieber zuhause wären. Auch der pro-deutsche Kollaborateur ist mehr ein Tor als ein echter Schurke. So erklärt er in einer Szene dem verdutzten Bahnpersonal die Rückzüge der deutschen Truppen an allen Fronten. Diese genialen taktischen Rückzüge von den Deutschen sind natürlich nichts anderes als eine Falle, in die der Feind hineintappt.
Viele sehen in "Scharf beobachtete Züge"  den Geist des braven Soldaten Schweijk. Der Film verbindet in hervorragender Weise die Kömödie mit der Tragödie - Farce, Satire und Erotik sind hineingemixt und das Gesamtergebnis ist eine der besten Filme der 60er Jahre.
Man kann nur hoffen, dass noch weitere sehr gute osteuropäische Filme wie "Asche und Diamant", "Das Geschäft in der Hauptstraße" oder "Die Liebe einer Blondine" als deutsche DVD-Ausgabe folgen werden.



Bewertung: 10 von 10 Punkten.

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