Regie: Marcel Carne
Zeit und Vergänglichkeit...
Die Galerie, der höchste Rang im Zuschauerraum wurde früher auch "Olymp"
genannt. Im 18.19. Jahrhundert waren es die billigsten Plätze, so dass
auch arme Leute sich das Vergnügen leisten konnten ins Theater zu gehen.
Dort oben tummelten sich Jugendliche, Dienstboten oder Soldaten. Ihre
Reaktionen auf die Darbietungen waren auch gefürchtet, denn sie scheuten
sich nicht die Aufführungen auf der Bühne lautstark zu kommentieren.
Ironischerweise also saß die niedrigste soziale Schicht ganz oben in
diesem Olymp - in Frankreich hieß dieser Rang "Paradis". Marcel Carnes
Meisterwerk heißt "Kinder des Olymp" (Les Enfants du paradis) und ist
genau diesem Galeriepublikum gewidmet.
Die Arbeiten an dem Film dauerten 18 Monate und fanden zwischen 1943 und
1945 statt. Es war eine der größten Herausforderungen des französischen
Films im besetzten Frankreich die größten Studiobauten zu errichten.
Schließlich wollte man das Pariser Theaterviertel der Jahre 1830 bis
1840 so authentisch wie möglich zeigen. Transportmittel, Material,
Kostüme und Filmmaterial war äusserst knapp - man musste ständig
improvisieren. Der hervorragende Ausstatter Alexandre Trauner und auch
Komponist Joseph Kosma mussten im Verborgenen arbeiten, denn als Juden
waren sie gezwungen unterzutauchen. Heraus kam ein überwältigendes
Leinwand-Opus, das mit seinem Produktionsetat von 60 Millionen Francs
einer der teuersten Filme des französischen Nachkriegskinos wurde. Die
Uraufführung fand einige Monate nach der Befreiung am 9. März 1945
statt. Obwohl die Hauptdarstellerin Arletty als Kollaborateurin mit den
Nazis in Haft kam (sie hatte eine Affäre mit einem deutschen bekannten
deutschen Luftwaffenoffizier), wurde sie mit dieser Rolle zur
unsterblichen Leinwandlegende.
Die Handlung beginnt 1827 - Frankreich wird regiert von Bürgerkönig
Louis-Philippe. Das Volk von Paris ist theaterverliebt. Auf dem
Boulevard du Temple, die Straße, die den Spitznamen "Boulevard du Crime"
hat, herrscht reges Leben, es ist Jahrmarkt. Und das Volk schaut
vergnügt dem schwierigen Balanceakts eines Seiltänzers zu. Dieses Bild
ist vielleicht auch gleichzeitig Symbol für ein Hauptmotiv des Films,
denn er deutet hin auf den gefahrvollen Gang des Individuums auf einem
ganz schmalen Pfad, den man Schicksal nennt. Die Straße ist beinahe ein
Ebenbild des Theaters Funambules, nur hat sie ihren Spitznamen nicht nur
aufgrund der zahlreichen Mordszenen aus melodramatischen Stücken, die
dort aufgeführt werden, sondern vor allem Nacht geht es auf dem
Boulevard und in den Kneipen sehr gefährlich zu. Diebstahl, Totschlag
oder gar Mord sind keine seltenheit. Baptiste Debureau (Jean-Louis
Barrault) ist ein melancholischer Träumer und arbeitet mit Begeisterung
und völliger Hingabe als Pantomine im "Funambules". Auf dem Jahrmarkt
kann er der schönen Garance (Arletty) aus der Patsche helfen, als sie
unschuldig des Diebstahls einer Geldbörse bezichtigt wird. Als Dank
schenkt sie ihm eine Blume. Ab da ist es um den jungen Mann geschehen,
er liebt plötzlich. Zur gleichen Zeit will der extrovertierte Narzist
Frederic Lemaitre (Pierre Brasseur) als Charakterdarsteller am großen
Theater mit Stücken von Shakespeare berühmt werden. Doch er hat noch
kein Engagement. Er kann aber im Funambules arbeiten - vorausgesetzt er
akzeptiert die Rolle eines Löwen. So zwängt er sich in ein komisches
Köstüm und schnuppert erstmalig Theaterluft. Auch er hat die
unwiderstehliche Garance auf dem Jahrmarkt gesehen, mit ihr geflirtet -
aber einen liebevollen Korb erhalten. "Darf ich sie wieder sehen ?"
fragt er und bekommt als Antwort "Warum nicht ? Paris ist doch so klein
für zwei Liebende wie wir" und tatsächlich trifft er sie ein zweites
Mal. "Liebe ist so einfach" - so sagt Garance und nimmt das Leben
leicht. Sie verkehrt mit dem verhinderten Schriftsteller Pierre Francois
Laceinaire (Marcel Herrand), der die Frau ebenfalls begehrt. Als
Intellektueller und Anarchist leistet er sich aber auch noch den
Nervenkitzel Krimineller zu sein und schreckt auch mit seinem Kumpanen
Avril (Fabien Loris) nicht vor dem Morden zurück. Nathalie (Marie
Casares), die Tochter des Theaterdirektors (Marcel Peres) liebt
Baptiste, bemerkt aber, dass dessen Herz für eine andere schlägt.
Tatsächlich bekommt der schwärmerische Baptiste den Moment Garance zu
lieben, doch er verlangt mehr....alles und auf ewig. Er muss zusehen,
wie Frederic mit Garance eine Affäre beginnt. Doch die Beziehung hält
nicht lange. Garance trifft auf den reichen Grafen von Monterey (Louis
Salou) und verlässt Paris. Nach vielen Jahren kehrt sie nach Paris
zurück und erkennt, dass auch sie nie aufgehört hat, den sensiblen
Baptiste zu lieben. Der ist inzwischen mit Nathalie verheiratet, das
Paar hat einen kleinen Sohn. Nun beginnt sich das Liebeskarussel erneut
zu drehen..
am Ende des Films verfolgt Baptiste Garace, die im Gewühl des
Straßenkarnevals nicht mehr zu finden ist. Vielleicht das schönste
Filmende überhaupt - melancholisch, viel süßer Schmerz und vor allem
unterstreicht dieses Bild das Hauptthema des Films: Die Zeit und die
Vergänglichkeit. Seit ich diesen wunderbaren Film über das Theater
gesehen habe, gehört er zu meinen erklärten Lieblingsfilmen. Das
Drehbuch von Jacques Prevert ist perfekt und und Regisseur Marcel Carne
ist ein wahrer Meister seiner kunst. Er übertrifft mit diesem
Historienfilm noch seine Meisterwerke "Hafen im Nebel" und "Der Tag
bricht an". Ein magischer Film, der Melancholie und Lebensfreude
miteinander vereinen kann, ebenso Romantik und Realismus. Eine ganze
Epoche, der Aufbruch philosophischer Ideen, wird durch diese Geschichte
auf einmal lebendig.
Bewertung: 10 von 10 Punkten.














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