Regie: Otto Preminger
Rätselhafte Frau...
Zu den ungewöhnlichsten "Film Noirs" gehört zweifelsohne Otto Premingers
"Laura" aus dem Jahr 1944. Als genialer Schachzug von Preminger erwies
sich auch, dass er Joseph LaShelle als Kameramann engagierte, nachdem
Lucien Ballard nicht zur Verfügung stand. LaShelle brachte Stunden damit
zu die einzelnen Szenen des Films exakt zu planen - er hatte die
Ambition immer die perfekte Beleuchtung für jedes Bild zu finden. Dieser
Aufwand wurde belohnt - nicht nur, dass die Szenen teilweise einen
traumähnlichen Charakter wiedergaben, La Shelle erhielt für diese starke
Leistung auch den Oscar. Viele weitere Nominierungen sollten folgen.
Insgesamt kam "Laura" bei der Oscarverleihung 1945 auf vier weitere
Nominierungen (Beste Regie, Bester Nebendarsteller Clifton Webb, Bestes
Drehbuch und Bestes Szenenbild). Aber der Gewinner dieser Oscarnacht war
die erfolgreiche Schnulze "Der Weg zum Glück".
Man könnte fast sagen, dass der Film in zwei Teile gegliedert ist. Und
der erste Teil ist mehr "Film Noir" als der zweite Teil, der plötzlich
viele andere Gesichtspunkte und Facetten der Geschichte freigibt.
Es ist ein heißes Wochenende in New York City des Jahres 1941. Die
erfolgreiche Geschäftsfrau Laura Hunt (Gene Tierney) wird tot in ihrer
Wohnung aufgefunden. Gefunden wird die schöne attraktive Frau von ihrer
Haushälterin Bessie (Dorothy Adams) in einem übel zugerichteten Zustand.
Der Killer muss ihr mit einer Flinte ins Gesicht geschossen haben, als
die Frau ahnungslos die Wohnungstür öffnete. Mit den Ermittlungen wird
der toughe und auch ruppige Det. Lt. Mark McPherson (Dana Andrews)
betraut. Dem attraktiven Ermittler fällt auch gleich die Schönheit der
Toten auf, denn eib Gemälde von Laura hängt in ihrer Wohnung. Er beginnt
die engsten Freunde der Toten zu verhören, angefangen bei dem berühmten
Radiokolumnisten Waldo Lydecker (Clifton Webb), ein egozentrischer
Einzelgänger, der Laura den Startschuß ermöglichte eine erfolgreiche
Laufbahn einzuschlagen und der Laura auch abgöttisch liebte - allerdings
blieb dies alles platonisch. Lauras Beuteschema war eher der männliche
Draufgänger, sehr wahrscheinlich hätte die Tote auch Gefallen an dem
coolen Detective gefunden. Lydecker, der aber permanent in höchster
Eifersucht Lauras Liebesleben überwacht, schafft es, dass sie von ihrem
ersten Verehrer ablässt, nachdem Lydecker ihn in seiner Radiosendung
lächerlich gemacht hat. Bei Lauras letztem Verehrer, dem Taugenichts
Shelby Carpenter (Vincent Price) hat er aber weniger Möglichkeiten. Ja.
Laura wollte den Mann sogar heiraten, obwohl Waldo noch aufdecken
konnte, dass dieser ein Verhältnis mit Ann Threadwell (Judith Anderson),
Lauras reicher Tante hatte und es auch sonst mit der Treue nicht so
genau nimmt. Dann geschieht etwas mit dem Detective. Er übertreibt es
mit seinen Ermittlungen und schläft sogar in Lauras Appartement, liest
ihr Tagebuch, geht ihre persönliche Korrespondenz durch und möchte ihr
über dem Kamin hängendes Porträt kaufen. Als er dort einschläft,
betritt die vermeintlich tote Laura Hunt die Wohnung. Die lebendige Tote
erklärt dem überraschten Detective, dass sie die letzten Tage in ihrem
Landhaus verbracht hatte. Sie sei nicht ausgegangen und habe keinerlei
Besuch empfangen - aber wer ist nun ermordet worden ?
Preminger lässt seinen Film Noir in ein psychologisch interessantes
Psychodrama gleiten. Hervorragend gut sind alle Charaktere gezeichnet.
Man trifft auf den hartgesottenen Detektiv McPherson, dessen
Beschützerinstinkt erwacht. Und Laura ist nicht dieser Vamp, den die
Männer vergöttern und die Frauen bewundern. Sie fühlt sich sehr zu dem
intellektuellen Waldo hinzgezogen, aber nur freundschaftlich. Durch
diese Konstellation ergibt sich die Spannung, weil Waldo mehr möchte,
aber von Laura nicht das bekommen wird, was er sich wünscht. So lebt er
in seiner Egozentrik und gibt Sprüche wie "In meinem Fall ist Egoismus
vollkommen gerechtfertigt. Ich habe nie irgendetwas entdecken können,
dass sich meiner Aufmerksamkeit würdig erwiesen hätte" - in einer
Rückblende erzählt er von der ersten Begegnung mit Laura. Wie gewohnt
lässt er sie abblitzen, wie alle seine Mitmenschen. Seine Waffe ist die
arrrogante Unnahbarkeit - doch irgendetwas hat Laura ausgestrahlt, um
sie ein zweites Mal zu treffen. Shelby ist ein sympathischer Halunke
ohne Skrupel und mit wenig Verantwortungsgefühl. Er begehrt Laura, aber
auch andere Frauen. Und er lässt sich auch von Frauen aushalten. Lauras
kühle, reiche Freundin Ann weiß dies und hat sich mit diesem gemeinsamen
Deal arrangiert. Besonders eindringlich sind die Szenen zwischen
McPherson und Laura - ganz besonders wird das deutlich auf der
Polizeistation, wo Mark die Lampen abschaltet, damit er Lauras Schönheit
in ihrem ganzen Glanz erblicken kann. Clifton Webb ist natürlich die
perfekte Filmfigur in Premingers Noir - er agiert zunehmend sonderbarer
und wird im Laufe der Geschichte irre Tendenzen offenbaren. Ein Mann,
der sich im Leben einer Frau wie eine Spinne im Netz festgesetzt hat.
Die Oscarnominierung war wohl verdient. Optisch setzte Preminber auf
Bilder voller Grauschattierungen - dies verleiht dem unsterblichen
Klassiker seine geheimnisvolle Aura.
Bewertung: 10 von 10 Punkten.











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